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Frankfurter Weihnachtsmarkt : Verlorene Töchter, ängstliche Taschendiebe

Auf Streife: Felix Paschek (links) und Peter Seiler. Bild: Lena Grimm

Für die Besucher sei das Wort „Terror“ offenbar schon wieder weit weg. Aber auch für die Polizei hat sich die Lage so weit normalisiert. Die Beamten erleben bisher einen Frankfurter Weihnachtsmarkt, der so ruhig wie nie ist.

          3 Min.

          Der blaue Container steht direkt neben der Paulskirche. Auf den ersten Blick ist er eher unscheinbar. Lediglich das Schild an der Tür verrät, wer sich dahinter verbirgt: Polizei. Beamte in Uniform und Zivil gehen ein und aus, wenn auch nur, um sich für einige Minuten aufzuwärmen. Als Felix Paschek und Peter Seiler eintreten, ist es kurz nach eins.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bis eben haben sie noch in ihrer Dienststelle gesessen, dem 1. Revier, das Felix Paschek leitet. Einsatzkonzepte wurden besprochen, Anweisungen gegeben, worauf die Beamten achten sollen. Nun sind Paschek und sein Stellvertreter Seiler selbst auf dem Weihnachtsmarkt – und sagen, dass sie trotz Terrorwarnungen und trotz der Diebes- und Betrügerbanden einen der ruhigsten Weihnachtsmärkte seit langem erleben.

          Stehen gelassene Taschen werden untersucht

          Für die Besucher sei das Wort „Terror“ offenbar schon wieder weit weg, sagt Paschek. Aber auch für die Polizei habe sich die Lage so weit normalisiert. „Wir sind natürlich aufmerksam und haben mehr Personal im Einsatz. Mehr Arbeit als in den vergangenen Jahren haben wir aber nicht. Das Wichtigste ist, dass wir alles gut im Blick haben.“

          Erst vor einigen Tagen haben die Beamten wieder einmal eine Tasche an einer Bude entdeckt, die offenbar niemandem gehörte. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass eine Frau, die zuvor an dem Stand etwas gekauft hatte, die Tasche vergessen hatte. Solche Vorfälle gebe es immer wieder, sagt Paschek. „Die nehmen wir sehr ernst. Aber glücklicherweise war bisher kein Ernstfall dabei.“

          In Uniform und in Zivil

          Als sich Paschek und Seiler durch die engen Gassen zwängen, vorbei an Menschen mit Glühweintassen in der Hand, schauen auch sie genauer hin. Potentielle Verstecke für Waffen oder Sprengstoffe gibt es vor allem in und zwischen den Buden, von denen es Hunderte auf dem Weihnachtsmarkt gibt.

          Die Standbetreiber selbst haben ihre Buden jedoch am besten im Blick, und sie haben eine Telefonnummer ausgehändigt bekommen, unter der sie die Polizei auf kurzem Wege erreichen können. An diesem Samstag jedoch hätten sie nicht einmal zum Telefon greifen müssen, denn Polizisten in Uniform sieht man überall. Mindestens noch mal so viele sind in Zivil unterwegs.

          Gefährliche Eisplatten

          Ein Mann kommt auf Paschek und Seiler zu. Seine Tochter sei in der Menschenmenge verschwunden, sagt er. Das Mädchen ist sechs Jahre alt, trägt einen lila Anorak und eine lila Mütze. Paschek informiert über Funk sämtliche Streifen auf dem Markt. Fünfzehn Minuten später ist das Mädchen gefunden.

          Es bleibt nicht der einzige Notfall an dem Tag. Schon wenige Minuten später werden die beiden Beamten von einem Jugendlichen angesprochen, der fast von einer Eisplatte erschlagen worden wäre, wie er sagt. Er führt die Beamten zu der Stelle, in eine Seitengasse hinter dem Römer.

          Zeit für gute Ratschläge

          Wie sich herausstellt, handelt es sich bei dem Gebäude um das Personalamt der Stadt. An dem leicht abgeschrägten Dach am Haupteingang schieben sich zentimeterdicke Eisplatten über den Vorsprung. Paschek ruft seine Kollegen im Container an, sie sollen das Ordnungsamt informieren. Dann wird die Stelle mit Absperrband gesichert, so dass die Eisplatten zumindest keine Passanten mehr gefährden.

          Ansonsten bleibt es ruhig an diesem Samstagnachmittag. Die Beamten nutzen die Zeit, um Besuchern, die ihre Portemonnaies achtlos in Hand- oder Hosentaschen verstaut haben, darauf hinzuweisen, die Wertsachen doch besser aufzubewahren, damit man sie nicht so leicht stehlen kann. Die Besucher sind dankbar für den Hinweis.

          Eskortservice zum Weihnachtsmarkt

          Allerdings haben sich die üblichen Diebesbanden bisher auch nur selten blicken lassen auf dem Markt, wie Seiler sagt. Möglicherweise deshalb, weil sie wissen, dass in diesem Jahr besonders viele Polizisten unterwegs sind.

          Schließlich kommen zwei Engländer auf die Beamten zu, ein Ehepaar aus Birmingham, wo es, wie sie stolz erzählen, ja auch einen Frankfurt Christmas Market gebe. Nun wollten sie sich das Original anschauen, müssten aber dringend Pfund in Euro wechseln. Die Polizisten bringen sie zu einer Wechselstube.

          Anschließend treffen sie auf eine Frau aus Wetzlar, die sichtlich desorientiert aus der U-Bahn-Station kommt und die Polizisten fragt, wo genau denn der Weihnachtsmarkt sei. „Folgen Sie uns, wir bringen Sie hin“, sagt Seiler. Die Frau ist perplex, fragt: „Gehört das bei Ihnen zum Service?“ Als die Beamten nicken, sagt sie, sie komme öfter mal nach Frankfurt, „wenn die hier alle so nett sind“.

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