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Gesperrter S-Bahn-Tunnel : Funkenflug und Wutausbruch

Bitte nicht einsteigen: Wo die S-Bahnen sonst täglich rund 500.000 Fahrgäste durch den Tunnel schleusen, rollen derzeit gelbe Arbeitszüge. Bild: dpa

Weil der S-Bahn-Tunnel gesperrt ist, müssen sich die Fahrgäste andere Wege in die Innenstadt suchen. Bahn-Mitarbeiter helfen ihnen dabei. Ärger gibt es trotzdem.

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          „Des is e Kadastroph“, sagt eine ältere Dame, die gerade mit der U4 in den Hauptbahnhof eingefahren ist. Nun sucht sie zwischen Bauzäunen und Menschenströmen die S1 Richtung Wiesbaden, die sie nach ihrem Arztbesuch wieder nach Griesheim bringen soll. Mag das Durcheinander auch groß sein – die Dame ist hier richtig. Fahrgäste, die in diesen Tagen vom Hauptbahnhof in die Innenstadt wollen, müssen dagegen keine Zeit auf die Suche nach einer S-Bahn verwenden: Auf Gleis 101 und 102 geht gar nichts, und von Gleis 103 und 104 fahren die Züge nur in eine Richtung – nämlich stadtauswärts.

          Der Grund ist die Vollsperrung des S-Bahn-Tunnels unter der Innenstadt. Die Sperrung hält den Arbeitern den Rücken frei, damit sie die letzten Handgriffe am neuen Stellwerk erledigen können. Ziel ist es, den S-Bahn-Verkehr schneller und weniger störanfällig zu machen. Am 6. August soll der Tunnel wieder geöffnet werden. Derweil werden die Haltestellen Taunusanlage, Hauptwache, Konstablerwache, Ostendstraße und Lokalbahnhof nicht mehr angefahren. Die Station Mühlberg ist vom 15. Juli an wieder erreichbar, wie die Bahn und der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) mitteilen.

          Der älteren Dame im Hauptbahnhof ist schnell geholfen. Mitarbeiter der Bahn weisen ihr den Weg zum Zug nach Griesheim: 10.06 Uhr, Gleis 103. „Die sind alle sehr nett“, sagt sie und geht ihrer Wege. Auch oben im Bahnhof stehen die sogenannten Reisendenlenker. „Man versucht, die Personen ein bisschen runter zu bringen, und fragt, wo es hingehen soll“, sagt ein Mitarbeiter in schwarzem RMV-Pullover. Auf dem Poster hinter ihm schaukelt „Max Maulwurf“ auf einer Abrissbirne und informiert über die Bauarbeiten während der hessischen Sommerferien. Der Reisendenlenker sagt: „Wir sind so ein bisschen der Prellbock für diese Sachen.“ Ihm zufolge fragen die Leute besonders oft, wie sie am schnellsten zum Flughafen kämen und wo es zur Hauptwache gehe. 18 Reisendenlenker sind derzeit je Schicht für den RMV und die Bahn im Einsatz.

          Für Schienenersatzverkehr ist gesorgt

          Und wie kommt man nun zur Hauptwache? „U4 bis Willy-Brandt-Platz, dann steigen Sie um in die U1.“ Wer möchte, kann auch ein Leihfahrrad von DB Connect nehmen, wie eine Sprecherin sagt. Die ersten 30 Minuten seien für die Dauer der Tunnelsperrung kostenfrei. Die Grundgebühr von drei Euro, die üblicherweise für den Basistarif anfalle, sei zwar zu zahlen, werde aber zurücküberwiesen. 2700 Fahrräder stünden an 300 Stationen bereit. Insgesamt sei für Ersatzverkehr gesorgt. Wer aus Hanau in die Stadt hineinfährt, kann als Nahverkehrskunde den ICE nutzen. Trotz der Sperrung rollen Loks durch den S-Bahn-Tunnel unter der Innenstadt. Aus dem Halbdunkel des Tunnels fährt ein gelber Arbeitszug. Er hält an der Ausfahrt von Gleis 101. Der Personenkran auf dem hinteren Teil des Zuges hebt einen Mann mit Schutzbrille und orangefarbener Warnweste zur Decke der Einfahrt. Funken sprühen, als er mit der Flex ein ausgedientes Signal abtrennt. Nach Angaben von Projektleiter Matthias Körner gibt es davon rund 100 Stück. Etwa ebenso viele Arbeiter sind Tag und Nacht auf der Baustelle im Einsatz. Die Gitterkörbe der Arbeitszüge werden rund 620 Tonnen alten Materials ins Freie transportieren. „Darunter sind 190 Kilometer Kabel“, sagt Körner. „Es wird Zeit, dass dieses Projekt fertig wird“, fügt er hinzu. 2011 habe die Planung begonnen, seit 2015 werde gearbeitet. „Als wir angefangen haben, im Tunnel aufzuräumen, lagen da auch Zigaretten und Drogenspritzen“, erinnert sich der Projektleiter. Seither wird unter der Erde gewerkelt, wenn die Frankfurter schlafen. Auch in den Sommerferien der vergangenen beiden Jahre, an Ostern 2016 und an drei weiteren Terminen in diesem Jahr waren die Arbeiter dort zugange.

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          Die Installation des neuen Stellwerks war laut Körner dringend nötig. „Nach 40 Jahren kam das alte Relaisstellwerk an die Grenze der Belastung.“ Künftig würden die Kollegen im elektronischen Stellwerk die Bahnen über Monitore und per Mausklick steuern. Dank des neuen Stellwerks könnten die Züge nicht mehr nur mit 60, sondern mit 80 Stundenkilometern durch den Tunnel rollen. „Wir fahren einen Puffer heraus, um den S-Bahn-Verkehr pünktlicher und stabiler zu machen“, ergänzt ein Sprecher der Bahn.

          Fahrgäste brauchen gute Nerven

          Baufortschritt und Kosten liegen im Plan, wie es heißt. Rund 100 Millionen Euro sind veranschlagt. Bei Testfahrten wird das neue System geprüft. Schließlich soll alles reibungslos laufen, wenn nach den Sommerferien wieder alle zweieinhalb Minuten ein Zug durch den Tunnel fährt.

          Bis es so weit ist, werden die Fahrgäste gute Nerven brauchen. „Vielleicht fahren ja noch welche für ein paar Tage in Urlaub“, sagt eine Mutter, die sich mit ihrem Kinderwagen in eine Tram Richtung Hauptbahnhof gequetscht hat. Groß ist das Gedränge auch auf den Rolltreppen, die vom Bahnsteig der Gleise 103 und 104 nach oben führen. Zum Bahnsteig hinunter fährt nur ein junger Mann im Karohemd. Er schaut sich um und streicht sich fragend übers Kinn. Ob er hier richtig ist?

          Eine junge Frau läuft eilig zu einem Reisendenlenker. Wild gestikulierend, lässt sie ihren Frust an ihm aus. Dann dreht sie sich auf dem Absatz um und geht. Dem Helfer bleibt nur, ihr hinterherzurufen: „Schönen Tag trotzdem.“

          Informationen zum Ersatzverkehr im Internet unter www.sbahnbaustelle.de

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