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Gedenken an ermordete Juden : Ein Name, eine Geschichte

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Der jüdische Großvater väterlicherseits starb 1942 in Buchenwald. Rabows Vater und seine Brüder saßen jeweils lange in Gestapohaft, einer wurde nach Buchenwald deportiert. In ihrer Familie hätten sie nie wirklich über diese Zeit gesprochen, erzählt Rabow. Mit 14 Jahren habe sie ihren Vater zum ersten Mal gefragt, wie es ihm während des Krieges ergangen sei. Die Antwort sei kurz ausgefallen. „Ich habe gespürt, dass er nicht weiter darüber reden wollte.“

Reden statt Schweigen

Kurt Grünberg ist Psychoanalytiker am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt. Er forscht seit Jahrzehnten zu den psychosozialen Spätfolgen der nationalsozialistischen Verfolgung. Schweigen als Bewältigungsmechanismus eines extremen Traumas ist ihm wohlbekannt. Der Holocaust bleibe der pure Schrecken, im tiefsten Sinne unfassbar und nicht logisch begründbar. „Er hat das, was vor der Schoa als das Menschenmögliche galt, noch überschritten.“

Margarete Rabow wollte irgendwann trotzdem reden. Mit der innerfamiliären Verdrängung habe sie nicht mehr weitermachen wollen. Sie reiste nach Buchenwald, blieb zehn Stunden lang unbeweglich auf dem Appellplatz stehen, filmte auch das mit einer 16-Millimeter-Kamera. „Irgendwann ging es nur noch ums Durchhalten.“ Dann beschrieb sie den Weg vor dem Lager mit den Namen der 9845 Häftlinge, die im Zuge der Novemberpogrome als Schutzhäftlinge eingeliefert wurden, darunter ihr Großvater.

Zwei Jugendliche, die sich von ihrer Klasse abgesetzt hatten, beobachteten sie dabei. Beinahe entrüstet seien sie zu ihr gekommen. Sie konnten nicht verstehen, warum sie die Namen nur mit Kreide schrieb – das gehe doch gleich wieder weg. Welch große Außenwirkung das Schreiben erzeugen könne, sei ihr hier zum ersten Mal klargeworden. Eine Lehrerin habe später einmal zu ihr gesagt: „Wenn die Schüler alles vergessen, dass Sie da auf Knien rumrutschen, werden sie nicht vergessen.“

„Ermordet heißt ermordet.“

Wer sich in Frankfurt am „Schreiben gegen das Vergessen“ beteiligen möchte, meldet sich über die Internetseite der Kunstaktion an. Die Teilnehmer bekommen eine Liste mit 60 Namen, Knieschoner, Kreide und können beginnen. Eine halbe bis ganze Stunde müsse dafür eingeplant werden. Geburts- und Sterbedaten der Opfer spielen keine Rolle. In Buchenwald und in Wien waren sie nicht Teil der Aktion, und auch auf dem Mainkai werden sie nicht neben den Namen stehen, sagt Rabow. „Ermordet heißt ermordet.“ Die Schreibenden befänden sich in einer Situation der andächtigen Trauer, solche Daten seien dabei völlig irrelevant. Wenn jemand nur den Namen eines im Holocaust ermordeten Angehörigen aufschreiben möchte, sei auch das möglich. Sollte es regnen, weichen die Schreibenden in das Haus am Dom aus. Dann wird auf Papier weitergemacht, um wirklich allen Namen ein Denkmal im Film setzen zu können.

Dieses Denkmal ist Rabow wichtig. „Jeder Name ein Mensch, eine Geschichte, ein vernichtetes Leben“ steht auf dem Flyer zur Kunstaktion. Geschichten wie die des Schülers, des Unternehmers und der Kauffrau. Oftmals blieb von ihnen nicht mal mehr eine Grabstätte übrig. Von fast 30.000 Juden überlebten weniger als 200.

Schreiben gegen das Vergessen
Geschrieben werden die Namen auf dem Mainkai von Sonntag, 23. August, 10 bis 17 Uhr, bis Donnerstag, 27. August, 11 bis 16 Uhr.

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