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75 Jahre Frankfurter Rundschau : Die linksliberale Stimme

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Anfang zwischen Trümmern: Der erste Redaktionssitz der „Rundschau“ an der Schillerstraße im Jahr 1951 Bild: Institut für Stadtgeschichte, Fr

Vor 75 Jahren erschien zum ersten Mal die „Frankfurter Rundschau“. Ihre Geschichte begann mit einem Kampf ums Papier.

          3 Min.

          Nach der Besetzung Frankfurts durch amerikanische Truppen am 29. März 1945 war die Stadtbevölkerung mehr oder weniger vom Weltgeschehen abgeschnitten. Im „Frankfurter Volksblatt“, dem Sprachrohr der NSDAP, hatten in den Tagen zuvor noch fanatische Hitler-Gefolgsleute die Frankfurter auf eine Politik der „verbrannten Erde“ einzuschwören versucht. Danach gab es wochenlang keine Zeitungen mehr. Schriftliche Nachrichten über die Kriegslage erhielt die hiesige Bevölkerung erst wieder am 21. April: „Zwei Drittel Deutschlands besetzt“, vermeldete die erste Ausgabe der „Frankfurter Presse“, die von der amerikanischen Armee herausgegeben wurde, allerdings in einer verschwindend kleinen Auflage. In der Nummer drei dieser Zeitung erfuhren die Frankfurter am 3. Mai vom Tod Adolf Hitlers, in einer Sonderausgabe am 9. Mai von der Kapitulation der Wehrmacht.

          Schon damals waren Vorbereitungen zur Gründung der „Frankfurter Rundschau“ im Gang, der ersten regulären Zeitung in der amerikanischen Besatzungszone. Knapp drei Monate nach Kriegsende erteilten die Amerikaner sieben Deutschen die Lizenz zur Herausgabe dieser Tageszeitung. Es handelte sich um Sozialdemokraten und Kommunisten, die wegen ihrer Opposition gegen das Hitler-Regime verfolgt worden waren, darunter als anfangs wichtigster Gesprächspartner der Amerikaner der sozialdemokratische Kommunalpolitiker Willy Knothe, der sich aber schon im März 1946 aus der „Frankfurter Rundschau“ zurückzog, um sich ganz der Landespolitik zu widmen.

          Vor 75 Jahren, am 1. August 1945, erschien die erste Ausgabe. Im Aufmacher wurde über den Sieg der britischen Arbeiterpartei bei den Unterhauswahlen und die Ernennung von Clement Attlee zum Premierminister berichtet. Schon Tage zuvor waren in Frankfurt Werbeplakate geklebt worden, in denen zu einem Abonnement des Blattes aufgerufen wurde: „Ab 1. August 1945 erscheint in Frankfurt a. Main eine neue Zeitung, die ,Frankfurter Rundschau‘.“ Mit der Erlaubnis der amerikanischen Militärregierung werde dieses Blatt von Deutschen herausgegeben und geleitet, hieß es. „Die neue ‚Frankfurter Rundschau‘ ist der Ausdruck unseres ehrlichen Willens zur demokratischen Zusammenarbeit!“, ließen die Herausgeber potentielle Käufer wissen.

          Für eine tägliche Ausgabe fehlten anfangs die Ressourcen

          Lediglich zweimal in der Woche erschien die neue Zeitung. Denn für eine tägliche Ausgabe fehlten damals die Ressourcen. „Die Hauptschwierigkeit liegt im Papiermangel“, klärten die sieben Herausgeber die Leserschaft auf. Ihre Aufgabe sah die „Frankfurter Rundschau“ darin, das Nazi-Übel der Lüge, das in den zurückliegenden zwölf Jahren Deutschland beherrscht habe, radikal auszumerzen.

          Die neue Zeitung wurde zunächst im Keller des einstigen Verlagsgebäudes der „Frankfurter Zeitung“ gedruckt, wo einige wenige Maschinen noch vorhanden waren. Die Redaktion befand sich im Haus des früheren „General-Anzeigers“ an der Schillerstraße. Knapp neun Monate lang hatte die „Frankfurter Rundschau“ als einzige Zeitung in der Mainmetropole und weit darüber hinaus ein Monopol inne. Erst am 15. April 1946 ließen die Amerikaner mit der „Frankfurter Neuen Presse“ einen Konkurrenten zu: Sie sollte die bürgerlichen Leser ansprechen, die mit der stark linksgerichteten „Frankfurter Rundschau“ unzufrieden waren. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, die sich als Nachfolgerin der im August 1943 von Hitler persönlich verbotenen „Frankfurter Zeitung“ betrachtete, erschien am 1. November 1949 mit ihrer ersten Ausgabe.

          Für zwei Zeitungen war nicht genug Papier vorhanden

          So karg waren noch 1946 die Zeiten, dass die Amerikaner nach der Gründung der „Frankfurter Neuen Presse“ die „Frankfurter Rundschau“ zu einer Kürzung ihrer Auflage um 65.000 Exemplare zwangen, weil nicht genug Papier für zwei Zeitungen vorhanden war. Zeitzeugen berichten von Greifkommandos in der Innenstadt, die damals ankommende Papier-Lastwagen jeweils in die eigene Druckerei zu lenken versuchten. Immerhin konnte im Lauf des Jahres 1946 die „Frankfurter Rundschau“ dreimal in der Woche erscheinen, nach der Währungsreform 1948 schließlich an jedem Wochentag.

          Prägend wurde für die „Frankfurter Rundschau“ der aus dem Exil kommende Journalist Karl Gerold, der im April 1946 in die Zeitung eintrat und einer ihrer Herausgeber wurde. Er profilierte sie als eine linksliberale Stimme in der Bundesrepublik, die später der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt publizistisch den Weg bereitete. Die 1973 gegründete Karl-Gerold-Stiftung blieb bis 2004 alleinige Eigentümerin des Blatts, das freilich mit Beginn des neuen Jahrtausends in wirtschaftlich schwieriges Fahrwasser geriet, woran auch der Einstieg der SPD-Medienholding DDVG 2002 nichts änderte.

          2003 konnte nur eine Bürgschaft des Landes Hessen die Zeitung retten. Mit der Beteiligung des Kölner Verlags DuMont Schauberg 2006 stabilisierte sich die ökonomische Lage der „Frankfurter Rundschau“, allerdings nur vorübergehend. Im November 2012 musste der Verlag Insolvenz anmelden. Massive Umsatzverluste im Anzeigen- und Druckgeschäft hätten diesen Schritt unumgänglich gemacht, hieß es von der Geschäftsführung.

          Ausgerechnet die Frankfurter Konkurrenten des defizitären Blattes, die F.A.Z. und die „Frankfurter Neue Presse“ beziehungsweise die Frankfurter Societät retten damals die „Rundschau“, die danach unter einer eigenständigen Redaktion als „unabhängige linksliberale Tageszeitung“ weiter erscheinen konnte. 2018 übernahm der Verleger Dirk Ippen mit seiner Zeitungsholding die von der F.A.Z. und der Societät gehaltenen Anteile und gliederte das Blatt in seinen Verbund von Lokalzeitungen ein. Die „Frankfurter Rundschau“ erscheint zwar weiterhin, aber sie ist schon lange nicht mehr die führende linksliberale Stimme in der deutschen Zeitungslandschaft.

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