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Frankfurter Tafel : Ein Supermarkt der besonderen Art

  • -Aktualisiert am

Ausgabe bei der Frankfurter Tafel Bild: Cornelia Sick

Die Frankfurter Tafel holt Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden, ab und verteilt sie an Bedürftige. „Viele die eigentlich kommen müssten, tun das nicht, weil sie sich schämen, besonders die Rentner“, heißt es. Eine Tour führt durch Sachsenhausen und Oberrad nach Offenbach.

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          Alexander Haupt kommt meistens durch den Hintereingang. Vorbei an Laderampen, großen Stapeln mit Getränkekisten, Müllcontainern, durch enge Einfahrten. Die schöne Warenwelt vorne, in den Supermärkten selbst, interessiert ihn nicht. Er holt ab, was nicht mehr verkauft wird, damit andere etwas zu essen haben. „Eine gute Idee“, findet er, wendet seinen Mercedes-Sprinter und fährt zur nächsten Station auf seiner heutigen Tour. „Deswegen bin ich dabei.“

          Dabei – das heißt: bei der Frankfurter Tafel. Der Verein verteilt Lebensmittel, so wie die Tafeln in anderen Städten. Nach Angaben des Bundesverbands Deutsche Tafel gibt es inzwischen etwas mehr als 800 solcher Vereine im Bundesgebiet, der Frankfurter existiert seit fast 14 Jahren. Heute fährt Alexander Haupt nach Offenbach, denn auch dort, in Räumen der Mariengemeinde, unterhält die Frankfurter Tafel eine Ausgabestelle.

          Seit drei Jahren können Menschen dort jeden Dienstag etwas zu essen bekommen. Schon morgens um 9 Uhr – Alexander Haupt hat seine Tour gerade begonnen – stehen Menschen vor dem Gemeindehaus an der Krafftstraße und holen sich gelbe, rote oder blaue Märkchen mit Nummern ab. Die brauchen sie bei der Essensausgabe, die um 12 Uhr beginnt. Gelbe Marken bekommen Familien mit Kleinkindern, rote stark behinderte Menschen, blaue alle anderen. 136 Märkchen sind heute ausgegeben worden.

          „Es werden immer mehr Rentner“

          „Ich beziehe eine Erwerbsminderungsrente, meine Frau ist erwerbslos, und wir haben weniger als Hartz IV“, klagt ein 40 Jahre alter Mann, der mit seinen beiden kleinen Kindern vor dem Ausgabetisch dieses Supermarkts der besonderen Art steht. Er gibt Christine Sparr den üblichen Obolus von einem Euro und das Märkchen. „Vier“, ruft die Leiterin der Ausgabestelle einer Helferin zu. Diese packt für die Familienmitglieder eine Tüte mit Gemüse, das weiter hinten steht. Sparr selbst füllt eine weitere Tüte mit anderen Lebensmitteln: Brotaufstrich, Wurst, Fertigsuppen. Noch eine Tüte mit Obst, und dann kommt auch schon der Nächste dran. Jeder bekommt Nahrungsmittel im Wert von 30 bis 35 Euro.

          Die Ausgabe ist straff organisiert, anders geht es bei dem Andrang nicht. Zuerst kommen Mütter, von denen viele ein Kopftuch tragen, und Väter mit ihren Kindern an die Reihe, dann die Alten und Behinderten, dann die mit den blauen Märkchen – alles Hartz-IV-Empfänger oder Rentner. Viele der Leute kennt Sparr, die die Ausgabestelle aufgebaut hat, doch es kommen auch immer wieder neue hinzu. „Es werden immer mehr Rentner“, beobachtet Ingrid Koch, die erste Mitarbeiterin, die Sparr vor drei Jahren gewinnen konnte. Koch bezieht eine Erwerbsunfähigkeitsrente und arbeitet ehrenamtlich mit – die anderen, auch Sparr, sind wie ihre „Kunden“ Hartz-IV-Empfänger.

          Auch Alexander Haupt. Er ist über einen sogenannten Ein-Euro-Job als Fahrer zur Frankfurter Tafel gekommen. Der ist abgelaufen, aber er macht den Dienst ehrenamtlich weiter – sofern es seine Fortbildung in Gebäudemanagment an der Philipp-Holzmann-Schule zulässt. Hausmeister will der 49 Jahre alte Mann aus Kasachstan mit deutschen Wurzeln gerne werden. Vielleicht klappt es bald mit einer Anstellung. Seit zwölf Jahren ist seine Familie in Deutschland. Auf den 23 Kilometern, die seine Tour heute hat, kann er viel erzählen: über seine vier, inzwischen erwachsenen Kinder, seine Arbeit als Busfahrer, die er verloren hat, seinen Einsatz als russischer Soldat im Afghanistan-Krieg, bei dem er 1979 verwundet wurde. Danach musste er in Sibirien Dienst tun. Haupt könnte eine spannende Biographie schreiben.

          Raum im Frischezentrum in Kalbach zur Verfügung

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