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Gedenksteine und Geschichten : Stolpern gegen das Vergessen

Kennt die Geschichten hinter den Messingplaketten: Hartmut Schmidt ist der erste Vorsitzende der Initiative Stolpersteine in Frankfurt. Bild: Privat

Schon mehr als 1500 Gedenksteine für Opfer des Nationalsozialismus wurden in der Stadt Frankfurt verlegt. Für die Geschichten, die sie erzählen, interessieren sich nicht nur die Angehörigen.

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          Der heftige Regenguss kann Hartmut Schmidt nicht abhalten. Er parkt sein Fahrrad vor dem Haus Savignystraße 76 in Frankfurt, stellt sich vor das geöffnete Tor und blickt auf den Boden. Ein Bauarbeiter, der dort gerade die Einfahrt erneuert, schaut ihn fragend an. „Gibt es ein Problem?“ Nein, Hartmut Schmidt schaut nur die Stolpersteine an, die dort für die Familie Landauer in den Gehweg gelassen wurden. „Können Sie etwas über die Geschichte erzählen?“, fragt der Bauarbeiter. Schmidt nickt, und der Mann stellt sich neben ihn und hört zu.

          Theresa Weiß
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der 77 Jahre alte Schmidt ist der erste Vorsitzende der Initiative Stolpersteine in Frankfurt. Sein Verein hat schon 1526 Gedenksteine in der Stadt verlegen lassen. Sie wurden in den Boden vor dem letzten freiwilligen Wohnort der Menschen eingelassen, die vor den Nationalsozialisten fliehen mussten, die deportiert und ermordet wurden. So wie bei den Landauers, die 1942 ihr Zuhause in Frankfurt verließen und in den Niederlanden Schutz suchten. Bei einer Razzia 1943 wurden sie verhaftet, zwei Kinder konnten untertauchen. Der Rest der Familie wurde in das Konzentrationslager Bergen-Belsen verschleppt, der Vater Karl Landauer starb dort.

          Im Westend gibt es besonders viele Stolpersteine, denn dort lebten bis zur „Entjudung“ in den dreißiger Jahren viele Menschen, die den Nazis als Juden galten, die entrechtet und verfolgt wurden. Schmidt kennt sie alle, er ist dabei, seit der Verein 2007 gegründet wurde. Vor zwei Wochen hat die Initiative wieder einmal 22 Steine verlegen lassen. Im Bahnhofsviertel, in Niederrad und wieder im Westend. In der Myliusstraße bekam zum Beispiel Clara Dondorf einen Gedenkstein. Sie sang im Cäcilienverein, der nun auch die Verlegung des Steins initiierte, und pflegte ihren Vater in ihrem Geburtshaus, bis die Machthaber sie zwangen, das Haus zu verkaufen.

          80 Steine liegen derzeit bereit

          Der Frau gelang die Flucht in die Schweiz, wo sie 1970 starb; sie war so enttäuscht von der Entrechtung, dass sie niemals nach Frankfurt zurückkehren wollte. Normalerweise kommen viele Angehörige oder Nachkommen der Opfer, wenn ein Stein verlegt wird. Diesmal konnte jedoch aufgrund der Corona-Pandemie kaum jemand anreisen. „Bei uns liegen derzeit 80 Steine bereit“, sagt Schmidt. Sie sollen verlegt werden, wenn die Kontakt- und Hygienebestimmungen es zulassen, wieder Gäste aus aller Welt zu empfangen.

          Hartmut Schmidt kennt die Geschichten hinter den Messingplaketten gut, denn er ist hauptsächlich für die Recherche verantwortlich. Meist kommen Angehörige auf ihn zu und geben ihm ein paar Namen und Daten. Er sucht dann im Institut für Stadtgeschichte, im Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden und im Archiv des Jüdischen Museums nach den Geschichten. Eine, die ihn besonders mitgenommen hat, ist die von Lux Oswalt. „Einer der wenigen, über den ich mehr herausgefunden habe als die nackten Zahlen.“ Schmidt führt Menschen darum gern vor die Bettinastraße 48.

          Die Schicksale hinter den Steinen sichtbar machen

          Ludwig „Lux“ Oswalt war der Sohn einer jüdischen Frau und damit – obwohl evangelisch getauft und in der Petersgemeinde aktiv – für die Nationalsozialisten ein Jude. Im Gallus musste er schwere Zwangsarbeit leisten, bis er die Aufforderung erhielt, sich an der Großmarkthalle einzufinden, um fortgeschafft zu werden. Er wurde nach Lublin in Polen deportiert und ermordet.

          Hartmut Schmidt hat in den Kirchenbüchern über ihn recherchiert, hat rekonstruiert, dass er die Musterschule besuchte und mit der Jugendgruppe in seiner Gemeinde Theaterstücke schrieb und aufführte. In Heiko Arendts Dokumentarfilm „Meinen Freunden zum Abschied“, der auf Vimeo zu sehen ist, berichtet Schmidt von Lux. Er hat auch den Abschiedsbrief des jungen Mannes, der mit 20 Jahren verschleppt wurde, gefunden. Darin schreibt er an seine Freunde: „Ich weiß nicht, was vor mir liegt, vielleicht ist das gut so, und das Köstliche, was ich mitnehme, sind die Erinnerungen an das, was ich in meinen jungen Jahren erlebt habe und worin jeder von Euch eine Rolle spielt.“ Solche Geschichten zu erzählen, die Schicksale hinter den Steinen sichtbar zu machen, treibt Hartmut Schmidt an.

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