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Franz Roeckle : Lehrbeispiel für menschliche Gemeinheit

Bei diesem Bau, der den Spitznamen „Café Marx“ erhielt, entschied sich Roeckle, der bis dahin einen, wie es Isenberg nennt, historisierend-eklektizistischen Stil verfolgt hatte, für eine monumental-neoklassizistische Gestaltung. Mit dem Bau des marxistisch orientierten Instituts für Sozialforschung begann Roeckles linke Phase. Von 1924 bis 1932 arbeitete er unter dem Frankfurter Stadtbaumeister Ernst May mit am Projekt „Neues Frankfurt“. Er war beteiligt unter anderem am Hallgartenblock, an der Siedlung Raimundstraße und der Heimatsiedlung. Der Architekt Karl Blatter, der später für den nationalsozialistischen Kampfbund Deutscher Architekten und Ingenieure einen Spitzelbericht über Roeckle schrieb, zählte diesen zu der „Leibgarde Mays“.

Wollte er seinen Kundenstamm „arisieren“?

Mit den Nazis kam der große Bruch in Roeckles Leben. Er wurde Parteigenosse. Es sei ihm unverständlich, schrieb der Denunziant Blatter, wenn Roeckle nunmehr als Verfechter deutscher Kultur aufzutreten wage. Möglich, dass Roeckle mit seinem ideologischen Wechsel lediglich seinen Kundenstamm arisieren wollte. Sollte es so gewesen sein, haben die neuen Machthaber sein Mitläufertum nicht honoriert. Nach 1933 hat Roeckle in Deutschland nur noch ein Bauwerk verwirklicht: das Grabdenkmal für Karl Kotzenberg auf dem Frankfurter Hauptfriedhof, geschaffen im faschistischen Stil mit einem muskelbepackten Herrenmenschen à la Arno Breker.

Doch aller Wahrscheinlichkeit nach ist Roeckle tatsächlich zum überzeugten Nationalsozialisten geworden. Ein erster Hinweis auf seinen Wandel gibt sein letztes großes architektonisches Werk, das 1932 bis 1933 gebaute Rathaus von Vaduz, ein Gebäude im Heimatschutzstil, wie er von national gesinnten deutschen Architekten damals bevorzugt wurde. Die Teilnahme am Pogrom gegen die jüdische Familie Rotter kann als fast sicherer Beweis gelten, dass Roeckles Nationalsozialismus nicht nur aufgesetzt war.

Alfred und Fritz Rotter - Letzterer wurde während des mörderischen Entführungsversuchs zusammen mit einer Begleiterin schwer verletzt - waren bei den Nazis als die Theaterkönige von Berlin besonders verhasst. Sie besaßen unter anderem in der deutschen Hauptstadt das Lessingtheater, das Lustspielhaus in der Friedrichstraße und das Centraltheater an der Alten Jacob- und Oranienstraße. Goebbels beschimpfte sie gern als die Herren des „unmoralischen, verjudeten Berliner Amüsierbetriebes“. In Liechtenstein fanden sie nach Hitlers Machtübernahme Zuflucht in einem Hotel bei Vaduz.

Wohlgesinnte Richter

Roeckle und seine Spießgesellen haben sie am 5. April 1933 aus ihrer schützenden Burg herausgelockt und verschleppt. Alfred Rotter und seine Frau wurden dabei getötet, was mit dem schwerverletzten Fritz und seiner Begleiterin später geschehen ist, weiß man nicht.

Franz Roeckle und drei weitere Liechtensteiner, allesamt Söhne ehrbarer Familien, mussten sich ob ihrer Tat vor Gericht verantworten. Doch dieses Gericht zeigte sich gegenüber den Angeklagten überaus wohlgesinnt. Den Anwälten von Fritz Rotter untersagte der Gerichtsvorsitzende, ihr Plädoyer zu halten, Roeckle und seine Kumpane kamen mit einer geringen Strafe davon und wurden bald wieder aus der Haft entlassen. Mehr als 700 Liechtensteiner hatten damals eine Petition zur vorzeitigen Haftentlassung der Täter unterschrieben. Die Liechtensteiner Heimatforscher Norbert Haas und Hansjörg Quaderer schreiben über die „Rotter-Affäre“: „Es war ein politisches Attentat, vielleicht nicht das einzige, doch das schwerwiegendste in der Geschichte des kleinen Landes.“ Roeckle ist für sie kein Einzelner gewesen, er repräsentiert ihrer Meinung nach die damalige seelische Verrohung und Verwahrlosung eines erheblichen Teils der Bürger Liechtensteins.

Zwei Jahrzehnte lang hat der Architekt Isenberg Roeckle für einen großen Mann und bedeutenden Architekten gehalten. Für einen großen Architekten hält er ihn immer noch. Aber nicht mehr für einen großen Menschen.

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