https://www.faz.net/-gzg-9yc0d

Friedensaktivist van Ooyen : „Soldaten ersetzen keine Pflegekräfte“

  • -Aktualisiert am

Willi van Ooyen war Fraktionschef der Linken im hessischen Landtag (Archivbild). Bild: dpa

Willi van Ooyen ist seit vielen Jahrzehnten Friedensaktivist. Mit virtuellem Protest kann er eigentlich nicht viel anfangen, doch auch in der Corona-Pandemie planen er und seine Mitstreiter Aktionen.

          2 Min.

          Die Ostermärsche können in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie nicht wie gewohnt stattfinden. Schmerzt Sie das?

          Das ist natürlich traurig, weil in die Organisation vorab wieder sehr viel Herzblut geflossen ist. Viele Friedensinitiativen hier in Hessen haben bereits Flyer gedruckt, Redner eingeladen und die Kundgebungen organisiert. Allerdings zeigt die Corona-Krise auch, dass unsere Themen gerade jetzt umso wichtiger sind. Der Verteidigungshaushalt betrug im letzten Jahr rund 40 Milliarden Euro. Wir müssen dieses Geld zukünftig in andere Dinge stecken als in unsinnige Waffengeschäfte und Aufrüstung. Zum Beispiel in unser Gesundheitssystem.

          Ist Friedensprotest in anderer Form möglich?

          Viele sprechen ja jetzt von einem virtuellen Protest im Internet und über Social Media. Ich kann damit nicht viel anfangen, was vielleicht auch an meinem Alter liegt. Protestaktionen haben auch immer etwas mit wirklich lebendigem Erleben zu tun. Aber wir mussten natürlich einsehen, dass um die dreitausend Personen, die in den letzten Jahren bei unseren Veranstaltungen am Römerberg waren, momentan einfach nicht drin sind. Dazu hat es nicht mal ein Verbot der Behörden gebraucht. Trotzdem planen wir einige kleine Aktionen. Es wird zum Beispiel Reden in Form von Live-Videos und Texten geben. Außerdem rufen wir alle Pazifisten und Militarisierungsgegner auf, Banner oder bunte Peace-Fahnen aus ihren Wohnungen zu hängen.

          UN-Generalsekretär António Guterres sagt, das Coronavirus zeige „die Unsinnigkeit von Kriegen“. Bekommt die Friedensbewegung durch die Krise Unterstützung?

          Herr Guterres hat natürlich absolut recht, dass jetzt die Gesundheit von Menschenleben im Vordergrund stehen muss. Wir müssen aber darauf achten, dass diese Antikriegsrhetorik nach der Krise auch in Taten umgesetzt wird. In Deutschland sollten wir da vorangehen: Wenn im September im Bundestag über den Haushalt beraten wird, darf es nicht wieder um das Zwei-Prozent-Ziel der Nato gehen. Soziales, Bildung oder Umweltpolitik – überall wird das Geld mehr gebraucht als in unserer Aufrüstung. Es muss endlich Schluss sein mit dieser Irrationalität.

          Die Bundeswehr bietet ihre Hilfe an. Die Verteidigungsministerin hat angekündigt, dass bis zu 15.000 Soldaten einspringen können, wenn zivile Kräfte im Sanitätsbereich oder in der Logistik erschöpft sind. Ist das sinnvoll?

          Da sage ich ganz klar: Soldaten können doch keine Pflegekräfte ersetzen. Natürlich ist diese Ansage anzuerkennen, aber es wäre aus meiner Sicht besser, wenn diese 15.000 Berufssoldaten auch nach der Krise einer sinnvollen Arbeit nachgehen. Das Militär kann uns bei der Bewältigung solcher Herausforderungen nicht helfen und sollte zivilisiert werden. Wir fordern seit Jahren deshalb das Ende aller Kriegseinsätze der Bundeswehr und die Ausweitung von Maßnahmen ziviler Konfliktlösung.

          Ist die Corona-Krise für den Frieden auch deshalb eine Chance, weil es weltweit einen gemeinsamen Feind gibt, den man nicht mit Waffen bekämpfen kann?

          Ich hätte natürlich lieber eine Welt ohne dieses Virus. Und wir dürfen nicht vergessen, dass es vor Corona schon einige Pandemien und Krisen gab. Vielleicht nicht von dieser Tragweite, aber es gab sie. Immer hat es bei uns da die Hoffnung gegeben, dass anschließend die Kriege in der Welt aufhören. Doch leider sind unsere pazifistischen Forderungen schnell wieder in den Hintergrund geraten. Wir hoffen, dass sich das dieses Mal nicht wiederholt. Wir streiten weiter für unsere Sache, denn nationale Aggressionen dürfen keine Rolle in der Politik mehr spielen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach Tod von George Floyd : Die Wut wächst

          Tausende Menschen sind in London, Berlin und Kopenhagen wegen des gewaltsamen Tods des Afroamerikaners George Floyd auf die Straße gegangen. In Amerika eskaliert die Lage weiter. Donald Trump macht die Antifa verantwortlich – und will sie als Terrororganisation einstufen lassen.

          Öffnung der Gastronomie : Als das Krisengefühl verschwand

          Früher galten die Deutschen als Stubenhocker. Doch in der Krise zeigt sich, was sonst nicht ins Bewusstsein dringt: Die Gastronomie ist systemrelevant. Seit wann ist das eigentlich so? Über die erstaunliche Bedeutung einer Leitbranche.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.