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Franz Roeckle : Lehrbeispiel für menschliche Gemeinheit

Franz Roeckle, der Mann aus Liechtenstein, wurde zum Fanatiker und zuletzt auch zum Mörder Bild: Gemeindearchiv Vaduz

Franz Roeckle, der Architekt der Westend-Synagoge und des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt, ist nach der Machtergreifung zum Nazi geworden und hat ein jüdisches Ehepaar in den Tod gehetzt.

          Zuerst hat er für Juden gebaut, dann hat er Juden in den Tod getrieben. Der Architekt Franz Roeckle, Erbauer der Frankfurter Westend-Synagoge, hat nach der Machtübernahme einen Weg eingeschlagen, der dem vieler anderer angesehener Bürger ähnelte: Er diente sich den neuen Machthabern an. Aus dem Opportunisten ist bald ein Fanatiker geworden und schließlich ein Mordbube. Roeckle beteiligte sich am 5. April 1933 an einem Pogrom in seinem Heimatland Liechtenstein und hetzte zusammen mit einer Bande einheimischer und deutscher Nationalsozialisten ein jüdisches Ehepaar in den Tod.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Mann aus Vaduz, der einer wohlhabenden Unternehmerfamilie entstammte, hat in Österreich und Deutschland studiert, sein Staatsexamen in Architektur machte er 1903 in Stuttgart. Einer seiner Lehrer war Theodor Fischer, einer der Gründungsväter des Deutschen Werkbunds und Miterbauer des Berliner Reichstags. Roeckle war hoch begabt: Drei Jahre nach seinem Studium gewann er zusammen mit seinem Kommilitonen Willy Graf den Wettbewerb für die Frankfurter Westend-Synagoge. Deren Bau begann 1908, das Gebäude wurde zwei Jahre später, am 28. September 1910, feierlich eingeweiht.

          Ausbruch jäher Leidenschaft?

          Im Hochparterre der Synagoge hat vor 21 Jahren der Architekt Henryk Isenberg sein Büro eingerichtet und von 1988 bis 1994 eine Teilrekonstruktion des Gotteshauses geleitet. Isenberg hat sich dabei an den Plänen Roeckles orientiert, des von ihm bis vor kurzem hochgeschätzten Erbauers der Synagoge. Seine intime Kenntnis der Baugeschichte dieses Hauses veranlasste Isenberg vor geraumer Zeit, eine Doktorarbeit über die Westend-Synagoge in Angriff zu nehmen.

          Hauptwerk: Kurz nach dem Studium gewann Franz Roeckle mit Kommilitonen den Wettbewerb für die Westend-Synagoge in Frankfurt

          Im Zuge seiner Recherchen stieß der Architekt auf einen 1954 verfassten Nachruf auf seinen geschätzten Vorgänger. Der letzte Satz dieses Nachrufs hat Isenberg aufmerken lassen: „Unverständlich“, so las er, „empfanden auch seine vertrauten Freunde den tragischen Ausbruch jäher Leidenschaft, der diesen Meister von hohen Graden während der Zeit dunkler Rassenverfolgungen im Tiefsten schuldig werden ließ.“ Ausbruch jäher Leidenschaft? Schuldig? Isenberg hat nachgeforscht und ist auf die „Rotter-Affäre“ gestoßen. So nannten die Liechtensteiner damals den Tod der jüdischen Eheleute Alfred und Gertrud Rotter, die Roeckle und andere Nationalsozialisten über die deutsche Grenze verschleppen wollten und die in den Felsen unterhalb des Ortes Gaflei zu Tode stürzten oder gestürzt wurden.

          Wandlung des Liechtensteiners zum Judenhasser

          Der Architekt der Westend-Synagoge ein mörderischer Judenhasser - das hat man bisher nicht gewusst. Was den Fall Roeckle zu einem Lehrbeispiel für menschliche Gemeinheit macht, ist die Wandlung des Liechtensteiners von einem Architekten der Juden zu einem Judenhasser. Roeckle hat nach dem Bau der Westend-Synagoge einen weiteren großen Auftrag der hiesigen Israelitischen Gemeinde erhalten. 1909 ging er als Sieger aus dem Wettbewerb für den Neubau des Israelitischen Krankenhauses und des Israelitischen Schwesterheimes an der Gagernstraße hervor. Der Komplex wurde nach seinen Plänen zwischen 1911 und 1914 auf jenem Areal gebaut, auf dem heute das Jüdische Altersheim steht. Auch das Institut für Sozialforschung, 1924 an der Viktoriaallee, der heutigen Senckenberganlage, im Stile eines florentinischen Palastes errichtet, ist von Roeckle entworfen worden. Auftraggeber war der jüdische Frankfurter Felix Weil.

