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Frauenhäuser in Hessen : Die Ruhe vor dem Sturm

Die Kapazitäten in hessischen Frauenhäusern könnten bald nicht mehr ausreichen. Bild: dpa

In Quarantäne steigen die Fälle häuslicher Gewalt: Frauenorganisationen erwarten den Andrang mit Sorge. Die Frankfurter Stadträtin Rosemarie Heilig will Kapazitäten ausbauen und dafür auch ungewöhnliche Räumlichkeiten nutzen.

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          Es muss ja nicht gleich so kommen wie im chinesischen Wuhan. Dort sollen sich infolge der wochenlangen Isolation und Beschränkungen der sozialen Kontakte die Fälle von häuslicher Gewalt verdreifacht haben. Doch auch Frauenorganisationen in Deutschland befürchten, dass in Corona-Zeiten der Andrang auf Schutzunterkünfte zunehmen wird. „Das ist unsere bittere Erfahrung“, sagt Hilke Droege-Kempf vom Verein Frauen helfen Frauen, der das autonome Frauenhaus betreibt: „Jedes Jahr nach Weihnachten steigt die Zahl derer, die bei uns Schutz suchen.“ Das Gleiche gelte nach Fußball-Weltmeisterschaften.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Noch ist davon nichts zu spüren. Es wäre falsch zu sagen, dass es vermehrt Anrufe in der Beratungsstelle gebe, sagt Droege-Kempf. Es sei vermutlich die vielzitierte Ruhe vor dem Sturm. Derzeit hätten diejenigen, die schlügen und prügelten – in aller Regel sind es Ehemänner und Väter – die vollständige Kontrolle in den Familien, bestätigt Christine Heinrichs vom Frankfurter Verein für soziale Heimstätten, der zwei weitere Frauenhäuser in der Mainmetropole betreibt. Solange die Betreuungseinrichtungen geschlossen seien, gebe es keine Schule und keinen Kindergarten, in denen Lehrer oder Erzieher auf Auffälligkeiten reagieren könnten. Dementsprechend wenig Spielraum gebe es für die Frauen, sich Beratung und Hilfe zu holen.

          Anlass für das Frauendezernat, sich auf die zu erwartende Situation vorzubereiten. „Wir wollen gewappnet sein“, sagt Frauendezernentin Rosemarie Heilig (Die Grünen) und kündigt an, die Kapazitäten der Frauenhäuser auszubauen, indem befristet Hotelzimmer und Appartements angemietet werden. „Wir sind dazu in engen Gesprächen insbesondere mit dem Sozialdezernat, das Unterkünfte vermittelt“, sagt Heilig. Eine Sprecherin des Dezernats ergänzt, dass zudem mit Annoncen die Öffentlichkeit gezielt über das Hilfsangebot für Frauen informiert und an Nachbarn appelliert werden soll, im Notfall die Polizei zu verständigen.

          Die Schwierigkeit, eine Wohnung zu bekommen

          Die Frauenhäuser selbst, die in Frankfurt 120 Plätze für Frauen und Kinder bieten, sind seit Jahren überlastet und haben schon seit langem keine freien Kapazitäten mehr. Grund dafür ist die Schwierigkeit der betroffenen Frauen, wenn sie nach Wochen oder Monaten in der betreuten Unterkunft wieder psychisch in der Lage sind, eigenständig zu leben, eine Wohnung zu bekommen.

          Ginge es nach dem Frauendezernat würden in die neuen Unterkünfte diejenigen umziehen, die schon länger in einem der Frauenhäuser gelebt hätten und wieder über eine gewisse Stabilität verfügten, um traumatisierten Frauen die Möglichkeit einer Unterbringung in einer Schutzunterkunft zu bieten. Das sei natürlich keine optimale Lösung, sagt die Dezernatssprecherin, doch besondere Zeiten erforderten besondere Maßnahmen. Diese Regelung werde auch nicht auf alle Frauen gleichermaßen angewandt. „Es wird nicht blind gehandelt.“ Stattdessen sei dieses Vorgehen der Versuch zu verhindern, dass die Polizei Frauen mit oder ohne Kinder vor der Tür eines Frauenhauses absetze und „wir sie nicht unterbringen können“.

          Während Heinrichs die Hotel-Lösung für praktikabel hält, lehnt Droege-Kempf vom autonomen Frauenhaus die „Umschichtung von Frauen“ ab. Seit Jahren hätten alle Frauenhäuser auf einen Ausbau der Kapazitäten gedrungen. „Nun in der Krise zeigen sich die strukturellen Probleme überdeutlich.“

          „Mehr als die nackte Unterbringung“

          Den Umzug von Frauen mit ihren Kindern in ein Hotel hält Droege-Kempf auch deshalb für eine „Zumutung“, da diese endlich einen Zufluchtsort gefunden hätten, die Kinder hoffentlich schon bald wieder in Schulen und Kindergärten in der Nähe der Einrichtungen gehen könnten. Das Frauenhaus und das dazugehörige Umfeld im Stadtteil seien deren derzeitiges Zuhause. „Es geht doch um mehr als die nackte Unterbringung“, sagt sie und fragt sich, warum immer alles zu Lasten der Kinder gehe.

          Für Frauen, die allein in einem Frauenhaus Schutz gesucht hätten, könnte sich Droege-Kempf die Hotel-Lösung dagegen vorstellen. Das helfe jedoch nur bedingt. Im autonomen Frauenhaus seien von den 60 Plätzen drei von einzelnen Frauen belegt. Ganz zu schweigen vom fehlenden Personal, um in Hotels Schutz und Betreuung zu gewährleisten.

          Mehr als Kapazitätsengpässe treibt Droege-Kempf die unmittelbare Bedrohung durch das Coronavirus um. Mehr als die Hälfte derer, die im Frauenhaus lebten, seien in Familienzimmern mit Gemeinschaftsküchen und -bädern untergebracht. „Was machen wir, wenn jemand bei uns erkrankt? Was, wenn die gesamte Einrichtung unter Quarantäne gestellt werden muss?“ Längst treffe man sich im Frauenhaus nicht mehr in Büros und Zimmern. „Wir versammeln uns derzeit mittags alle im Hof.“ Dann werde gefragt, ob sich alle gesund fühlten. Das sei derzeit alles an Prophylaxe.

          In einem Punkt sind sich Dezernat und Droege-Kempf einig: Sie sind empört, dass es nach wie vor die Frauen sind, die ihr Zuhause verlassen müssen. Das seit 2002 geltende Gewaltschutzgesetz biete die Möglichkeit, Täter für zwei Wochen der Wohnung zu verweisen. „Wann holt die Polizei endlich die Männer aus den Wohnungen heraus?“, fragt sich deshalb Heilig. Zumal gewalttätige Männer kein Unterschichten-Phänomen seien. Frauen, die körperlichen Übergriffen ausgesetzt seien, „gibt es in jeder sozialen Schicht“.

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