https://www.faz.net/-gzg-7xm8t

Kulturgut als Kartenspiel : 100 Stunden Öffnungszeit, wer bietet mehr?

Viele der frühen Trinkhallen gehörten Ketten, eine davon war die 1899 gegründete Firma Jöst. Sie besaß, ebenso wie der Konkurrent Krome, viele dutzend Buden, die im Volksmund schnell „Wasserhäuschen“ hießen – ein Begriff, der sich bis heute fast nur in Frankfurt findet. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Sortiment um Produkte wie Schokolade, Obst, Tabak und Zeitungen erweitert. Im Nationalsozialismus waren die Büdchen nicht gut gelitten: Wie Kirst schreibt, standen sie im Verdacht, Treffpunkte von sozialdemokratisch oder kommunistisch gesinnten Arbeitern zu sein. Von 1938 an wurden viele von ihnen „im Interesse des Straßenbilds“ abgerissen.

Image der Wasserhäuschen sank

Ein abermaliger Aufschwung folgte in den Nachkriegsjahren, als die Trinkhallen in der zerstörten Stadt eine wichtige Versorgungsfunktion übernahmen. Bis Mitte der siebziger Jahre soll ihre Zahl auf fast 800 gestiegen sein. Von da an ging es bergab. Kirst stellt dies in Zusammenhang mit dem Aufkommen der Massenarbeitslosigkeit. Früher hatten sich die Arbeiter auf dem Weg in die Fabrik am Kiosk die Zeitung und ein Wurstbrötchen geholt, nach Schichtende kamen sie noch auf einen Feierabendschoppen vorbei. Nun aber waren sie beschäftigungslos und standen den ganzen Tag an der Trinkhalle. Und statt Sprudelwasser tranken sie Bier, Schnaps und Wermut. Aus den „Kurorten des kleinen Mannes“ waren Treffs für Gewohnheitsalkoholiker geworden. Mit der Sucht gingen Ruhestörungen und öffentliches Urinieren einher. Das Image der Wasserhäuschen sank weiter.

Abendstimmung an der Galluswarte: Auch wenn Kiosk draufsteht – für Fans handelt es sich um ein Wasserhäuschen.
Abendstimmung an der Galluswarte: Auch wenn Kiosk draufsteht – für Fans handelt es sich um ein Wasserhäuschen. : Bild: Pilar, Daniel

Aber seit einigen Jahren hat sich der Trend gedreht. Eine neue Generation von Betreibern, darunter Seiteneinsteiger aus dem studentischen Milieu, bietet hochwertige und frische Waren wie Kaffeespezialitäten und Obst aus der Region an. Beispiele dafür sind „Jöst 72“ im Holzhausenviertel, wo es selbstgebackene Bio-Brötchen gibt, und „Gudes“ am Matthias-Beltz-Platz, das sich zu einem Treffpunkt der Nordend-Hipster entwickelt hat.

Die Mehrzahl der Frankfurter Wasserhäuschen, schätzungsweise sind es noch rund 200, pflegt aber das klassische Sortiment aus Getränken, Zigaretten, Snacks, Zeitungen und Fruchtgummi. Viele sind inzwischen von Migranten geführt, etwa das Wasserhäuschen Limes in Bockenheim. Inhaber Ljatif Fazlijevik gehörte zu denjenigen, die in den Homburger Hof gekommen waren, um gemeinsam mit Gloss, Borm und Kirst das Erscheinen des Kartenspiels zu feiern.

Er habe lange in einer Autofabrik gearbeitet, dann aber genug davon gehabt, sagt Fazlijevik. Seit 2008 betreibt er das Kiosk auf der Franz-Rücker-Allee und ist stolz auf seine Stammkunden. „Ich will kein großes Geschäft machen, aber ich bin froh, wenn ich noch ein paar Jahre in dieser schönen Ecke überleben kann.“ Im Quartett ist sein Kiosk auf der Karte H4 zu finden. 95,5 Stunden „Sprechzeiten/Woche“ sind dort eingetragen, auf anderen Karten stehen weit mehr als 100 Stunden. Es ist die vielleicht schönste Kategorie, die sich die Quartettmacher ausgedacht haben. Lange Öffnungszeiten haben die Supermärkte inzwischen auch, aber ein Gespräch unter Nachbarn lässt sich doch am besten am Wasserhäuschen führen.

Wo Sie das Kartenspiel bekommen

Das Quartett ist für 7,90 Euro an vielen Wasserhäuschen und im „Frankfurt Forum“ am Römerberg erhältlich.

Auf www.wasserhaeuschen.eu findet sich eine Liste mit allen Verkaufsstellen.

Weitere Themen

In zwei Stufen heraus aus dem Lockdown

Heute in Rhein-Main : In zwei Stufen heraus aus dem Lockdown

Schwarz-Grün hat einen neuen Lockerungsplan entworfen. Viele Jugendliche fühlen sich in der Pandemie „vergessen“. Frankfurts ältestes Kino bleibt. Die F.A.Z.-Hauptwache blickt auf die Themen des Tages.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.