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Gerangel um die Fashion Week : Von Frankfurt lernen

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Klar, dass das deutsche Flugdrehkreuz in Frankfurt steht. Gerade wird Terminal 3 ausgebaut. Schon heute ist der Flughafen wahnsinnig groß, wer vom einen Ende zum anderen muss, ist gern mal bis zu eine Stunde unterwegs. Vermutlich ist Frankfurt-Flughafen auch deshalb ein eigener Stadtteil.

Eine Chance vertan

Berlin plagt sich indes mit dem BER herum. Nach mehr als zehn Jahren Verzögerung soll er im Herbst endlich eröffnen, ohne richtigen Probelauf und bereits vor dem ersten Abflug bereits zu klein. Eine dritte Start-und-Lande-Bahn wird es nicht geben, da wird der Partner aus Brandenburg nicht mitmachen. Einen Vorteil hat Berlin gegenüber Frankfurt – noch jedenfalls. Der Stadtflughafen Tegel könnte künftig als City-Airport eine wichtige Stütze für Geschäftsreisen sein. Doch Tegel soll geschlossen werden. Das wurde vor mehr als 20 Jahren so beschlossen, die Berliner Landesregierung will nicht vom Plan abrücken, auch wenn die Mehrheit der Hauptstädter für die Offenhaltung ist. Hier wird wieder eine Chance vertan, ein Standortvorteil geschlossen. Da geht es nicht darum, was ein Flughafen leisten soll, sondern wofür er vermeintlich steht. Verkehrspolitik als politisches Erziehungsmittel. So etwas könnte einer wirtschaftlich erfolgreichen Stadt wie Frankfurt kaum passieren, denn dort steht das Wohl der Stadtgesellschaft an erster Stelle.

In Berlin hingegen fühlen sich junge Gründer nicht im Schatten von gewichtigen Dax-Konzernen wohl, sondern ärgern sich mit schlechten Internetverbindungen herum und warten monatelang auf die Bewilligung von Anträgen. Da ist es nicht verwunderlich, dass viele von ihnen lieber nach Paris, Wien, Tel Aviv oder eben Frankfurt abwandern. Dort ist es nicht unbedingt schöner, vieles aber einfacher. Denn Ansehen und Lebensqualität sind das eine, wirtschaftliche Aspekte und Verständnis das andere.

Die Ereignisse um die Fashion Week sind ein weiterer Warnschuss für die angeschlagene Hauptstadtwirtschaft. Denn die Fashion Week ist nicht nur prestigeträchtig, sie bringt auch richtig was an Umsatz. Rund 70 000 Messebesucher sollen es sein, die jedes Jahr für die Schau nach Berlin kommen. 70 000 Menschen, die in Berlins Hotelbetten schlafen oder in den Restaurants der Stadt zu Abend essen. Das entspricht in etwa Einnahmen von rund 240 Millionen Euro. Darauf kann die Stadt eigentlich nicht verzichten.

So richtig erklärbar ist die Antihaltung nicht, doch es gibt viele Indizien dafür, dass die Entscheider Angst vor zu viel Kommerz haben. Denn die, die vom wirtschaftlichen Aufschwung einer Metropole profitieren, das sind meistens nicht die, denen der linke Kurs Berlins gefällt. Da heißt es: lieber einmal mehr piefig als zu modern. Nur leider passt das nicht zum Image einer Weltstadt, und der Hauptstädter befindet sich in einer Zwickmühle. Wie will er denn nun sein? Provinziell oder weltmännisch? Dazwischen gibt es nicht viel. Berlin lernt das gerade auf das schmerzlichste. Entweder leitet eine Landesregierung mit entsprechender Politik einen Paradigmenwechsel ein, oder sie verstärkt die Ängste vor zu viel Neuerung.

Metropole oder Weltstadt

Corona hat es noch einmal verdeutlicht. Berlin lebt sprichwörtlich von seiner Attraktivität. Doch der vermeintliche Vorteil gereicht der Hauptstadt zu oft zum Nachteil. Denn zur Metropole oder Weltstadt wird man nicht geboren. Frankfurt zeigt, was durch Engagement möglich ist.

Übrigens steht schon die nächste gewichtige Messe immer mal wieder auf der Kippe. Die Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung ILA hat viele Kritiker im rot-rot-grünen Senat. Frankfurt scheint mit seinem Flughafenareal prädestiniert für eine Ausrichtung.

Schließlich gilt das alte Sprichwort – wer schön sein will, der muss auch ein bisschen leiden. Berlin glaubt, nichts weiter für die eigene Attraktivität tun zu müssen. Frankfurt indes zeigt: Ein weiterer Weg in die rosige Zukunft der Stadt führt über einen Catwalk.

Aus eins mach zwei

Deutschland hat vom nächsten Jahr an zwei Fashion Weeks: eine in Berlin und eine in Frankfurt. Denn „Fashion Week“ ist kein geschützter Begriff. Und so kann auch Berlin für 2021 und darüber hinaus mit einem eigenen Format dieses Namens werben. Denn nach wie vor gibt es dort mit Mercedes-Benz einen Hauptsponsor für Schauen auf dem Laufsteg. Einige Designer verweigern sich Frankfurt sogar. Somit steht nur fest, dass die Handelsmessen der Fashion Week von Berlin nach Frankfurt ziehen. Also die „Neonyt“, mit Schwerpunkt auf ökologisch und fair produzierten Textilien, und die Veranstaltungen „Premium“ und „Seek“. Die „Neonyt“ ist ohnehin eine Marke der Messe Frankfurt. Bleibt es dabei, kann man sagen, dass die alltagstaugliche Mode nach Frankfurt wandert, ein gewisser Glamour-Faktor Berlin aber, zumindest theoretisch, erhalten bleibt. (Kno.)

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