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Tristesse in Corona-Zeiten : Warum die Couch kein Ersatz für die Fankurve ist

Leerstellen: Das Waldstadion während des Gladbach-Spiels Bild: dpa

Das Geisterspiel der Frankfurter Eintracht zeigt: Fußball wie im Stadion lässt sich auf der heimischen Couch nicht simulieren. Das ist schmerzhafter als die Niederlage gegen Mönchengladbach.

          2 Min.

          Das Waldstadion-Ritual ist seit Jahren eingespielt, und es hat immer funktioniert. Warum sollte man es also ändern, Corona hin oder her? Es ist Matchday, die Frankfurter Eintracht spielt zu Hause gegen Mönchengladbach, und für diesen Fall gibt es eigentlich einen standardisierten Plan für den Besuch der Arena. Das schwarz-rote Lieblingstrikot aus den Achtzigern liegt schon bereit, und der Blick auf die Wetter-App am Samstagvormittag zeigt: blauer Himmel, Stadionwetter!

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Seit 30 Jahren läuft das dann so: Mit dem Bus zum Bahnhof, ein schnelles Pils vom Kiosk, weiter mit der Bahn zum Stadion, Treffpunkt mit den Kumpels anderthalb Stunden vor Anpfiff am Fantreff „59ers“ in der Nähe der Wintersporthalle. Die Frikadelle dort ist lecker, den Mann am Zapfhahn ruft man beim Vornamen. In der Regel führt der Weg erst kurz vor Spielbeginn ins Stadion. Auf den Plätzen in Block 30a, Reihe 7, kennt man sich, Bier geholt wird reihum, gepöbelt selten, gemeckert viel und bei Toren und Siegen abgeklatscht, und zwar in alle Richtungen.

          Ausgesperrt aus dem Stadion

          In Corona-Zeiten ist alles anders. Die Dauerkarte steckt immer noch im Portemonnaie, doch zum Einsatz kommt sie in dieser Bundesligasaison nicht mehr. Ausgesperrt aus dem Stadion, gilt es, trotzdem am Spieltag so viel Normalität wie möglich zu simulieren. Also landete am Samstagvormittag im Supermarkt frisches Hackfleisch (für die Frikadelle) und ein Fünf-Liter-Fässchen Bier (natürlich Krombacher, das wird im Stadion ja auch ausgeschenkt) im Einkaufswagen.

          Statt am „59ers“ findet das Vorglühen auf dem Balkon mit Lothar Matthäus auf „Sky“ statt, doch der kann mit den Weisheiten der Kumpels am Fantreff nicht annähernd mithalten. Das Spiel hat noch nicht mal begonnen, und schon fehlt etwas, und zwar ganz gewaltig. Das ändert sich auch nicht, als das Smartphone mit etwas krächzendem Ton kurz vor Spielbeginn „Im Herzen von Europa“ abspielt. Wenn im Stadion in diesem Moment Tausende Schals nach oben gehen, ist das ein erhebendes Gemeinschaftsgefühl. Allein zu Hause fühlt es sich irgendwie peinlich an.

          Allen neunmalklugen Ankündigungen zum Trotz, Geisterspiele abzulehnen, steigt die Nervosität vor Spielbeginn im Minutentakt an und vermischt sich sogar mit ein klein wenig Vorfreude.

          Als das Spiel beginnt, ist die Sicht besser als in der Arena, der nervige Hintermann ist nicht da, das Bier ist günstiger, die Couch ist bequemer als die Sitzschale im Stadion, und in der Halbzeit gibt es vor der Toilette keine Warteschlange. Auf Sky lässt sich per Knopfdruck sogar Stadion-Atmosphäre einstellen. Das geht drei Minuten gut, wirkt aber so unecht und falsch, dass die Stille der leeren Arena und das Hallen von Spielerrufen und Traineranweisungen das kleinere Übel sind. Beim 0:2 für Mönchengladbach nach sechseinhalb Minuten wäre der Sitznachbar normalerweise fluchend aufgestanden und hätte eine Runde Protestbier geholt.

          Zu viel Abstand zum Nebenmann

          Das nächste Glas aus dem heimischen Fässchen taugt dagegen nicht zur Frustbewältigung. Immerhin, die Twitter-Timeline als virtuelle Corona-Couch-Fankurve ist in Form: Die Eintracht sei das einzige Team der Liga, das konsequent zwei Meter Abstand halte, kommentiert dort einer, ein anderer fordert den sofortigen Saisonabbruch. Gute Idee eigentlich. Nach dem Spiel trifft man sich eigentlich wieder am „59ers“ zur Analyse. Dieses Mal fällt das Fazit allein zu Hause ernüchternd aus. Die Niederlage gegen Gladbach tut dabei weniger weh als die Erkenntnis, dass das Gemeinschaftserlebnis Fußball ohne Zuschauer im Stadion nichts wert ist.

          Wer das Gegenteil behauptet, der war noch nie dabei, wenn im Waldstadion die Eintracht einen Rückstand in einen Sieg verwandelt hat oder der Wechselgesang zwischen Nordwestkurve und Gegentribüne als perfekter Doppelpass durch das Oval hallte. Keiner, der den Fußball liebt, will sich an ein Spiel ohne Fans gewöhnen.

          Trotzdem: Bis das alte Ritual wieder funktioniert, muss bei den verbliebenen Heimspielen der Eintracht das neue herhalten. Es hilft ja nichts.

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