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Geschichte : Adolf Diamant - der Herr der Akten

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Oh, er kann äußerst liebenswürdig sein, geradezu charmant. Wenn er erzählt - und Adolf Diamant hat wahrlich viel zu erzählen -, huscht manchmal ein spitzbübisches Lächeln über sein Gesicht. Aber wehe dem, den der Zorn des heute Achtzigjährigen trifft.

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          Oh, er kann äußerst liebenswürdig sein, geradezu charmant. Wenn er erzählt - und Adolf Diamant hat wahrlich viel zu erzählen -, huscht manchmal ein spitzbübisches Lächeln über sein Gesicht. Aber wehe dem, den der Zorn des heute Achtzigjährigen trifft. Dann verwandelt sich der freundlich-korrekte Herr in eine altbiblische Figur - in einen anklagenden Propheten, einen unerbittlichen Hohenpriester der Gerechtigkeit. Die Dresdner Bank, auf deren dunkle Flecke in ihrer Geschichte der Freizeithistoriker hingewiesen hat, kann davon ein Lied singen. Auch Ministerpräsident Roland Koch, der auf Diamants Betreiben hin das Kasseler Staatstheater wegen des Auftritts eines falschen Hitlers abmeiern mußte, und so mancher Staatsanwalt, dem eine Anzeige Diamants gegen echte oder vermeintliche Extremisten auf den Schreibtisch flatterte.

          Auch jener Jurist des Büssing-Konzerns, der eine Entschädigungsklage des Zwangsarbeiters Adolf Diamant abwehren sollte und diesen im Prozeß infamerweise der Lüge und der kommunistischen Hetze beschuldigte, hat Diamants Furor erfahren müssen. Der Anwalt möge hier und jetzt sagen, ob er einer nationalsozialistischen Organisation angehört habe, ja oder nein, donnerte Diamant in den Braunschweiger Gerichtssaal. Am nächsten Tag ward der Mann durch zwei junge Anwälte ersetzt. Diamant hat sein Verfahren gegen den Büssing-Konzern übrigens formal gewonnen - und erhielt sage und schreibe 167 Mark Entschädigung für ein knappes Jahr Sklavenarbeit. Das war in den fünfziger Jahren, an eine Zwangsarbeiterentschädigung, wie sie die deutsche Industrie mittlerweile leistet, war damals noch nicht zu denken.

          Die NS-Geschichte, der Holocaust, das Unglück der Juden - das sind die Themen, denen Adolf Diamant einen gut Teil seiner Lebenszeit geopfert hat. Nicht als beamteter Universitätshistoriker, sondern als Betroffener, als Chemnitzer Jude, der das Ghetto von Lodz und danach Auschwitz und Zwangsarbeit in Braunschweig überlebt hat. Immer hat sich Diamant später in der Verpflichtung gesehen, der Nachwelt Zeugnis zu geben. 22 Bücher hat er während der vergangenen 60 Jahre verfaßt, dazu etwa 1400 Artikel in Zeitungen, Zeitschriften und anderen Publikationen veröffentlicht: in dieser Zeitung, in anderen Frankfurter Zeitungen, in jüdischen Zeitschriften von Israel bis Amerika. Alle diese Arbeiten verfaßte er in seiner Freizeit, schließlich mußte Diamant auch seinen Lebensunterhalt verdienen, was ihm als Gastronomen und Immobilienkaufmann in anständiger Weise gelungen ist.

          Man fragt etwas, und Diamant schlägt einen Aktenordner auf und zieht ein amtliches Dokument, eine Akte, einen Brief oder einen Zeitungsartikel heraus: "Sehen Sie hier." Er hat die halbe Welt und fast die ganze jüdische Geschichte der Gegenwart gebändigt -in einem Archiv, das eine Viertelmillion Archivalien enthielt, bevor Diamant es an das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin abgegeben hat. Geradezu manisch sammelt er weiter - heute, nach dem morgendlichen Durchforsten mehrerer Zeitungen, beläuft sich die Tagesbeute auf fünf Artikel zu Israel und dem Irak.

