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Mehr Mut zum Reden : Frauennotruf unterstützt behinderte Frauen nach Übergriffen

  • -Aktualisiert am

Der Frauennotruf will die in Frankfurt lebenden Frauen mit leichter und schwerer Behinderung auf neue Hilfsangebote aufmerksam machen. Bild: dpa

Sexualstraftätern erscheinen behinderte Frauen als leichte Opfer. Durch Übergriffe gerät letztlich ihre mühsam erworbene Selbständigkeit in Gefahr. Eine Beratung kann ihnen helfen, sie wiederzugewinnen.

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          Fast jede zweite Frau mit Behinderung erfährt in ihrem Leben sexualisierte Gewalt. Dies geht aus einer Studie des Bundesfamilienministeriums hervor. Frauen mit körperlichen oder kognitiven Beeinträchtigungen seien besonders häufig von sexuellen Übergriffen betroffen, etwa zwei- bis dreimal öfter als der Bevölkerungsdurchschnitt. Aus diesem Grund widmet der Frauennotruf Frankfurt ihnen sein neues Projekt „Beratung für mich!“.

          Doch warum werden diese Frauen so viel schneller zu Opfern von Gewalt? Angela Wagner, Geschäftsführerin der Beratungsstelle, erklärt es anhand eines Beispiels: „Wenn eine Frau blind ist und mit einem Blindenstock läuft, dann wird damit oft eine größere Verletzlichkeit verbunden.“ Sie erscheine leichter angreifbar und könne sich nicht so schnell zur Wehr setzen. „Die Täter denken leider, Frauen mit Beeinträchtigung seien sichere Opfer“, sagt sie. Doch obwohl es vermutlich viele Fälle gibt, werden nur wenige offiziell registriert. Eine statistische Erfassung in Frankfurt ist laut dem Frauennotruf nicht möglich. Das liege vor allem daran, dass die Betroffenen es kaum schafften, darüber zu sprechen, geschweige denn, sich Hilfe zu holen.

          Die Anliegen von behinderten Frauen erreichen die Beratungsstelle beinahe ausschließlich über Dritte, in der Regel Fachkräfte anderer Einrichtungen oder ambulante Betreuer, die zunächst wissen wollen, zu welchem Verhalten sie nach einem sexualisierten Übergriff raten sollten. Viele Sorgen der behinderten Frauen bleiben jedoch ungehört und unbemerkt, das Sprechen darüber ist zu sehr mit Scham behaftet.

          „Ihre Geradlinigkeit ist etwas ganz Wunderbares“

          Hinzu komme, so Wagner, dass den Frauen mit kognitiver Einschränkung, also jenen, die unter einer Verzögerung des Spracherwerbs oder des Sozialverhaltens leiden, sowohl vor Gericht als auch von Familienmitgliedern, Freunden, Arbeitgebern oder Kollegen nicht immer geglaubt werde, da sie angeblich nicht zurechnungsfähig seien.

          Wagner hingegen sieht das anders und empfindet die Arbeit mit beeinträchtigten Frauen als große Bereicherung: „Ihre Geradlinigkeit ist etwas ganz Wunderbares.“ Denn verstünden sie einmal, dass sie sich die Schuld für die Vergewaltigung nicht selbst geben sollten, sondern diese ganz klar beim Täter liege, würden sie überraschend schnell ihre Unsicherheit verlieren und stünden für sich selbst ein, sagt Wagner. Im Gegensatz zu vielen anderen Frauen, die weiterhin mit sich haderten und glaubten, sie seien schuld an einem Übergriff.

          Eine Geschichte, in der es der Betroffenen heute dank der Beratung wieder besser geht, ist die einer 25 Jahre alten Frau, die mit Trisomie 21, also dem Downsyndrom, geboren wurde. Die junge Frau arbeitet bereits seit längerer Zeit in einer Einrichtung, von der aus sie ihren Nachhauseweg allein zurücklegt – zu Fuß und mit dem Bus. Darauf ist sie sehr stolz, da es einen großen Schritt hin zur Selbständigkeit in ihrem Leben bedeutet.

          Beratung findet in leichter Sprache und mit Bildern und Symbolen statt

          Der Weg von der Bushaltestelle nach Hause führt sie immer an einem Spielplatz vorbei, wo eines Tages ein Mann auf einer Bank sitzt und sie beobachtet. Er verwickelt die Fünfundzwanzigjährige in ein Gespräch, zieht sie daraufhin hinter einen Busch und vergewaltigt sie. Nachdem die Frau ihrer Mutter den Vorfall schildert, wendet sie sich mit deren Unterstützung an den Frauennotruf und schafft es, das Geschehen zu verarbeiten.

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