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Gedenkstätte Börneplatz : 961 kleine Namenstafeln

Ort des Gedenkens: die Mauer des alten jüdischen Friedhofs an der Battonnstraße Bild: F.A.Z. - Anna Mutter

Die Frankfurter Gedenkstätte Börneplatz erinnert an die während der Nazi-Herrschaft ermordeten Frankfurter Juden. Nun wird sie erweitert und die Mauer um 961 neue Namenstafeln ergänzt.

          „Annelies Frank. 12. 6. 1929 - März 1945. Bergen-Belsen.“ Drei Steine liegen auf dem Namenstäfelchen. Besucher haben sie als Zeichen der Erinnerung an Anne Frank hinterlassen, an jenes Mädchen aus Frankfurt, welches in seinem Versteck im Hinterhaus in Amsterdam ein Tagebuch geführt hat, das zu einem der eindringlichsten Dokumente über die Verfolgung der Juden während der nationalsozialistischen Diktatur geworden ist.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wo Anne Frank, gestorben irgendwann im März 1945 im KZ Bergen-Belsen, begraben wurde, weiß man nicht. Doch sie hat ein Grab bekommen - nachträglich. Seit dem 16. Juni 1996, seit der Eröffnung der Gedenkstätte Neuer Börneplatz, hat nicht nur Anne Frank, sondern besitzen 11.133 weitere ermordete jüdische Frankfurter eine symbolische letzte Ruhestätte: die Mauer des alten jüdischen Friedhofs an der Battonnstraße.

          In den zehn Jahren seit der feierlichen Eröffnung der Gedenkstätte Börneplatz am 16. Juni 1996 haben die Mitarbeiter des Jüdischen Museums weitere 961 Holocaust-Opfer aus Frankfurt identifizieren können. Darunter Männer und Frauen, die während dreier Deportationen im Mai und Juni 1942 verschleppt wurden, aber nicht auf den vorhandenen Deportationslisten auftauchen. Auch wurden im Laufe der Forschungen Namen von Frankfurter Juden bekannt, die in die Niederlande oder nach Frankreich emigriert waren und dort von den Häschern der Nazis in ein Vernichtungslager transportiert oder gleich getötet wurden. Diese 961 Ermordeten sollen jetzt ebenfalls ein symbolisches Grab an der Friedhofsmauer erhalten.

          Intakte Grabsteine und Fragmente zerstörter Steine im hinteren Teil des Friedhofs

          Das Andenken bewahren

          Die Kosten für die Ergänzung der Mauer um die 961 Namenstafeln sowie die Rekonstruktion einiger Grabsteine auf dem Friedhof selbst liegen bei 603.000 Euro. 300.000 Euro sind im städtischen Haushalt 2005/2006 eingeplant, die fehlenden 303.000 Euro will die Stadt ebenfalls bereitstellen. Ein entsprechender Antrag liegt der Stadtverordnetenversammlung vor, die demnächst darüber abstimmen wird. Es gibt keinen Zweifel daran, daß alle demokratischen Parteien im Römer sich für den Antrag aussprechen werden.

          Schon bei der Planung der Gedenkstätte war man sich darüber bewußt gewesen, daß aller Wahrscheinlichkeit nach weitere Namen von Opfern entdeckt werden würden. Deshalb ließen die Architekten an der südöstlichen Mauer Platz für zusätzliche Täfelchen. Doch reicht dieser nicht aus, um alle Opfernamen aufzunehmen, weshalb jetzt den fünf Namensreihen an der Südmauer des Friedhofs eine sechste hinzugefügt werden wird.

          Nach den bei der Planung der Gedenkstätte festgelegten Kriterien gelten als Opfer der Frankfurter Judenschaft jene Juden, die entweder in Frankfurt geboren oder von hier verschleppt wurden. Diese Definition hat ihre offensichtlichen Schwächen: So konnte etwa Edith Frank, geborene Holländer, die Mutter von Anne Frank, nicht aufgenommen werden, weil sie in Aachen geboren und von Amsterdam aus nach Auschwitz-Birkenau verschleppt wurde. Das Jüdische Museum weiß um diese Problematik, man habe aber damals eine Grenze ziehen müssen, weil man nur eine Gedenkstätte für Frankfurt und nicht für ganz Hessen und darüber hinaus habe schaffen können. Allerdings taucht Anne Franks Mutter in der Datenbank auf, die das Museum in den vergangenen Jahren erarbeitet hat und die ganze Biographien und Familiengeschichten enthält. Diese Daten, die derzeit nur im Museum abrufbar sind, sollen so bald wie möglichst ins Internet gestellt worden. Für Museumsleiter Raphael Gross stellt dies den Schlußstein des in den neunziger Jahren geborenen Vorhabens dar, dessen Ziel lautete, das Andenken an jeden einzelnen ermordeten Frankfurter zu bewahren.

          Eindrucksvollste Gedenkstätte Deutschlands

          Einen Teil der Börneplatz-Gedenkstätte stellt der alte jüdische Friedhof dar, dessen erster Grabstein aus dem Jahr 1272 stammt. Der restlos überfüllte und deshalb 1828 zugunsten des Friedhofs an der Rat-Beil-Straße aufgegebene Gottesacker sollte in der Zeit der Nationalsozialisten dem Erdboden gleichgemacht werden. Das vom Nazi-Oberbürgermeister Friedrich Krebs in Auftrag gegebene Zerstörungswerk wurde jedoch Ende 1942 mit den ersten Bombenangriffen abgebrochen, denn der jüdische Friedhof wurde als Deponie für Bombenschutt gebraucht - wovon noch heute die überall dort verstreuten Glasscherben zeugen, Relikte von Fensterscheiben aus den bombardierten Häusern der Altstadt.

          Das hintere östliche Drittel des Friedhofs blieb dadurch erhalten, insgesamt etwa 2500 unzerstörte Grabsteine finden sich noch, dazu kommen 175 Grabsteine, die schon in der Nazi-Zeit als bedeutende Denkmäler ausgelagert wurden, darunter auch der Stein für Mayer Amschel Rothschild, den Stammvater der legendären Bank-Dynastie.

          Während der vergangenen Jahre hat das Jüdische Museum alle Grabsteine und alle 3500 Fragmente von Steinen dokumentieren lassen. Aus den Bruchstücken haben die Historiker des Hauses 500 Grabsteine virtuell wiederhergestellt. 23 davon sollen jetzt auch physisch wieder zusammengefügt und an einer Mauer an der Südwestseite des Friedhofs angebracht werden. Auch dieses Vorhaben, dessen Planung abgeschlossen ist und das voraussichtlich im Laufe des nächsten Jahres vollendet wird, soll aus jenen Geldern finanziert werden, die die Stadtverordneten demnächst bewilligen werden. Die Frankfurter Gedenkstätte, die jedem einzelnen Toten in gewisser Weise ein eigenes Grab gibt, ist nach Ansicht nicht nur des jüdischen Historikers Arno Lustiger die eindrucksvollste Gedenkstätte Deutschlands, die an den Judenmord erinnert - nach der Erweiterung mehr denn je.

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