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Frühkindliche Erziehung : „Manche Eltern verstehen die Signale der Babys nicht“

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„Ob ein Baby nun drei- oder fünfmal am Tag schläft, ist völlig egal”, sagt Manfred Cierpka Bild: F.A.Z. - Marcus Kaufhold

Das Baby ist da. Was nun? Einen der über 300 Erziehungsratgeber lesen, oder auf die eigene Intuition vertrauen? Der Psychoanalytiker und Familientherapeut Manfred Cierpka verrät im Gespräch, worauf Eltern achten müssen.

          Von Anfang an ist Manfred Cierpka am Hilfsprojekt „Keiner fällt durchs Netz“ im Kreis Offenbach beteiligt. Er erläutert, was Väter und Mütter brauchen und warum Kinder schon früh zu Schaden kommen können.

          Wachsen Neugeborene und Kleinkinder in Familien heute nicht mehr so sicher auf wie früher?

          Die Umgebung, in der Babys und Kleinkinder aufwachsen, hat sich in der Tat geändert, weil sich Familienstrukturen verändert haben und sich die Gesellschaft als Ganze geändert hat. Viele Eltern sind heute mehr als früher auf sich gestellt und stark verunsichert, wie sie mit ihrem Baby umgehen sollen. Ihnen fehlt der Rückhalt, etwa durch die eigenen Eltern, die sagen: „Ihr macht das schon richtig.“ Bei Eltern, die zu uns in die Beratung kommen, machen wir oft nichts anderes, als ihnen diese Sicherheit zu geben. Zur Verunsicherung tragen auch die vielen Erziehungsratgeber bei, die Eltern lesen. Sie fragen sich dann: Soll ich es nun so oder so machen? Es gibt mehr als 300 solcher Bücher.

          Experte: Manfred Cierpka, Ärztlicher Direktor des Instituts für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie der Uni-Klinik Heidelberg

          Sind diese Ratgeber unnütz?

          Eltern könnten es sich letztlich viel leichter machen: Sie sollen einfach auf die Signale ihres Babys achten. Es zeigt ihnen, wann es Hunger hat und wann es müde ist. Dafür brauchen sie kein Buch. Ob ein Baby nun drei- oder fünfmal am Tag schläft, ist völlig egal. Mütter und Väter müssen und können auf ihre eigenen intuitiven elterlichen Kompetenzen vertrauen. Fast alle Eltern haben diese Kompetenzen, doch sie vertrauen ihnen nicht. Oder diese Kompetenzen sind verdeckt, weil die Eltern wegen eines andauernden Partnerschaftskonflikts oder anderer Schwierigkeiten wie Arbeitslosigkeit gestresst sind. Dann können sie ihr Kind leicht aus dem Auge verlieren.

          Welche Faktoren kommen in sozial hoch belasteten Familien hinzu, die das Aufwachsen eines Kindes erschweren können?

          Es gibt Belastungen, die vom Kind ausgehen, etwa wenn es behindert oder chronisch krank ist. Das ist per se eine Belastung für alle Eltern. Es gibt außerdem familiär bedingte Belastungen, etwa schwere psychische oder körperliche Erkrankungen eines Familienmitglieds, eine Drogenabhängigkeit oder, was das größte Risiko ist, massive Konflikte in der Partnerschaft. Dann können noch soziale und materielle Bedingungen hinzukommen, etwa die Kinderarmut. Armut allein ist aber kein Kriterium. Es gibt viele arme Familien, in denen Kinder sehr gut aufwachsen. Hoch belastet ist eine Familie dann, wenn mehrere dieser Faktoren zusammenkommen. Dann können Babys und Kleinkinder tatsächlich Schaden nehmen.

          So dass eine Unterstützung nötig wird.

          Ja, zum Beispiel durch eine Familienhebamme, die für ein Jahr in eine Familie kommt und auf die Entwicklung eines Kindes achtet.

          Sie sagten eben, fast alle Eltern wüssten intuitiv, was ihr Baby brauche. Das heißt, es gibt noch eine andere Gruppe.

          Ja. Es gibt Eltern, die diese Fähigkeit nicht haben, weil sie selbst unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen sind. Wer selbst als Kind von seinen Eltern misshandelt oder missbraucht worden ist und seinen Schmerz verdrängen musste, um in der Familie weiterleben zu können, hat später ein gestörtes Verhältnis zum Schmerz seines eigenen Kindes und denkt: „Es hält das schon aus. Ich habe es ja auch aushalten müssen.“ Solche Eltern verstehen die Signale ihrer Babys nicht.

          Welche Gruppe ist größer?

          Die Unicef geht von vier bis acht Prozent hoch belasteten Familien in den industrialisierten Ländern aus. Wie viele dieser Familien über gute Kompetenzen verfügen, kann ich noch nicht sagen. Dafür müssen die Studien, die wir im Rahmen des Projekts „Keiner fällt durchs Netz“ machen, abwarten. Wichtig ist, dass die Eltern unterschiedlich gefördert werden müssen, je nachdem, zu welcher Gruppe sie gehören. Eltern der zweiten Gruppe muss man erst beibringen, ihre Kinder richtig zu verstehen.

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