https://www.faz.net/-gzg-12txw

Geburtstag vor 80 Jahren : Wer hat Anne Frank verraten?

Weltliteratur: Das Tagebuch der Anne Frank - im Original Bild: dpa

Ein Denunziant hat den deutschen Sicherheitsdienst auf die versteckten Juden im Hinterhaus der Prinsengracht 263 in Amsterdam aufmerksam gemacht. Es gibt Verdächtige - aber keine Beweise.

          Wann der verhängnisvolle Anruf bei der Außenstelle des deutschen Sicherheitsdienstes in Amsterdam eingegangen ist, weiß niemand genau. Man vermutet am Morgen des 4. August 1944. Die Deutschen haben jedenfalls reagiert, offenbar schnell reagiert. Gegen zehn Uhr am Vormittag besagten Tages hält vor dem Haus Prinsengracht 263 ein Auto, ein SS-Offizier und drei niederländische Polizisten springen heraus und gehen ins Haus.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Otto Frank, der Vater von Anne Frank, erinnert sich, dass plötzlich jemand die Treppe herauf rannte: „Die Stufen krachten, und ich fuhr hoch, denn es war doch Vormittag, wo jeder leise zu sein hatte – aber da ging schon die Tür auf, und ein Mann stand direkt vor uns und hielt mir die Pistole vor die Brust.“ Dieser Mann war der SS-Oberscharführer Karl Joseph Silberbauer. Zwei Jahrzehnte später wird Silberbauer, inzwischen Polizist in Wien, erklären, dass er nicht wisse, wer damals in der SD-Außenstelle in Amsterdam angerufen und den Hinweis auf versteckte Juden im Hinterhaus der Prinsengracht 263 gegeben hat. Den Anruf habe sein Chef Julius Dettmann entgegengenommen, an ihn sei daraufhin der Befehl ergangen, eine Razzia einzuleiten.

          Drei Hauptverdächtige und mehrere Theorien

          Hartnäckig hält sich das Gerücht, Dettmann habe am Telefon eine Frauenstimme vernommen. Einen Beleg oder auch nur einen Hinweis darauf gibt es nicht. Bis heute ist nicht sicher, wer Anne Frank und die anderen sieben Untergetauchten verraten hat. Ziemlich viele Leute müssen gewusst haben, dass sich in der Prinsengracht Menschen versteckt hielten Denn die Franks – Vater Otto, Mutter Edith und ihre beiden Töchter Margot und Anne – sowie das Ehepaar Hermann und Auguste van Pels mit ihrem Sohn Peter und darüber hinaus Fritz Pfeffer mussten versorgt werden in einer Zeit, da die Lebensmittel rationiert waren. Da waren viele Helfer und Lieferanten notwendig.

          Anne Frank (1929-1945)

          Wer hat Anne Frank verraten? Es gibt mehrere Theorien und drei Hauptverdächtige. Der erste, auf den der Schatten des Verrats fiel, war der Lagerarbeiter Willem van Maaren. „Wir haben vor den Lagerarbeitern noch immer Angst“, schreibt Anne im Tagebuch am 4. März 1943. Vor allem fürchten sie van Maaren, keiner der Helfer hält ihn für vertrauenswürdig, er ist des Diebstahls verdächtig. Van Maaren war wie die anderen Arbeiter im Erdgeschoss des Geschäftshauses nicht eingeweiht – im Gegensatz zu den vier Helfern im Büro. Eine von ihnen, Miep Gies, hat nach der Verhaftung der Versteckten Annes Tagebuch gefunden, es über den Krieg gerettet und nach der Rückkehr Otto Franks aus der KZ-Haft diesem übergeben. Sie und die anderen drei Helfer verdächtigten van Maaren. Johannes Kleimann, einer der Vier, schrieb gleich nach Kriegsende einen Brief an den Politischen Fahndungsdienst, dessen Aufgabe es war, Kollaborateure unter den Niederländern ausfindig zu machen, und forderte ihn zu einer Untersuchung gegen van Maaren auf.

