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Antisemitismus : Selbstversuch mit Davidstern

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Stern des Anstoßes: Der Halskettenanhänger von Bernhard Ochs. Bild: Frank Röth

Der Frankfurter Stadtverordnete Bernhard Ochs macht wegen eines harmlosen Anhängers an seiner Halskette immer wieder erschreckende Erfahrungen: einem Davidstern.

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          Neonazistische Gruppierungen erstarken, fremdenfeindliche Proteste und Übergriffe in Deutschland nehmen zu. Bernhard Ochs wundert es nicht, dass der Rechtsextremismus in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Der 71 Jahre alte Frankfurter Stadtverordnete hat über Jahrzehnte hinweg am eigenen Leib, quasi im Selbstversuch, erlebt, dass Misstrauen, Abneigung und Feindschaft gegen Andersdenkende, Andersgläubige und anders aussehende Menschen mit dem Ende des Nationalsozialismus nicht aufgehört haben. Mehr als 40 Jahre lang trug der frühere Sozialdemokrat, heute Geschäftsführer der Fraktion „Die Frankfurter“, einen kleinen Davidstern als Kettenanhänger um den Hals und hat deshalb als vermeintlicher Jude immer wieder Anfeindungen auf sich gezogen.

          Die Reaktionen, die das Symbol mit den beiden ineinander verwobenen gleichseitigen Dreiecken in Kneipen und Weinstuben hervorrufe, seien erschreckend. Die Frage „Sind Sie Jude?“ leite oft eine ekelerregende Litanei darüber ein, dass Juden vermeintlich die Finanzwirtschaft, die Medien und den Immobilienmarkt weltweit beherrschten, erzählt Ochs. „Manchmal ergibt sich aus solchen Vorurteilen eine halbwegs vernünftige Diskussion, meist hat es keinen Sinn“, erzählt Ochs. „Durch die deutsche und die europäische Geschichte zieht sich eine braune Linie, und es gibt eine historische Kontinuität der braunen Bagage, auch in Frankfurt.“ Mal seien Juden das Feindbild, dann gehe es gegen Asylbewerber, türkischstämmige Einwanderer oder Deutsche mit Migrationshintergrund. Das Muster sei immer das gleiche: Selbsterhöhung durch die Erniedrigung von Minderheiten. Allzu lange, stellt Ochs bedauernd fest, hätten politisch Verantwortliche vor dieser Tatsache die Augen verschlossen.

          Bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war die in Parteien wie der NPD organisierte rechtsextreme Szene von sogenannten Altnazis aus der Zeit des Nationalsozialismus bestimmt. Vom Ende der siebziger Jahre an überwogen dann Nachgeborene, die sich die Ansichten der Altnazis kritiklos zu eigen machten und durch eine erheblich höhere Gewaltbereitschaft auffielen. In den vergangenen Jahren zog Ochs mit seinem kleinen Davidstern verstärkt den Zorn von Muslimen auf sich.

          Der Frankfurter Stadtverordnete Bernhard Ochs

          Vom bloßen Anstarren über verbale Anmache bis hin zu offener Aggressivität reichten die Reaktionen, erzählt Ochs. Zum Glück ist er kein ängstlicher Typ, war Kampfsportler und geht so leicht keiner Konfrontation aus dem Weg. „Stellung nehmen, Position beziehen“, heißt seine Devise. Anfang der achtziger Jahre kämpfte er in einer Bürgerinitiative gegen einen Nazi-Buchladen in Bornheim/Nordend. Wenn er damals vorbestrafte Neonazis in der Straßenbahn traf, hielt er ihnen entgegen: „Haut mir ruhig eine rein, dann ist eure Bewährung futsch.“ 1987 gehörte Ochs zu den Demonstranten, die verhinderten, dass die Überreste des jüdischen Gettos am Frankfurter Börneplatz bei Bauarbeiten für die neue Stadtwerke-Zentrale zerstört wurden.

          Die Sache mit dem Davidstern begann für den gebürtigen Frankfurter in den fünfziger Jahren, mit dem Besuch einer Tante aus Holland. Die war mit ihrem Ehemann, einem Juden, vor den Nationalsozialisten in das Nachbarland geflohen und hatte den Holocaust überlebt. Von dieser Tante hörte der damals Fünf- oder Sechsjährige erstmals von Juden. Und weil sie ihm bei ihren Besuchen immer Süßigkeiten mitbrachte, hatten Juden für den kleinen Jungen lange „irgendetwas mit Schokolade zu tun“. Nach und nach bekam Ochs dann eine Ahnung davon, was Deutsche diesen Menschen in den zwölf Jahren der Hitler-Diktatur angetan hatten.

          In Gaskammern ermordete Vorfahren

          Später, als Jugendlicher, begann er, Großmutter und Mutter Fragen zu stellen, und erhielt bittere Antworten: Der Ehemann der Großmutter mütterlicherseits war in der Gaskammer ermordet, der Großvater väterlicherseits als Sozialdemokrat politisch verfolgt und inhaftiert worden. Aus Mitgefühl und Solidarität mit den verhassten Juden, sicher aber auch aus einer tief verwurzelten Lust an der intellektuellen Konfrontation entschied sich Ochs im Alter von 27 Jahren, eine Halskette mit einem kleinen Davidstern zu tragen. „Das war meine ganz persönliche Mahnung, dass sich Geschichte nicht wiederholen darf.“ Und weil sich Ochs selten eine Krawatte umbindet und an seinen Hemden die oberen zwei Knöpfe offen lässt, war das bedeutungsschwere Zeichen kaum zu übersehen. Eine Mischung aus Solidarität mit den geschmähten Juden, empirischem Feldversuch und Lust an der Provokation – mit oft erschütternden Ergebnissen.

          Manchmal hatte selbst der sturmerprobte Bernhard Ochs keine Lust, sich zum x-ten Mal auf eine längere Diskussion über stets dieselben Vorurteile einzulassen. Dann behauptete er einfach, sein Anhänger sei kein Davidstern, sondern lediglich ein „Brauerstern“, das Hexagramm, mit dem vor allem in Süddeutschland auf Brauereien und Wirtshäuser hingewiesen wird. Im Mittelalter diente dieses Symbol, das genauso aussieht wie der Davidstern, einer Bevölkerung, die nicht lesen und schreiben konnte, als Wegweiser zum Bierausschank. Heute lässt sich mit dem Hinweis darauf so mancher Antisemit in geistige Verwirrung stürzen.

          Seit drei Jahren trägt Ochs den Davidstern nur noch selten; nicht aus Rücksicht auf Neonazis, sondern weil ihn das Gefühl am Hals irgendwann einfach gestört hat. „Die Kette liegt aber immer griffbereit auf meinem Schreibtisch.“ Mindestens einmal im Jahr, am 9. November, wenn Ochs zum Gedenken an die Pogromnacht von 1938 in die Synagoge geht, hängt er sich das viele provozierende Dreieckszeichen wieder um.

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