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Frankfurter Varieté-Theater : Der „Tigerpalast“ kämpft ums Überleben

  • -Aktualisiert am

Stellen sich auf schwere Zeiten ein: die beiden Direktoren des „Tigerpalasts“, Johnny Klinke (links) und Margareta Dillinger sowie Geschäftsführer Robert Mangold. Bild: Frank Rumpenhorst

Krieg, Energiekrise und Inflation machen dem Frankfurter Varieté-Theater „Tigerpalast“ schwer zu schaffen. Trotzdem wird jetzt nach zweieinhalb Jahren Zwangspause der Spielbetrieb wieder aufgenommen.

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          Erst Corona und Lockdown, jetzt Ukraine-Krieg, Energiekrise und die steigende Inflation: Nach zweieinhalb Jahren Zwangspause mit zwei abgebrochenen Anläufen muss der Frankfurter „Tigerpalast“ jetzt um sein Überleben kämpfen. Der Direktor des Varietés, Johnny Klinke, kennt sich mit schwierigen Situationen aus. Als er vor 34 Jahren die Bühne an der Heiligkreuzgasse gründete, waren er und seine Mitstreiter lange zu einem ökonomischen Drahtseilakt gezwungen.

          Doch das Theater stabilisierte nach und nach, und als es vor vier Jahren sein Bestehen seit 30 Jahren feiern konnte, schien die Zukunft absolut gesichert. Nun bedrohen die neuen Krisen das Varieté. „Wir stehen im Wind wie nie zuvor“, sagt Klinke. Dennoch haben er, Co-Direktorin Margareta Dillinger und Manager Robert Mangold sich entschieden, am 15. September den Spielbetrieb wieder aufzunehmen.

          Verfünffachung der Energiekosten

          Sie versprechen die besten Künstler aus allen Sparten, Gourmetmenüs in den Restaurants und höchste Sicherheits- und Hygienevorkehrungen. Unter anderem sollen die Sicherheitsabstände im Publikum nun wieder so groß sein wie zu den härtesten Corona-Zeiten. Jeder Zuschauer beziehungsweise jede Gruppe bekommt einen eigenen Tisch im Theater und im Restaurant. Alle Räume sind nach den Worten der Betreiber in den vergangenen Monaten mit modernen Lüftungsanlagen ausgerüstet worden.

          Vorerst ist die Lage für den „Tiger­palast“ noch halbwegs passabel aus, wie Manager Mangold berichtet: Für September sind seinen Angaben zufolge­ 70 Prozent der Tickets verkauft, für Oktober 45 und für November 32 Prozent. Trotzdem ist er besorgt. Vor allem die steigenden Energiekosten machen ihm und den beiden Direktoren Sorgen. 8000 Euro zahlt der Betrieb derzeit jeden Monat für Strom und Gas – aber Mangold rechnet mit einer Verfünf­fachung auf 40 .000 Euro. Wenn es tatsächlich soweit kommt, müssten die Eintrittskarten um etwa 25 Prozent teurer werden.

          Der Manager ist skeptisch, ob dann noch genügend Gäste kämen. „Wir erwarten Hilfe von der Bundesregierung“, sagt Mangold, der auch Vorsitzender des Hotel- und Gastronomieverbandes in Frankfurt ist. Damit meint er nicht nur den „Tigerpalast“, sondern auch die Restaurants und Hotels in Stadt und Land, die seinen Angaben zufolge immer stärker in die Krise rutschten. 25 Prozent von ihnen seien in ihrer Existenz gefährdet, sagt er.

          Kapitulieren ist keine Option

          Kapitulieren ist für die Betreiber des „Tigerpalasts“ allerdings keine Option. „Freiwillig geben wir nicht auf“, sagt Klinke. Dazu seien sie auch gegenüber den Mitarbeitern und den Künstlern verpflichtet, ergänzt Dillinger. Doch auch sie weiß, dass die Saison schwierig werden wird. Dillinger hat alles dafür getan, ein attraktives Programm zusammenzustellen: Sie hat unter anderen die Luftakrobatin Kristina Bautina, den Clown Mikhail Usov, den Puppenspieler Alex und seinen Puppenkumpel Barti verpflichtet.

          Die Artistin Valerie Inertie wird in ihren Ringen kreiseln, der Tempo­jongleure Clausius Specht Keulen durch die Luft wirbeln. Bei der Pressekonferenz zum Neustart gaben schon die Boleadora-Künstlerin Diane-Renée Rodriguez und der Kontorsionist Alexander Mitin Kostproben ihres Könnens.

          Der „Tigerpalast“, daran erinnert sich Klinke in diesen Tagen, hat nach dem Fall des sogenannten Eisernen Vorhangs viele Künstler aus Moskau und Kiew nach Frankfurt geholt – ihnen werde das Varieté auch in diesen Kriegszeiten treu bleiben. Wenig schmeichelhaft äußert sich der Varieté-Direktor dagegen zu den Frankfurter Kommunalpolitikern. Während der zweieinhalb Jahre Pause habe sich keiner von ihnen nach dem Befinden seines Theaters erkundigt, sagt Klinke. „Frankfurt ist führungslos.“ Zu leiden habe die Kultur. Die müsse jetzt in die Offensive gehen, denn die Krise treffe alle ihre Einrichtungen.

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