https://www.faz.net/-gzg-9rezm

Frankfurter Traditionslokal : Ein Kompromiss für den Umbau vom „Drosselbart“

Bislang dreigeschossig: Nach dem Umbau soll das Haus, in dem das Lokal „Drosselbart“ sitzt, fünf Stockwerke haben. Bild: Wonge Bergmann

Das Eschersheimer Wirtshaus soll einem Neubau mit Wohnungen weichen. Weil das im Frankfurter Stadtteil auf Kritik stößt, hat die Stadt mit dem Investor eine veränderte Planung ausgehandelt.

          2 Min.

          Die Ansichtskarten zeigen stimmungsvolle Zeichnungen, einen Sommergarten mit Wirtshaustischen im Schatten von Kastanienbäumen. Ingrid Häußler, Ortsvertreterin der FDP, hat die Motivkarten der seit mehr als 100 Jahren in Eschersheim ansässigen Gartenwirtschaft „Drosselbart“ von Stadtteilhistoriker Oskar Zindel erhalten. In der jüngsten Sitzung des Ortsbeirats präsentierte sie sie mit markigen Worten: „Das dreht das Messer nochmals in der Wunde um.“ Der Grund für Häußlers Auftritt: Das Lokal mit seinem Biergarten wird in seiner bisherigen Gestalt wahrscheinlich bald Vergangenheit sein.

          Bernd Günther

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Privatgrundstück an der Ecke von Thielenstraße und Eschersheimer Landstraße ist vor einem Jahr von der Delom Wohnbau GmbH erworben worden, Investor Dominic Reinemer plant eine Neubebauung. Ihm zufolge könnten 45 Wohnungen entstehen. Dazu müssten Altgebäude samt Gastwirtschaft, Garten und Baumbestand weichen. Diese Pläne haben viele Bürger aufgeschreckt: Rund 3000 Unterschriften von Anwohnern, die sich gegen das Vorhaben wenden, sind zusammengekommen. Vor dem „Verlust eines charakteristischen und identitätsstiftenden Ortes“, warnten auch Anwohner und Stadtteilpolitiker in der Ortsbeiratssitzung.

          Diese Simulation zeigt die Planung für den Neubau beim „Drosselbart“ in Eschersheim.

          Allerdings zeigten sich viele dann positiv überrascht von der „Kompromissplanung“, die die Stadt angesichts des Bürgerprotests mit dem Bauherrn ausgehandelt hat. Nach Angaben der Leiterin der städtischen Bauaufsicht, Simone Zapke, weist der Bebauungsplan für das 1800 Quadratmeter große Grundstück eine Mischnutzung aus Wohnen und Gewerbe aus. Eine großflächige Überbauung wäre möglich. Die vier Kastanien und eine Esche im Wirtsgarten seien auch nicht als Naturdenkmal zu erhalten, stellte der Leiter des Umweltamtes, Peter Dommermuth, klar. „Die Baumschutzsatzung tritt hinter das Baurecht zurück, ein Antrag auf Fällung müsste genehmigt werden.“

          Trauriger Kompromiss?

          Als Kompromiss soll die Neubebauung laut Zapke nun einen geringeren Anteil des Grundstücks einnehmen. Zum Ausgleich dürften aber fünf statt drei Geschosse errichtet werden. Die höhere Bebauung sei städtebaulich vertretbar, zumal so ein Teil des Gartens erhalten werden könne. Der Investor sei „sehr kooperativ“ gewesen, fügte Zapke hinzu. Reinemer sagte, in dem Neubau solle wieder ein Lokal mit Sommergarten unterkommen. Es könne gut 200 statt der bisher rund 300 Sitzplätze haben und im Inneren über 220 statt 80 Quadratmeter Fläche verfügen.

          Bei dieser Aufteilung der Innen- und Außenplätze wäre das Lokal wirtschaftlicher und von der Sommersaison unabhängiger zu führen sowie der Personaleinsatz besser zu planen, sagte „Drosselbart“-Wirt Stefan Möllmer und fügte hinzu, dass er bereits Gespräche über einen Weiterbetrieb seiner Wirtschaft am Standort führe. Stadtteilpolitiker äußerten die Hoffnung, dass ein Saal für Versammlungen und Feiern Teil der Gastronomie sein könnte. „Das fehlt in Eschersheim“, so Ortsvorsteher Friedrich Hesse (CDU).

          Kritisch äußerten sich Ortsvertreter und Bürger dazu, dass von den Bäumen nur die Esche erhalten werden soll. Zwei der vier Kastanien könnten zwar stehen bleiben, müssten nach den Worten von Umweltamtsleiter Dommermuth aber stark zurückgeschnitten und damit geschwächt werden. Sie zu ersetzen sei sinnvoller. Der Bauherr habe sich verpflichtet, zwei adäquate, möglichst hochgewachsene Bäume nachzupflanzen. Die Fraktionen im Ortsbeirat nannten die Planung „eine gute Lösung“. Von einem „traurigen Kompromiss“ sprach dagegen die Vorsitzende der Initiative „L(i)ebenswertes Eschersheim“, Barbara van de Loo. „Das wird ein ganz anderer Ort.“ Nach Angaben von Investor Reinemer wird der Bauantrag nun gestellt. Abriss und Neubebauung könnten bis 2022 abgeschlossen werden.

          Weitere Themen

          Die Tür zur Kindheit

          Hessisches Staatsballett : Die Tür zur Kindheit

          Chefchoreograph Tim Plegge interpretiert den „Nussknacker“ mit dem Hessischen Staatsballett neu. Bei der Inszenierung geht es dem Choreographen vor allem „um die kindliche Phantasie“.

          Topmeldungen

          Ruinerwold in Aufruhr : Polizei nimmt auch Vater der isolierten Familie fest

          Fassungslos reagieren die Einwohner des niederländischen Dorfes Ruinerwold auf die mutmaßliche Freiheitsberaubung einer ganzen Familie zu der immer mehr Details ans Licht kommen. Nun hat die Polizei einen zweiten Verdächtigen verhaftet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.