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Frankfurter Verein : „Wenn es Ferien gibt, sind sie beleidigt“

  • -Aktualisiert am

Lernen nach Montessori-Prinzipien: Grundschüler auf der indonesischen Insel Lombok Bild: Gabriele Swoboda

Der Frankfurter Verein „Futura Indonesia“ unterrichtet auf der Insel Lombok 40 Kinder. Trotz aller Schwierigkeiten, die ihm vor Ort in den Weg gelegt werden.

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          Lange weiße Sandstrände, von Palmen gesäumt und dem türkisblauen Meer umspült. Dahinter grüne Wälder an Berghängen, zu deren Füßen sich Holzhütten mit Strohdächern befinden. Doch die Traumkulisse trügt, zumindest teilweise. Auf der Insel Lombok gibt es Armut – und es gibt eine Frankfurterin, die sich dagegen einsetzt: Gabriele Swoboda und ihr Verein „Futura Indonesia“ verhelfen hier 40 einheimischen Kindern zur Bildung.

          Swoboda, Lehrerin für Deutsch und Geographie, ist mehrfach als Touristin in Indonesien unterwegs gewesen. 2009 reiste sie zur Erholung auf die Insel Lombok, wo sie sich Schulen in mehreren Dörfern ansah. Der schlechte Zustand der Schulgebäude weckte das Bedürfnis, den Kindern zu helfen. Swoboda überlegte, einen unentgeltlichen Kindergarten zu gründen: „Die Idee hatte ich tatsächlich, als ich am Strand saß und darüber nachdachte, was ich gesehen hatte.“

          Grundschule wurde in diesem Jahr fertiggestellt

          In Indonesien ist der Kindergarten für den Grundschulbesuch verpflichtend. Allerdings können viele Eltern sich die Kosten für den Kindergarten nicht leisten und ihre Kinder somit auch nicht zur Grundschule schicken. Diese ist mittlerweile unentgeltlich, aber selbst für die Schulmaterialien und -uniformen können viele Eltern nicht aufkommen. Die für den Schulbesuch nötigen Geburtsurkunden waren für die Familien in diesem Jahr erstmals kostenfrei.

          Nach zwei Jahren der Vorbereitung gründete Swoboda 2011 mit mehreren Indonesiern in Frankfurt den Verein „Futura Indonesia“. Sie investierte ihr eigenes Geld, um zunächst in einer ehemaligen Schreinerei im Dorf Jatisela im Kreis Gunungsari auf Lombok den Kindergarten zu eröffnen. Eine Notlösung. Erst im Oktober 2012 konnte ein eigenes Haus gebaut und im Jahr darauf das Nachbargrundstück gepachtet werden. Als sie dieses für einen Abenteuerspielplatz kaufen wollten, lehnte der Eigentümer ab. Schließlich erwarb der Verein das gegenüberliegende Grundstück, um darauf mit dem Bau der Grundschule zu beginnen, die 2016 fertiggestellt wurde.

          Heute werden in den beiden Gebäuden 20 Kindergartenkinder und 20 Grundschüler unterrichtet. Swoboda selbst unterrichtet nicht, schult aber die indonesischen Lehrer regelmäßig in der Montessori-Pädagogik, an der sich der Verein orientiert.

          Die Kinder lernen Lesen, Schreiben und Rechnen mit großen Anschauungsmaterialien. Dabei sitzen sie auf dem Boden, Tische gibt es nämlich noch nicht. Den Kindern mache das nichts aus, sagt Swoboda. Sie gehen sehr gerne zur Schule: „Wenn es Ferien gibt, sind sie beleidigt.“ Ein Vater sei sogar an einem Sonntag mit seiner Tochter zur Schule gefahren, um ihr zu beweisen, dass diese geschlossen habe, sagt Swoboda.

          Jeden Morgen werden die Kinder von einem Familienvater abgeholt und zur Schule gebracht. Zunächst diente dazu eine Pferdekutsche, jetzt konnte der Verein einen Schulbus organisieren. Auch Frühstück kann den Schülern mittlerweile angeboten werden. Den Lehrern kann der Verein höhere Gehälter als die staatlichen Schulen in Indonesien zahlen. Die Einzige, die vollständig ehrenamtlich arbeitet, ist Swoboda selbst. Sobald die Schule eine offizielle Registrierungsnummer erhalten hat, wird sie auch mit staatlichen Mitteln gefördert. Derzeit finanziert sich der Verein ausschließlich durch die Spenden von Privatleuten aus Europa. Diese lädt Swoboda dazu ein, die Schule zu besuchen, damit sie sehen, wozu ihre Spenden verwendet werden.

          Gewaltakte durch islamische Extremisten gegenüber Christen

          Eines der größten Probleme ist laut Swoboda die große Armut der Einheimischen. Viele Häuser hätten keine Toiletten und keine Betten. Die Kinder müssten dann auf dem Boden schlafen. Die Häuser seien zudem nicht wasserdicht, so dass in der Regenzeit viele Häuser überflutet würden.

          Doch damit nicht genug: Eine islamische Religionsschule in der Nachbarschaft betrachtet die Schule von „Futura Indonesia“ als unangenehme Konkurrenz und hat damit gedroht, sie niederzubrennen, da sie die Kinder angeblich „christianisiere“. Allerdings sind alle Lehrer und Kinder muslimisch. Jeden Freitag gibt es zudem islamischen Religionsunterricht. Der Vorwurf, christliche Mission zu betreiben, ist in Indonesien gefährlich: Das Hilfswerk „Open Doors“ berichtet von regelmäßigen Gewaltakten durch islamische Extremisten gegenüber Christen und positioniert Indonesien auf Platz 43 ihres „Weltverfolgungsindexes“. Laut „Open Doors“ sind vor allem Konvertiten vom Islam zum Christentum bedroht.

          Von einem Angriff blieb die Schule verschont: Polizei und Dorfbewohner schützten sie für mehrere Wochen. Mittlerweile beschäftigt die Schule einen eigenen Mitarbeiter für die Sicherheit der Kinder und Gebäude. Generell seien die Bewohner des Dorfes sowie die staatlichen Behörden dem Projekt wohlgesonnen, sagt Swoboda. Auch zu Lomboks Gouverneur und anderen führenden Politikern pflegt sie ein gutes Verhältnis. Konflikte gebe es lediglich mit den Vorstehern von Jatisela.

          Aber davon möchte sich Gabriele Swoboda nicht aufhalten lassen. Die Freude der Kinder am Lernen ist ihr Ansporn: „Es ist schön zu sehen, wie begeistert sie sind.“ Im neuen Jahr stehen weitere Schulungen der Lehrer sowie der Entwurf eines neuen Lehrplans an. Auch der Aufbau einer Mittelstufe sei denkbar, aber dafür benötige der Verein ein weiteres Grundstück. Swoboda wird also nach wie vor nach Sponsoren suchen. Auch daher will sie weiterhin in Frankfurt leben.

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