          Erst 1948 nahm aber diese niederländische Behörde Ermittlungen auf, ziemlich oberflächliche freilich. Van Maaren wurde vernommen, auch Lammert Hartog, sein Kollege im Lager. Hartog sagte aus, van Maaren habe ihm vierzehn Tage vor der Razzia erzählt, im Haus seien Juden versteckt. Einen Beweis für eine Schuld van Maarens konnten die Ermittler damals nicht finden, sie schlossen das Verfahren ab. Vierzehn Jahre später. 1963, wurden die Ermittlungen gegen van Maaren wieder aufgenommen und alle noch lebenden Zeugen noch einmal befragt. Der Verdächtige räumte Diebstähle in der Firma ein, bestritt aber, die Bewohner des Hinterhauses verraten zu haben. Das Verfahren wurde wiederum eingestellt, van Maaren starb 1971.

          Hat Annes Vater Schweigegeld gezahlt?

          1998 vertritt die Autorin Melissa Müller in ihrer Biographie „Das Mädchen Anne Frank“ eine ganz neue Theorie. Sie hält Lena Hartog-van Bladeren, die Frau des Lagerarbeiters Lammert Hartog, für die Verräterin. Lena Hartog arbeitete als Putzfrau im Haus Prinsengracht 263, was sie bei einem Verhör 1948 verschwiegen hatte. Einer Zeugin zufolge sorgte sie sich im Juli 1944 um die Sicherheit ihres Mannes, weil an seiner Arbeitsstelle Juden versteckt seien. Einem anderen Zeugen sagte Frau Hartog damals, sie seien alle in Lebensgefahr, wenn die Sache auffliege. Einen handfesten Beweis gegen Lena Hartog gibt es aber nicht.

          Einen neuen Verdächtigen machte 2002 die englische Forscherin Carol Ann Lee aus. Ihrer Theorie zufolge soll ein gewisser Tonny Ahlers die Untergetauchten an die Deutschen verraten haben. Annes Vater hatte noch vor seinem Untertauchen einem Bekannten gegenüber Zweifel am deutschen Sieg geäußert und war von diesem in einem Brief an die National-Socialistische Beweging, eine holländische Nazipartei, denunziert worden. Diesen Brief hat offenbar der in NS-Kreisen verkehrende Tonny Ahlers abgefangen und damit Otto Frank erpresst. Der Forscherin Lee zufolge soll Annes Vater mehrfach Schweigegeld gezahlt haben. Nach dem Krieg scheint Ahlers behauptet zu haben, er habe über die versteckten Juden im Hinterhaus Bescheid gewusst.

          Judaslohn von 7,50 Gulden

          Drei Hauptverdächtige – aber keine stichhaltigen Beweise gegen sie. So stellt sich bis heute die Lage dar. Auch einige Nebenverdächtige sind in der langen Auseinandersetzung über Annes Verräter genannt worden: der Nachtwächter Martin Sleegers etwa, der im April 1944 einen Einbruch in das Haus Prinsengracht entdeckt hatte, oder ein Amsterdamer Jude. 2003 untersuchte das Niederländische Institut für Kriegsdokumentation noch einmal den Fall.

          Sein Fazit lautete: „Wir müssen leider an dem festhalten, was wir bereits 1986 feststellten: ,Der genaue Hergang der Tat lässt sich nicht mehr rekonstruieren.‘“ Vielleicht war die Entdeckung auch reiner Zufall. Vielleicht waren die Bewohner des Hinterhauses nur unvorsichtig gewesen, und ein Passant oder ein Nachbar hatte der deutschen Stelle etwas Verdächtiges gemeldet. Der Judaslohn hätte in diesem Fall 7,50 Gulden, also knapp 40 Euro betragen. So hoch war damals das von den Deutschen ausgesetzte Kopfgeld auf versteckte Juden.

          Weitere Themen

          EKG für unterwegs Video-Seite öffnen

          Infarkt oder nicht? : EKG für unterwegs

          Eine App fürs Handy und ein Kabel mit Elektroden - Cardiosecur hat ein mobiles EKG entwickelt. Gründer und Geschäftsführer Markus Riemenschneider erklärt im Video, wie das Ganze funktioniert.

          Topmeldungen

          Mordfall Lübcke : Die Falle der AfD

          Die AfD ist an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten. Die Krokodilstränen über den Tod eines Repräsentanten des „Systems“, das sie aus den Angeln heben will, kann sie sich sparen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.