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Gedenken an ermordete Juden : Ein Name, eine Geschichte

  • -Aktualisiert am

Bei Margarete Rabows Projekt sollen die Namen von Todesopfern der Schoah mit Kreide auf den Mainkai geschrieben werden. Bild: Samira Schulz

Im Jüdischen Museum sind die Schicksale der im Holocaust ermordeten Frankfurter Juden dokumentiert. Margarete Rabow schafft mit ihrem Kunstprojekt „Schreiben gegen das Vergessen“ noch mehr Sichtbarkeit: Sie wird die Namen direkt auf den Mainkai schreiben.

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          Ein Schüler, der mit zehn Jahren bei den hessischen Schülermeisterschaften einen Rekord aufstellt. Sieben Jahre später ist er tot. Ein Unternehmer, der seine Warenhäuser übereignen muss und nach Frankreich flieht. Seinen 75. Geburtstag erlebt er noch, kurz darauf wird er umgebracht. Eine Kauffrau, die nach 21 Jahren in Frankfurt ihre Wohnung verlassen muss. Ein Jahr später wird sie verschleppt, Todesdatum unbekannt.

          Die Schicksale von Herbert Schafranek, Hermann Wronker und Regina Bendkower, die das Jüdische Museum dokumentiert hat, haben eines gemeinsam. Sie zählen zu den knapp zwölftausend Frankfurter Juden, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Von Sonntag an rücken die Namen dieser Männer, Frauen und Kinder fünf Tage lang in den Mittelpunkt der Stadt.

          Zwischen Eisernem Steg und der Untermainbrücke schreiben Freiwillige mit weißer Schulkreide 11 908 Namen auf den Asphalt des Mainkais. Die Künstlerin Margarete Rabow hat die Aktion „Schreiben gegen das Vergessen“ ins Leben gerufen. Vor zwei Jahren schrieben im Rahmen des Projekts schon 800 Freiwillige die Namen der ermordeten Wiener Juden auf die Hauptallee des Praters. Der begleitende Film sei damals auch in Frankfurt auf eine sehr positive Resonanz gestoßen, sagt Rabow.

          Gedenken auf 16-Millimeter

          Das Atelier der Künstlerin im Ostend gleicht wenige Tage vor Beginn eher einem Lagerhaus als einem Ort künstlerischen Schaffens. Schwarze Knieschützer stapeln sich auf dem Tisch, Verkehrsleitkegel in der Ecke und Pakete neben der Tür. Auf der Fensterbank liegt eine analoge 16-Millimeter-Filmkamera.

          Die Künstlerin Margarete Rabow wird ihr Projekt „Schreiben gegen das Vergessen“ mit einer analogen 16-Millimeter-Kamera dokumentieren.
          Die Künstlerin Margarete Rabow wird ihr Projekt „Schreiben gegen das Vergessen“ mit einer analogen 16-Millimeter-Kamera dokumentieren. : Bild: Samira Schulz

          Mit einem solchen Modell werden drei Kameraleute im Laufe der fünf Tage jeden Namen auf dem Mainkai einzeln fotografieren. Daraus entsteht ein zehnminütiger Film mit 24 Bildern pro Sekunde, für den, ähnlich wie in Wien, eine öffentliche Aufführung geplant ist. Ein Blick in das Gästebuch aus Wien offenbart gerührte Zuschauer. „Sie glauben gar nicht, wie sehr es mich geehrt hat, mitzumachen“, schreibt etwa ein 13 Jahre altes Mädchen.

          Das Filmmaterial ist ein essenzieller Bestandteil des Kunstprojekts. Mit dem nächsten Regenguss verschwinde die Kreide von der Straße, im Grunde wie der Lauf der Geschichte, sagt Rabow. „Es ist wichtig, dass die Aktion etwas Vergängliches hat.“ An permanenten Gedenkorten laufe man irgendwann einfach vorbei. Damit das niedergeschriebene Gedenken auf Asphalt allerdings nicht ganz verschwinde, griffen sie auf den Film zurück. Bei guter Lagerung könne er sich bis zu 100 Jahre halten, sagt Rabow. „Der Film bleibt, die Namen vergehen.“

          Familiengeschichte

          Zwei große Schwarzweißbilder hängen an der Wand des Ateliers. Auf dem einen reihen sich Fotos mit Namen aneinander, die aus einem früheren „Schreiben gegen das Vergessen“-Projekt stammen. Ihre schiere Menge ist schwer zu fassen, sie zu zählen fast unmöglich. Endlos erscheinen auch die Reihen auf dem zweiten Bild. Es zeigt Tausende von Häftlingen auf dem Appellplatz im Konzentrationslager Buchenwald.

          In ihren Arbeiten beschäftigt sich Margarete Rabow seit Jahren mit dem individuellen und gesellschaftlichen Erinnern an den Holocaust. Buchenwald sei der Dreh- und Angelpunkt ihrer Familiengeschichte, erklärt die Künstlerin. „Das Thema ist eher zu mir gekommen, als ich zu ihm.“

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