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Gefährlicher Beruf Dachdecker : Fallstopper für die Dachfeuerwehr

  • -Aktualisiert am
Trittsicher: Peter Wörner von Streit hat schon fast alles erlebt, was man auf den Dächern Frankfurts erleben kann
          3 Min.

          Auf dem Dach des Diakonie-Krankenhauses in Sachsenhausen steht eine Birke. Zart ist sie, nicht dicker als ein Daumen. Peter Wörner von Streit kennt keine Gnade: Der Mann, der seit mehr als 21 Jahren als Dachdecker arbeitet, reißt die Pflanze heraus. Ein Dach ist eben kein Platz für einen Baum. Aber auch für Menschen ist es kein idealer Aufenthaltsort: Steil geht es auf beiden Seiten des Giebels nach unten. Dahinter lauern zehn Meter Tiefe und der Tod.

          Wörner von Streit ist dafür zuständig, dass es in den Krankenzimmern bei Regen nicht von der Decke tropft. Es ist Mittagszeit, aus den Abluftrohren der Krankenhausküche dringt Essensgeruch herüber. An diesem Tag ist es nur ein kleiner Auftrag, den er mit seinem Kollegen Jens Pankotsch zu absolvieren hat. Ein paar Schieferplatten auf den Gauben sind kaputt, sie müssen ausgetauscht werden.

          Alkohol auf dem Dach tabu

          Normalerweise bewegt sich Wörner wie eine Katze auf dem Dach, geschmeidig und trittsicher. Er ist Vorarbeiter, 41 Jahre alt; er hat schon fast alles erlebt, was man auf den Dächern Frankfurts erleben kann. Doch auch er kann stolpern. „Das passiert oft aus Überraschung, wenn man zum Beispiel in ein Wespennest greift“, sagt der Mann mit dem rot-braunen Gesicht. Auf den Dächern gibt es kein Entkommen vor der Sonne. Hitzefrei ist in der Branche ebenfalls unbekannt. Dafür belohnt der Blick auf die Frankfurter Skyline für die harte Arbeit in der Höhe.

          Wörner von Streit hat einen Ziegelstein nach oben geschoben und ein langes Seil an einem Sparren befestigt, einem dicken Tragebalken des Dachs. Fiele er hinunter, dann bremste ihn zunächst ein Fallstopper, nach ein oder zwei Metern baumelte er dann in der Luft – mit viel Adrenalin im Blut, aber quicklebendig. Anders als früher ist heute Alkohol auf dem Dach tabu. Wo Dachdecker noch in der Nachkriegszeit wie selbstverständlich zur Bierflasche griffen, ist heute höchstens noch eine Mütze mit dem Emblem einer Biermarke gestattet.

          Ein Dachdecker braucht keine Armbanduhr

          In den vergangenen Jahren ist der Dachdeckerberuf viel sicherer geworden. Klettergurte sind Pflicht. Nicht alle halten sich daran, aber in der Ausbildung sind derlei Sicherheitshinweise eines der wichtigsten Themen. Gerüste mit Fangnetzen sind Standard geworden, Sicherheitsschuhe mit trittsicherer Sohle und Stahlkappen ebenfalls. Auch die Arbeit mit Asbest-Schindeln ist heutzutage nicht mehr lebensgefährlich. Dafür müssen die Dachdecker Atemschutz tragen. „Das ist wie beim ABC-Alarm, als ich noch beim Bund war“, sagt der Vorarbeiter. Trotz allem haben Dachdecker ein sehr hohes Risiko, erwerbsunfähig zu werden: Es kommen viele Risiken zusammen.

          Da, wo sich die Riemen des Klettergurts auf Wörner von Streits Rücken kreuzen, hat sich ein Schweißfleck gebildet. Mit einem Schieferhammer schlägt er die neuen Platten zurecht. Er trägt die traditionelle dunkle Cordhose mit zwei goldfarbenen Reißverschlüssen an der Vorderseite. Ein Dachdecker ist stolz, dass er keine Armbanduhr braucht – er schaut einfach zum nächsten Kirchturm.

          Den Appetit verdorben

          „Wir werden immer um Hilfe gerufen, wenn irgendwo ein Schaden ist“, sagt Wörner von Streit. „Dann kommen wir, die Dachfeuerwehr.“ Sein Kollege blickt derweil auf eine Colaflasche, die in der Dachrinne liegt. „Da rollt einem Handwerker so eine Flasche in die Rinne und dann hat der Angst, die wieder rauszuholen“, sagt Wörner von Streit und schüttelt den Kopf – für Höhenangst hat er kein Verständnis.

          Sein schlimmstes Erlebnis war zwar nicht sonderlich gefährlich, aber es hat ihm gehörig den Appetit verdorben. Ein Fallrohr war verstopft, er sollte es saubermachen. Normalerweise sind Blätter die Ursache, wenn das Regenwasser nicht mehr abfließen kann. Doch diesmal griff Wörner von Streit in eine weiche Masse. Zuerst dachte er sich nichts dabei, doch dann bemerkte er, dass eine Taube offenbar ihren Kopf in dem Rohr verfangen hatte und jämmerlich verendet war.

          „Bei Sturm machen wir 'ne Flasche Sekt auf“

          Von ekligen Ausnahmen abgesehen ist Wörner von Streit sehr zufrieden mit seinem Beruf. Die Knie und Waden tun manchmal weh vom langen Hocken auf dem Dach. Dafür hat er das Gefühl, etwas zu schaffen, das Bestand hat, etwas Dauerhaftes. Nur an die Arbeit im Alter, daran will er nicht so gerne denken. Neulich haben Pankotsch und er einen Kollegen getroffen, der mit 63 Jahren immer noch auf dem Dach arbeitete, auch wenn er sich nicht mehr so gut bewegen konnte. Das ist für sie kein Vorbild.

          Gefährlich werden kann ihnen auf den Dächern der Stadt außer der eigenen Sorglosigkeit vor allem das Wetter. Bei Regen können die Ziegel und besonders die Schieferplatten glitschig werden. Wenn es blitzt und donnert, ist ein Dach ein denkbar ungeeigneter Aufenthaltsort. „Die erste Devise ist dann: flach hinlegen“, sagt Pankotsch, während er mit dem Besen Schiefersplitter vom Dach fegt. Auch die umgeknickte Birke kommt in den Mülleimer. Einen Vorteil hat das Wetter in den Augen der Dachdeckergesellen aber auch, denn es sorgt immer wieder für Aufträge. Wörner von Streit sagt: „Bei Sturm machen wir ’ne Flasche Sekt auf und bei Orkan ’ne Flasche Champagner.“

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