          "Sammle!" hat ihn Ende der fünfziger Jahre der damalige Generalsekretär des Zentralrats, Hendrik George van Dam, aufgefordert. "Mach weiter, bewahre auf, was du bekommen kannst." Denn damals gab es in Westdeutschland kein Archiv, das die neueste Geschichte der Juden in Deutschland in Form von Dokumenten aufbewahrte. Diamant hat getan, wozu alle anderen übers Geldverdienen, den Aufbau von Familien und einer Existenz keine Zeit fanden. "Wenn du es nicht tust, tut es niemand mehr", hat ihm später eine andere Autorität, der letzte Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Chemnitz, Heinrich Guttmann, gesagt. Woraufhin sich Diamant, ausgerüstet mit Stullen und Thermoskanne, in die Frankfurter Universitätsbibliothek setzte, sich jedes Schriftstück über Sachsen und Chemnitz geben ließ, die entscheidenden Passagen abschrieb - Kopierer gab es noch nicht - und in seinen Zettelkasten einsortierte. "Chronik der Juden in Chemnitz" hieß das mehr als 300 Seiten umfassende Werk, das daraus entstanden ist, Diamants erstes Buch, 1970 im Frankfurter Weidlich-Verlag erschienen. Danach waren die "Juden in Zwickau" an der Reihe, im Folgenden jene in Dresden, in Leipzig, in Annaberg, in der DDR. Selbstverständlich befaßte sich Diamant auch mit der jüngeren Geschichte Frankfurts, das ihm nach seiner Rückkehr aus Israel seit 1954 Heimatstadt ist. Ihm ist es zu verdanken, daß eine Geschichte der Gestapo Frankfurt vorliegt mit fürchterlichen Details wie etwa einem fahrbaren Galgen, mit dessen Hilfe die SS-Henker im weiteren Umkreis Todesurteile vollstreckten. Diamant hat ferner das "Deportationsbuch" herausgegeben, in dem die Namen der meisten jüdischen Frankfurter festgehalten sind, die in den Jahren des Verbrechens in die Lager abtransportiert wurden.

          Es soll, es muß alles niedergeschrieben werden. Jedes Detail, jeder Name, jedes Geschehnis. Man könnte auf die Idee kommen, Diamant sei ein Diener des Jüngsten Gerichts und lege dem letzten Richter Seiten für das große Buch vor, in dem die ganze Geschichte verzeichnet wird. Dem würde der Kaufmann, der zum Historiker geworden ist, gewiß widersprechen. Diamant redet lieber von Akten, die nicht auf ewig verstauben, sondern in Form von Büchern und Artikeln der Nachwelt überliefert werden sollen. Dennoch hat sein unermüdliches Sammeln und Veröffentlichen etwas Metaphysisches. "Jeder Holocaust-Überlebende ist auf seine Weise meschugge", weiß Diamant. Schreiben sei seine Methode, die Verrücktheit auszuleben.

          Schreiben und Kämpfen, muß man sagen. Sein Kämpferherz erst macht Diamant zu dieser unverwechselbaren Persönlichkeit, die Freunde beeindruckt und Feinde beunruhigt. Kein Wunder, daß die Herren der Stasi sich den Mann aus Frankfurt, der sich so eifrig für das Schicksal der sächsischen Juden und die NS-Geschehnisse in Chemnitz, Dresden, Leipzig interessierte, vom Leibe halten wollten. Adolf Diamant sei jeder Zugang zu DDR-Archiven zu untersagen, hatten Mielkes Herren des Morgengrauens angeordnet, wie der Amateurforscher nach der Wende in seiner dicken Stasi-Akte nachlesen konnte. Die Stasi-Oberen befürchteten, Diamant könne ihrer früheren Praxis auf die Schliche kommen, NS-belastetete Volksgenossen zu Spitzeldiensten zu zwingen.

          Vom Chemnitzer Gestapochef Johannes Thümmler, einem blutigen Mörder, der in Süddeutschland einen geruhsamen Lebensabend verbrachte, weil man ihn mangels Beweisen nicht verurteilen konnte, hat Diamant noch zu DDR-Zeiten erfahren. Aber die Ost-Kommunisten verwehrten ihm den Zugang zu den Akten. Als die Mauer gefallen war und die Dokumente endlich offenlagen, war es zu spät. Die Zeugen waren fast alle gestorben, das von Diamant angestrengte Verfahren mußte eingestellt werden. Doch es ist zumindest alles aufgeschrieben - in Diamants Buch "Gestapochef Thümmler". HANS RIEBSAMEN

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