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Perückengeschäft in Frankfurt : In Nullkommanichts vom Pagenschnitt zur Langhaarfrisur

  • -Aktualisiert am

Mehr als nur ein Ersatzteil: Perrücken sind auch Mode-Accesoire Bild: Maximilian von Lachner

Ellen Wille fertigt Perücken für Modebewusste genauso wie für Kranke an. Die Traditionsfirma aus Frankfurt gehört zu den Top drei in Europa.

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          Auffallende Brillen im Stil der amerikanischen Mode-Ikone Iris Apfel sind eine Art Markenzeichen für Ellen Wille. Doch gelegentlich fällt die immer sehr modisch gekleidete 77 Jahre alte Frau auch noch ganz anders auf. Zur Verblüffung der Gäste nimmt sie bei einer Geburtstagsparty in Vor-Corona-Zeiten die Frisur vom Kopf, um zu demonstrieren, wie selbstverständlich man heute damit umgehen kann, wenn man Perücke trägt – und wie täuschend echt so eine Zweitfrisur als modisches Accessoire oder medizinische Notwendigkeit wirkt. „Ich habe selbst ziemlich schlechte Haare, vielleicht bin ich deshalb in die Haarbranche gegangen“, sagt Ellen Wille in ihrer offenen Art. Dabei zupft sie die weißgraue Kurzhaarfrisur zurecht und führt stolz durch die kürzlich aufwendig und schick neu gestalteten, auf zwei Etagen ausgedehnten Geschäftsräume in der Frankfurter Hasengasse.

          Hier hat sie 1967 in den Nebenräumen eines Friseurs begonnen und immer weiter expandiert. Kundinnen mussten jahrelang eine steile Treppe erklimmen, um einzukaufen. Das fiel nicht allen leicht, denn Frauen brauchen Perücken oft nicht aus modischen, sondern aus medizinischen Gründen. Das half dem Unternehmen auch durch die Corona-Krise, denn das Geschäft durfte deshalb die ganze Zeit offenbleiben, auch wenn einige Kundinnen trotzdem aus Angst fern blieben.

          Abtrennbare Vorhangabteile helfen denjenigen, die wegen einer Krebserkrankung oder erblich bedingtem Haarausfall in den Laden kommen, Diskretion und Intimität zu wahren. Auch das Personal kennt sich bestens mit der Situation von Frauen aus, die ihre Haare aus Krankheitsgründen verlieren. Der medizinische Hilfsmittelmarkt wächst weltweit, aber auch der Modemarkt. „Vor allem in Amerika“, erläutert die Inhaberin. Dort tragen Frauen auf dem Red Carpet immer selbstverständlicher Perücken.

          „Eine Perücke ist heute genau wie ein Gebiss nicht mehr nur ein bloßes Ersatzteil, sondern Beauty“, sagt Wille selbstbewusst. „Mir macht es in jedem Fall immer eine Riesenfreude, wenn ich Menschen glücklich machen kann.“ Dazu kam von Anfang an ihr Antrieb, mindestens genauso viel verdienen zu wollen wie Männer. Und das zu einer Zeit, in der Frauen ihre Männer oft noch um Erlaubnis bitten mussten, wenn sie überhaupt berufstätig sein wollten. „Ich wollte aber niemals finanziell abhängig sein.“

          Im Unternehmen fördert sie ebenfalls gern Frauen und hat deshalb eine Stiftung gegründet, die mit Unterstützung der Stadt Schwalbach eine Krippe neben dem Unternehmenssitz ins Leben gerufen hat für die Kinder der Mitarbeiterinnen. „Ich wollte immer schon Frauen helfen, gleiche Chancen im Berufsleben zu haben.“

          Den großen Boom erlebte die praktische „Zweitfrisur“ in den sechziger Jahren, als Propagandisten in den Frankfurter Kaufhäusern sogar Terminzettel verteilen mussten wegen des großen Andrangs, und jede Frau mindestens eine besaß. Wille erinnert sich noch lebhaft an diese Zeit. Die junge Designstudentin, die in Weimar geboren und mit den Eltern in den Westen gekommen ist, lebte damals vorübergehend in Paris. Ein Großhändler bot ihr an, Perücken zu verkaufen, weil das ein lohnendes Geschäft werden könne. Sie zögerte nicht lange und zog mit dem ersten Kurzhaar-Einheitsmodell von Friseur zu Friseur.

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