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Frankfurts Todesstraße Nummer eins : „Ich habe doch geschaut“

Achtung, Bahn! An den Gleisübergängen der Station Lindenbaum werden die Fußgänger jetzt deutlicher gewarnt. Bild: Michael Kretzer

An der Eschersheimer Landstraße kommen immer wieder Fußgänger ums Leben, weil sie Ampeln missachten und vor die U-Bahn laufen. Die Station Lindenbaum ist nun aufgerüstet worden, um Unfälle zu verhindern. Die Unbelehrbaren beeindruckt das kaum.

          Dort, am Bahnübergang an der U-Bahn-Station Lindenbaum, ist vor einem dreiviertel Jahr eine 54 Jahre alte Frau gestorben. Sie überquerte die Gleise bei Rot und wurde von einer U-Bahn erfasst. Jetzt laufen an derselben Stelle schon wieder vier Männer und Frauen bei Rot über den Überweg. Sie haben gewartet, bis die U3 in Richtung Innenstadt vorbeigefahren ist, und glauben nun, die Gefahr sei vorüber. Aber da kommt noch eine U-Bahn aus der anderen Richtung. Ihretwegen ist die Ampel nicht auf Grün gesprungen. Zum Glück erreichen die vier Passanten die andere Seite unbeschadet.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Normalerweise passiert nichts, wenn Fußgänger an der Eschersheimer Landstraße bei Rot eine der beiden Fahrbahnen oder die Gleise der U-Bahn in der Mitte passieren. „Ich habe doch geschaut“, antwortet ein Mann unwirsch auf die Frage, warum er die Ampel denn nicht beachtet habe. An diesem Morgen sind am „Lindenbaum“ innerhalb einer halben Stunde Dutzende von Männern und Frauen bei Rot über die Straße gegangen, sie schauen in die Richtung, aus der der Verkehr kommt. Ist kein Auto in Sicht, laufen sie los.

          Die meisten gehorchen den Fußgängerampeln

          Beim Überqueren der U-Bahn-Gleise sind die meisten vorsichtiger. Sie gehorchen den Fußgänger-Ampeln, die beim Nahen einer Bahn gleich an zwei Fenstern Rot anzeigen. Fast alle gehorchen – aber eben nicht alle. Normalerweise geht das auch gut, Tausende, ja Zehntausende Mal. Aber irgendwann geht es dann einmal schief – und ein Mensch wird von einer Bahn erfasst.

          Am 13. Januar zum Beispiel. Damals starb die Vierundfünfzigjährige an der Station Lindenbaum. Und am 15. April kam ein 39 Jahre alter Mann an der Station Fritz-Tarnow-Straße zu Tode. Ebenfalls an dieser Station wurde am 23. August eine 91 Jahre alte Frau von einer Bahn überfahren. Noch als die Rettungswagen mit Blaulicht an der Unfallstelle standen, überquerten die ersten Fußgänger schon wieder bei Rot die Eschersheimer Landstraße.

          Übergänge umgebaut

          Sie ist Frankfurts Todesstraße Nummer eins. Seit 40 Jahren ist hier mindestens ein Toter im Jahr zu beklagen. In diesem Jahr hat sich die lange Liste sogar schon um drei Opfer verlängert. Nach dem Tod der Einundneunzigjährigen hat Verkehrsdezernent Lutz Sikorski (Die Grünen) gehandelt: Die Übergänge an der Station Lindenbaum wurde nach einem gemeinsamen Konzept des Dezernats, der Verkehrsgesellschaft Frankfurt, der städtischen Nahverkehrsgesellschaft Traffiq, der Polizei und der Feuerwehr umgebaut: Die Planer verkürzten die Rotphase für Passanten, damit deren Geduld nicht mehr so leicht überstrapaziert wird. Die Rotphase ist bei den beiden Gleisüberwegen südlich und nördlich der Station mit gleich zwei Leuchtfeldern dargestellt, auf denen ein stehender Fußgänger zu sehen ist. Die Ampeln leuchten jetzt ob ihrer neuen LED-Technik besonders hell. Die Überwege wurden darüber hinaus in einer Z-Form angelegt, so dass eilige Fußgänger nicht einfach geradeaus rennen können. Außerdem sind die Überwege mit Leuchtstreifen und Leuchtpaneelen gekennzeichnet.

          Viel Geld hat diese sicherheitstechnische Aufrüstung der Station gekostet, an die 100.000 Euro. Am Ende aber wird die Stadt eine halbe Million Euro ausgegeben haben, denn auch die Übergänge an den Stationen Dornbusch, Fritz-Tarnow-Straße, Hügelstraße und Weißer Stein sollen nachgerüstet werden, wenn sich die Maßnahmen am Lindenbaum bewähren.

          Es blinkt, wenn sich eine Bahn nähert

          Dort ist getan, was getan werden kann. Am nördlichen Übergang wurde in den Boden sogar ein quadratisches Lichtfeld eingelassen, das blinkt, wenn sich eine Bahn nähert. Tagsüber fällt dieses Blinken zwar nicht besonders auf, in der Dämmerung und nachts kann man es aber nicht übersehen. Allenfalls könnten die Verkehrsplaner noch Schranken an den Übergängen anbringen. Sogenannte Ganz-Schranken, die den gesamten Übergang versperren, scheiden jedoch aus, weil Fußgänger dann auf dem Gleisabschnitt eingeschlossen werden könnten. Bleiben nur Halb-Schranken. Aber werden die Fußgänger diese nicht einfach umgehen?

          Nicht alle, aber vermutlich einige. So wie an diesem Morgen am Lindenbaum auch einige die Gleise der U-Bahn bei Rot überquert haben. Und einige mehr die Fahrbahnen rechts und links der Gleistrasse. Aller Voraussicht nach wird die Einundneunzigjährige vom August nicht die letzte Tote an der Eschersheimer Landstraße gewesen sein. Aber vielleicht verringert ja die sicherheitstechnische Aufrüstung der Übergänge wenigstens die Frequenz der tödlichen Unfälle.

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