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Frankfurter Philosophicum : Streit auf den letzten Metern

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Ehemaliges Uni-Gebäude: Das Philosophicum in Frankfurt soll ein selbstverwaltetes Wohnhaus werden. Bild: Robert Wenkemann

Eine Initiative will das ehemalige Philosophicum der Uni in ein autonomes Wohnhaus verwandeln. Doch jetzt gibt es Streit um den Vertrag. Wenn bis Ende Juni nicht unterschrieben ist, droht alles zu platzen.

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          Auf dem hartumkämpften Frankfurter Wohnungsmarkt soll in einem ehemaligen Uni-Gebäude ein Kontrapunkt zu boomenden Luxuswohnungen und steigenden Mieten entstehen. Ein selbstverwaltetes Wohnprojekt für 150 Menschen hat nach langen Verhandlungen den Zuschlag für das denkmalgeschützte Philosophicum
          auf dem Kulturcampus bekommen. 6,1 Millionen Euro muss die Initiative für den Kauf aufbringen und wirbt dafür seit Wochen um Direktkredite. Doch vor der geplanten Unterzeichnung des Kaufvertrags gibt es Streit über Fristen und Kosten. „Am 30. Juni ist Deadline. Wenn bis dahin nicht unterschrieben ist, ist das Thema tot“, sagt der Geschäftsführer der städtischen ABG Holding, Frank Junker.

          Der ABG gehört das Areal des ehemaligen Uni-Campus am Senckenberg-Museum seit Sommer 2011. Die spektakuläre Sprengung des 116 Meter hohen Uni-Turms auf dem Grundstück mitten in der Stadt hatte Anfang Februar über Deutschland hinaus für Aufsehen gesorgt. Bis 2019/20 soll nach dem endgültigen Wegzug der Hochschule auf 16,5 Hektar eine Mischung aus Wohnen, Büros und Kultur entstehen, der „Kulturcampus“.

          23 Millionen Euro Gesamtkosten

          Auf 15 Prozent der Wohnfläche ist nach Festlegung von Stadt und ABG gemeinschaftliches, genossenschaftliches Wohnen möglich. Das Hausprojekt Philosophicum würde etwa zwei Drittel dieser Fläche ausmachen, rechnet Junker vor. Die Initiative engagierter Bürger plant in dem 1960 eröffneten Seminargebäude neben preiswerten Wohnungen für Singles und Familien Arbeitsräume, Ateliers, eine Kita, ein Café, ein Quartiersbüro und ein Archiv über den Architekten des Gebäudes, Ferdinand Kramer (1898-1985).

          Mit Direktkrediten ab 500 Euro soll das Hausprojekt finanziert werden, dessen  Gesamtkosten die Initiative auf 23 Millionen Euro schätzt: „Einzelpersonen und Verbände erhalten im Philosophicum die Möglichkeit einer transparenten, sozialen und nachhaltigen Geldanlage, mit der ein politisch und sozial engagiertes Hausprojekt
          unterstützt wird“, wirbt die Initiative und verspricht bis zu zwei Prozent Zinsen. Dabei kann sich die Projektgruppe auf die Erfahrungen des Mietshäuser Syndikats stützen, eines bundesweiten Verbundes selbstverwalteter Häuser mit Sitz in Freiburg, der seit Jahrzehnten Erfahrung mit dieser Art der Finanzierung hat - auch in Hessen.

          Vertrag soll bis Ende Juni unterschrieben sein

          Die Kredite würden durch die Mieteinnahmen bedient, erklärt Eva Lehmann von „Fritze“, einem der beiden Frankfurter Hausprojekte, die schon lange zum Syndikat gehören. „Wir haben das Haus, in dem wir schon wohnten, gekauft, weil wir uns nicht irgendwann über Geld streiten wollten“, berichtet sie. Das war vor mehr als zehn Jahren. Von der Miete gingen inzwischen 50 bis 60 Cent pro Quadratmeter als
          Solidarbeitrag ab, um andere Syndikat-Projekte zu unterstützen. Im „Fritze“ leben zwar nur 21 Menschen, das größte Syndikat-Wohnhaus in Freiburg „Susi“ beherbergt aber sogar 285 Menschen.

          Der Haken liegt nach Einschätzung des Hausprojekts Philosophicum in vertraglichen Vorgaben der ABG, die „weder akzeptabel noch juristisch haltbar sind“. Die geforderte notarielle Unterzeichnung des Kaufvertrags zum 30. Juni bedeute ein „nicht zu verantwortendes Risiko“, solange noch kein Bebauungsplan in Kraft sei, argumentiert die Initiative. Die Erschließungs- und Wohnfolgekosten könnten
          bislang nur grob geschätzt werden, sollten in dem Vertrag aber als „harte Fakten Eingang finden“ und zudem die Finanzierung abgesichert werden. Dies sei juristisch nicht haltbar. Die eigenen Erschließungsleistungen der Initiative - von dem Raum für die Kita über Sozialwohnungen bis zum Erhalt des denkmalgeschützten Gebäudes - würden zudem überhaupt nicht berechnet.

          Unterstützung kommt von dem Frankfurter Investor, Gastronom und Immobilienbesitzer Ardi Goldman. „Das summiert sich letztlich auf höhere Kosten, als sie ein privater Investor tragen müsste“, kritisiert er. „Da drängt sich mir der Eindruck auf, dass hier bestimmte Lobbygruppen am Werke sind, die dieses Filetgrundstück lieber für sich hätten.“ Eigentlich möge er Genossenschaften nicht. Beim Prinzip des Mietshäuser Syndikats sei dies aber ganz anders: „eine unglaublich tolle Wohnform.“ Das Philosophicum könne ein Vorbild für sozialverträgliche Wohnbauprojekte in Frankfurt sein.

          Junker wertet die Argumente der Initiative dagegen als letzten Versuch, auf die ABG oder die Politik Druck auszuüben. Die Grundbedingungen seien schon lange besprochen.

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