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Gastronom über Feierkultur : „Das ist wie ein Berufsverbot“

Von Abstand keine Spur: Menschen feiern auf dem Frankfurter Opernplatz Bild: Maximilian von Lachner

Auch in Frankfurter Clubs und Lokalen darf angesichts der Corona-Vorgaben nicht gefeiert werden. Daher trifft sich die Stadt auf den öffentlichen Plätzen. Der Gastronom Robert Mangold nennt das unhaltbar.

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          Herr Mangold, am Freitag und Samstag haben wieder Tausende in Frankfurt unter freiem Himmel gefeiert, auf dem Opernplatz zum Beispiel. Ihnen gefällt das nicht, warum nicht?

          Jacqueline Vogt

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mir gefällt es im Prinzip schon, wenn Leute feiern. Mich stört der Widerspruch: Die geltenden Bestimmungen reißen eine ganze Branche in den Abgrund. Die Verordnungen des Landes Hessen zum Infektionsschutz sind nach wie vor sehr streng. Kulturinstitutionen, Clubs und Diskotheken dürfen nicht arbeiten, in Hotels und Restaurants können keine großen Feste ausgerichtet werden. Das kommt einem Berufsverbot gleich. Gleichzeitig treffen sich Zehntausende in Frankfurt an den Hotspots, und es gelten keine Abstandsregeln, nichts.

          Was hat die Tatsache, dass Clubs nicht aufmachen dürfen, damit zu tun, dass Leute sich auf dem Opernplatz treffen? Wo es ja im Übrigen auch Gastronomen gibt, die Gäste bewirten – dagegen dürften Sie doch nichts haben?

          Es gibt nicht nur den Opernplatz, es gibt viele Hotspots am Wochenende, auch illegale Feiern in Kellerräumen mit 200, 300 Leuten, Feiern in Shishabars. Und auf dem Opernplatz sitzen nicht nur Gäste in den Restaurants, das ganze Areal ist voll. Aber egal, wo und wer: Die Leute suchen einander, sie möchten Begegnung. Und wenn das in Clubs und Hotels und Restaurants nicht möglich ist, sucht sich die Nachfrage andere Wege, das kennt man in der Marktwirtschaft. Dann kommt eben der Banker, der im Homeoffice arbeitet, abends in die Innenstadt, vielleicht noch von außerhalb, mit einem Stellplatz in der Tiefgarage, und lässt sich auf den Opernplatz eine Pizza liefern. Ist ja auch ein schönes Lebensgefühl.

          Aber?

          Die Hotels, die Restaurants können, was Feste wie Hochzeiten und Ähnliches angeht, faktisch nicht arbeiten, weil für Veranstaltungen in Hessen immer noch die Regel gilt, dass jeder Gast fünf Quadratmeter Platz haben muss. Das sind auch Ausbildungsbetriebe, die nicht ausbilden können unter diesen Umständen, es droht eine Jugendarbeitslosigkeit. Und draußen wird Party gemacht, ohne dass die Einhaltung von Corona-Auflagen kontrolliert wird, ohne dass auf die Rückverfolgbarkeit möglicher Infektionsketten geachtet wird.

          Warum sollte denn streng eingegriffen werden? Die Fallzahlen in Hessen sind extrem niedrig.

          Ja, so niedrig, dass es absolut nicht nachvollziehbar ist, warum die Fünf-Quadratmeter-Regel, die ja für den normalen Restaurantbetrieb zurückgenommen worden ist, nicht endgültig für unsere Branche fällt. Es können momentan nicht nur kaum Hochzeiten ausgerichtet werden, es gibt auch kaum Konfirmationen, keine Jubiläen, keine Kulturveranstaltungen, und das alles ohne Logik.

          Viele Clubs haben keine Freiflächen. Wenn sie jetzt aufmachen dürften, brächte das vielleicht wenig, aber im Herbst erleben wir womöglich eine zweite Welle von Covid-19-Erkrankungen. Und zeigen Vorfälle wie bei Tönnies denn nicht, wie schnell sich Infektionen unter Leuten in denselben Räumen verbreiten können?

          Es geht mir darum, dass man Veranstaltungen durchführen kann. Und ein Hotel oder ein gut geführter Club hat nichts mit einer Schlachtfabrik wie Tönnies zu tun, da gibt es keinerlei Zusammenhang.

          Glauben Sie, die Partys auf dem Opernplatz wären vorbei, wenn Ihrem Wunsch nach weiterer Lockerung für das Gastgewerbe entsprochen würde?

          Ich will jetzt nicht die Idee in die Welt setzen, dass die Opernplatz-Partys anstelle von Hochzeiten stattfinden. Aber wenn es wieder andere Möglichkeiten gäbe zu feiern, würden die Leute sie auch ergreifen. Es würde sich dann automatisch etwas ändern, das glaube ich schon.

          Und wenn nicht? Vielleicht hat der Frankfurter oder der Rhein-Main-Bürger einfach die Frankfurter Innenstadt als Aufenthaltsraum entdeckt.

          Mir ist wichtig, dass unsere Branche wieder arbeiten kann. Wir brauchen eine neue Verordnung in Hessen, einen Fahrplan aus der Krise. Sonst erleben wir eine Katastrophe, eine Pleitewelle von Kulturinstitutionen, Clubs und Restaurants und Hotels. In der Schweiz sind schon wieder Veranstaltungen mit bis zu 1000 Personen möglich, in Teilen Deutschlands ebenso, also warum nicht in Hessen?

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