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Rettung des Stadtwaldes : Mit Spaten für Wald und Klima

Gut gerüstet: Auch die Kleinen helfen fleißig bei der Aktion mit. Bild: Michael Kretzer

Die Ersten kommen ganz früh. Mehr als 400 Bürger wollen 5000 Bäume im Stadtwald pflanzen. Manche fürchten, es sei vielleicht schon zu spät.

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          Johann hat sich schon vor Wochen entschieden, seinen 14.Geburtstag nicht beim Bowlen oder im Kino zu feiern. Stattdessen ist er gestern mit seinen Freunden in die Nähe des Waldspielparks Carl-von-Weinberg in Niederrad gezogen, um junge Bäume zu pflanzen und damit an der Aktion „Rettet den Stadtwald“ teilzunehmen, zu dem die Stadt aufgerufen hatte. Ein bisschen Angst habe er schon gehabt, dass die Freunde seine Idee vielleicht nicht so gut fänden, wie er selbst, sagt Johann. Der Blick hinüber zu seinen Freunden zeigt ihm jedoch, dass auch die wie er selbst „total Lust darauf haben“, zu graben, sich körperlich zu betätigen und „etwas für das Klima zu tun“. Seine Freunde Eric und Jaron bestätigen: Man müsse nicht Bowlen gehen. Dies sei einmal etwas ganz anderes. Sie hätten ihren Spaß und „das Klima ist doch ganz wichtig“.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dass so viele Frankfurter wie Johann und seine Freunde denken, dass hat Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Die Grünen), die die Spenden- und Pflanzaktion Mitte September ausgerufen hatte, völlig überrascht. „Wir sind überrannt worden“, sagt Heilig mit dem Spaten in der Hand, um auch selbst zu helfen, die von den gespendeten 25.000 Euro angeschafften rund 5000 jungen Bäume in den Waldboden zu bringen. „Hätte das für den Stadtwald zuständige Grünflächenamt alle Anmeldungen zugelassen, „dann stünden hier 3000 Leute“.

          So hat das Amt die Zahl auf 450 Personen begrenzt, darunter viele Familien, die jüngsten Teilnehmer können noch nicht stehen, andere sind mit Dreirädern gekommen. „Das wird nicht die letzte Pflanzaktion sein“, sagt Heilig. Im Stadtwald gebe es nicht nur diese eine Stelle, an der sehr viele kranke und geschwächte Bäume in den vergangenen Wochen aus Gründen der Verkehrssicherheit hätten gefällt werden müssen.

          Aufforstung mit neuen Baumarten

          Heilig zeigt sich „überwältigt“ vom Engagement der Frankfurter, sie habe nicht gewusst, dass sie den Stadtwald so lieben, sagt sie und berichtet von unzähligen Zuschriften, in denen Unterstützung angeboten worden sei. „Einige wollen sogar die Bäume im Wald gießen kommen.“ Das aber sei nicht sinnvoll.

          Die Umweltdezernentin setzt stattdessen zusammen mit den Fachleuten vom Stadtforst darauf, neue, in Hitze- und Trockenheit erprobte Baumarten zu pflanzen wie etwa Winterlinde, Esskastanie, Trauben- und Flaumeiche sowie Elsbeere und Vogelkirsche. Buchen, Kiefern und Fichten, die seit Jahrzehnten neben der Eiche die bestimmenden Baumarten im Stadtwald waren, werden derzeit nicht nachgepflanzt, nachdem sie reihenweise abgestorben waren.

          Ob dieser Weg der richtige ist, will Heilige am Montag, 25. November, mit Fachleuten beim ersten Frankfurter Waldkongress diskutieren, zu dem die Stadt zusammen mit der Hochschule Geisenheim eingeladen hat. Die einen, so Heilig, verträten die These, dass man den Wald sich selbst überlassen sollte, das Ökosystem sei so stark, dass es sich von selbst regeneriere. Diese Experten warnen vor der Einführung neuer, mediterraner Arten, deren Laub häufig nicht einmal von den Bodenorganismen zersetzt werden könne. Andere fordern genauso energisch die sofortige Wiederaufforstung, mit was auch immer.

          Doch was passiert, wenn der nächste Sommer wieder heiß und trocken wird? Für Heilig gibt es nur eine Lösung: „Co2 sparen und das auf Teufel komm heraus.“ Die Pariser Klimaziele seien ja schon „gerissen worden“. Der Klimawandel könne nur durch das Handeln der Kommunen gestoppt werden. Sie hofft, dass die von der Römerkoalition vereinbarte „Klimaallianz“ noch vor Weihnachten im Stadtparlament verabschiedet wird. Dann könnte 2020 eine Großinitiative für Bäume im Straßenraum starten. „Wir brauchen eine konzertierte Aktion“, sagt Heilig, ähnlich der im Stadtwald.

          „Das ist doch nur eine kleine Geste, um der Stadt Frankfurt, in der ich lebe, etwas zurückzugeben“, sagt eine 45 Jahre alte Sachsenhäuserin, die am Vormittag schon drei junge Bäume gepflanzt hat, einen halben Meter hohe Setzlinge. Sie habe noch Zeit und Energie für weitere Bäume, sagt sie und verlangt nach mehr Pflanzmaterial. Von den Straßen aus sehe sie, wie sehr der Wald, nicht nur der in Frankfurt, unter den heißen Sommern gelitten habe. Auch für eine Frau aus Offenbach ist es keine Frage zu helfen, „das schaffen die Stadtförster nicht allein“.

          Aufgeschreckt durch die eigenen Beobachtungen des Waldzustandes ist auch ein Paar aus Bornheim zur Pflanzaktion gekommen. Sie seien Triathleten und viel im Wald unterwegs. Die Entwicklung zu sehen, sei „traurig“, sagen sie, es müsse „echt etwas getan werden“. Und für einen Mittfünfziger aus dem Westend ist es selbstverständlich Hand anzulegen. Der Stadtwald müsse erhalten bleiben, „der gehört doch zu Frankfurt – ist unser Co2-Speicher“.

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