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May und seine Vollstrecker : Frankfurts langer Weg zur neuen Altstadt

Früher war nicht alles besser: Entwurf für den Domplatz aus dem frühen 20. Jahrhundert. Bild: Fassaden für Frankfurt am Main, DAM

Es hätte alles auch ganz anders kommen können. Das Deutsche Architekturmuseum zeichnet den Weg zur neuen Frankfurter Altstadt nach.

          Das muss man Peter Cachola Schmal lassen: Der Direktor des Deutschen Architekturmuseums hat die nicht nur unter Architekten selten anzutreffende Eigenschaft, seine Meinung ändern zu können und dann auch dazu zu stehen. Die Idee einer Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt hat er vor zehn Jahren während der Debatte um die Neubebauung des Dom-Römer-Areals als Fehler bezeichnet, inzwischen hat er seine Meinung in wesentlichen Punkten revidiert. Städtebaulich sei die neue Altstadt ein Gewinn, sagt er und lässt sich damit auch prominent in der neuesten Ausstellung seines Hauses zitieren. Unter dem Titel „Die immer neue Altstadt“ hat Kurator Philipp Sturm Pläne, Fotos, Dokumente und Modelle zusammengetragen, die Auskunft geben über das wechselhafte bauliche Schicksal des Kern-Areals der Altstadt während der vergangenen 120 Jahre.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Die Schau setzt ein mit den Planungen für die Erweiterung des Römers und den Braubachstraßendurchbruch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Für Sturm zog damit die Moderne in die Altstadt ein, allerdings nur in technischer Hinsicht, nicht in ästhetischer. Während die Frankfurter endlich mit der Straßenbahn zum Rathaus fahren konnten, entsprachen die ersten Entwürfe für die Häuser an der neuen Durchgangsstraße dem herrschenden späthistoristischen Geschmack, der mit „altdeutsch“ am besten beschrieben ist. Schwerfällige Bauten, die in den Dachgeschossen mit Fachwerk versehen waren, standen für den saturierten spätwilhelminischen Zeitgeist. Im Nachhinein muss man dankbar dafür sein, dass sich die Bebauung der Braubachstraße länger hinzog als ursprünglich geplant. Der Stern des Historismus sank rasch und man besann sich auf klarere Formen. Von diesen Bauten haben sich einige bis heute erhalten und die noch gar nicht abgeschlossene Renaissance der Braubachstraße als urbaner Flaniermeile erst ermöglicht.

          Ihren Zweck, die hygienischen und sozialen Verhältnisse in der engeren Altstadt zu verbessern, hat die Braubachstraße allerdings kaum erfüllt. Die Zustände zwischen Main und Zeil blieben prekär, viele Kinder litten unter Krankheiten. Während „Altstadtvater“ Fried Lübbecke versuchte, die Lebensbedingungen in kleinen Schritten zu verbessern und die historisch wertvolle Substanz zu erhalten, wollten die Planer des Neuen Frankfurt robuster vorgehen. Sie planten den Abriss etlicher Gebäude; bevor es so weit war, hatten sie Frankfurt aber schon wieder verlassen müssen. Historisch korrekt, aber trotzdem mutig ist die Entscheidung Sturms, die Planungen von Ernst May inhaltlich und räumlich in Verbindung mit den Bestrebungen der Nationalsozialisten für eine „Gesundung“ des Quartiers zu bringen. Sie griffen – vor einem völlig anderen ideologischen Hintergrund – die Ansätze Mays auf. Wie wenig die Nazis von der historischen Bausubstanz übriggelassen hätten, wenn nicht der von ihnen angezettelte Bombenkrieg die Sache obsolet gemacht hätte, sollten die bedenken, die einen Zusammenhang zwischen Fachwerk und Faschismus herstellen wollen, um Rekonstruktionen zu desavouieren.

          Kaum bekannte Abbildungen aufgetrieben

          Vor allem für die ersten Jahrzehnte des behandelten Zeitraums haben die Ausstellungsmacher Abbildungen aufgetrieben, die selbst Kennern der Materie nicht vertraut sein dürften. Eine großformatige Perspektive ist dabei, die der Architekt Franz von Hoven 1901 von seinem Entwurf für den Rathausneubau und den angrenzenden Quartieren angefertigt hat.

          Wertungen vermeiden die Ausstellungsmacher. Sie beschränken sich darauf, einige meinungsfreudige Architekten, Politiker und Bürger zu zitieren und im übrigen die Entwicklung auf dem Areal betont neutral zu beschreiben. Eine prominente Ausnahme von dieser Regel gibt es: In einem Erläuterungstext wird Unverständnis über den Workshop des BDA vom Mai 2006 geäußert. Damals hatten Frankfurter Architekten an einem Wochenende eigene Entwürfe entwickelt, um dem aus ihrer Sicht unverständlichen Wunsch nach einer historisierenden Bebauung etwas entgegenzusetzen. Das klare Votum der Ausstellung dazu wird die Akteure verletzen: „Viele Entwürfe wirkten zu futuristisch und zu abgehoben für die Altstadt.“

          Wer weiteren Diskussionsstoff sucht, ist mit dem Katalog zur Ausstellung gut bedient. Dort darf der Architekturtheoretiker Stephan Trüby seine Ressentiments gegen Rekonstruktionen in einer modernen Art Fachwerk-Deutsch ausleben („Die Einstecktuchisierung verrohter Bürgerlichkeit“). Substantieller sind die anregenden Reflexionen der Schriftsteller Andreas Maier und Martin Mosebach.

          Es ist auch eine Chronik des Ungebauten

          Großen Raum in der Schau nimmt der dichte Takt von Wettbewerben für das Areal in der Nachkriegszeit ein. Es ist auch eine Chronik des Ungebauten, die vor Augen führt, dass es immer ein Stück weit Zufall ist, welcher Entwurf verwirklicht wird. Was zur nächsten Frage führt: Ist das, was jetzt gebaut worden ist, für die Ewigkeit? Oder wird die nächste Generation sich wieder ans Werk machen?

          Darauf, die Häuser der neuen Altstadt vorzustellen, haben die Kuratoren mit dem zutreffenden Argument verzichtet, da sich das Objekt der Anschauung in fußläufiger Entfernung findet. Auch hier bietet der Katalog einen Zusatznutzen: Alle 35 Häuser und einige wichtige Leitbauten in der Umgebung – das Haus am Dom, die Evangelische Akademie und das Historische Museum – werden kurz vorgestellt.

          Die Ausstellung „Die immer neue Altstadt. Bauen zwischen Dom und Römer seit 1900“ läuft noch bis zum 10. März 2019. Der reich bebilderte Katalog kostet im Museumsshop 48 Euro, im Buchhandel 58 Euro.

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