          Bei diesem Bau, der den Spitznamen „Café Marx“ erhielt, entschied sich Roeckle, der bis dahin einen, wie es Isenberg nennt, historisierend-eklektizistischen Stil verfolgt hatte, für eine monumental-neoklassizistische Gestaltung. Mit dem Bau des marxistisch orientierten Instituts für Sozialforschung begann Roeckles linke Phase. Von 1924 bis 1932 arbeitete er unter dem Frankfurter Stadtbaumeister Ernst May mit am Projekt „Neues Frankfurt“. Er war beteiligt unter anderem am Hallgartenblock, an der Siedlung Raimundstraße und der Heimatsiedlung. Der Architekt Karl Blatter, der später für den nationalsozialistischen Kampfbund Deutscher Architekten und Ingenieure einen Spitzelbericht über Roeckle schrieb, zählte diesen zu der „Leibgarde Mays“.

          Wollte er seinen Kundenstamm „arisieren“?

          Mit den Nazis kam der große Bruch in Roeckles Leben. Er wurde Parteigenosse. Es sei ihm unverständlich, schrieb der Denunziant Blatter, wenn Roeckle nunmehr als Verfechter deutscher Kultur aufzutreten wage. Möglich, dass Roeckle mit seinem ideologischen Wechsel lediglich seinen Kundenstamm arisieren wollte. Sollte es so gewesen sein, haben die neuen Machthaber sein Mitläufertum nicht honoriert. Nach 1933 hat Roeckle in Deutschland nur noch ein Bauwerk verwirklicht: das Grabdenkmal für Karl Kotzenberg auf dem Frankfurter Hauptfriedhof, geschaffen im faschistischen Stil mit einem muskelbepackten Herrenmenschen à la Arno Breker.

          Doch aller Wahrscheinlichkeit nach ist Roeckle tatsächlich zum überzeugten Nationalsozialisten geworden. Ein erster Hinweis auf seinen Wandel gibt sein letztes großes architektonisches Werk, das 1932 bis 1933 gebaute Rathaus von Vaduz, ein Gebäude im Heimatschutzstil, wie er von national gesinnten deutschen Architekten damals bevorzugt wurde. Die Teilnahme am Pogrom gegen die jüdische Familie Rotter kann als fast sicherer Beweis gelten, dass Roeckles Nationalsozialismus nicht nur aufgesetzt war.

          Alfred und Fritz Rotter - Letzterer wurde während des mörderischen Entführungsversuchs zusammen mit einer Begleiterin schwer verletzt - waren bei den Nazis als die Theaterkönige von Berlin besonders verhasst. Sie besaßen unter anderem in der deutschen Hauptstadt das Lessingtheater, das Lustspielhaus in der Friedrichstraße und das Centraltheater an der Alten Jacob- und Oranienstraße. Goebbels beschimpfte sie gern als die Herren des „unmoralischen, verjudeten Berliner Amüsierbetriebes“. In Liechtenstein fanden sie nach Hitlers Machtübernahme Zuflucht in einem Hotel bei Vaduz.

          Wohlgesinnte Richter

          Roeckle und seine Spießgesellen haben sie am 5. April 1933 aus ihrer schützenden Burg herausgelockt und verschleppt. Alfred Rotter und seine Frau wurden dabei getötet, was mit dem schwerverletzten Fritz und seiner Begleiterin später geschehen ist, weiß man nicht.

          Franz Roeckle und drei weitere Liechtensteiner, allesamt Söhne ehrbarer Familien, mussten sich ob ihrer Tat vor Gericht verantworten. Doch dieses Gericht zeigte sich gegenüber den Angeklagten überaus wohlgesinnt. Den Anwälten von Fritz Rotter untersagte der Gerichtsvorsitzende, ihr Plädoyer zu halten, Roeckle und seine Kumpane kamen mit einer geringen Strafe davon und wurden bald wieder aus der Haft entlassen. Mehr als 700 Liechtensteiner hatten damals eine Petition zur vorzeitigen Haftentlassung der Täter unterschrieben. Die Liechtensteiner Heimatforscher Norbert Haas und Hansjörg Quaderer schreiben über die „Rotter-Affäre“: „Es war ein politisches Attentat, vielleicht nicht das einzige, doch das schwerwiegendste in der Geschichte des kleinen Landes.“ Roeckle ist für sie kein Einzelner gewesen, er repräsentiert ihrer Meinung nach die damalige seelische Verrohung und Verwahrlosung eines erheblichen Teils der Bürger Liechtensteins.

          Zwei Jahrzehnte lang hat der Architekt Isenberg Roeckle für einen großen Mann und bedeutenden Architekten gehalten. Für einen großen Architekten hält er ihn immer noch. Aber nicht mehr für einen großen Menschen.

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