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Frankfurt vor Entschärfung : Die Menschen müssen weg, das Blech bleibt

Entschärft: Rene Benner vom Kampfmittelräumdienst am RP Darmstadt zeigt den Zünder einer Fliegerbombe. Ein Sprengkörper gleichen Typs soll am Sonntag unschädlich gemacht werden. Bild: dpa

Mögliche Druckwellen bei der Bombenentschärfung im Frankfurter Ostend gefährden Autos, Schiffe und EZB kaum. Gleichwohl müssen 16.000 Anlieger am Sonntag ihre Wohnungen verlassen.

          Und was geschieht in dem Wahrzeichen im Frankfurter Osten, was wird mit dem Euro? Kreisen doch die Geldströme ohne Unterbrechung rund um den Globus, jeden Tag, 24 Stunden lang. Was für die Europäische Zentralbank bedeutet, dass sie das Geschehen stets im Blick haben muss. Weil sie aber mitten in der Sperrzone liegt und das Verbot, sich dort am Sonntag aufzuhalten, von acht Uhr an für jedermann ohne Ausnahme gilt, wird auch der Tower am Main für Stunden menschenleer sein. Zum Wesen von Zentralbanken gehört es, dass sie ungern darüber sprechen, wie sie schwierige Situationen bewältigen. Daher will es eine Sprecherin bei der Auskunft bewenden lassen, die Arbeitsfähigkeit der EZB werde durch den Fund der Bombe nicht beeinträchtigt: „Wir haben Vorkehrungen getroffen, dass unsere Mitarbeiter von anderen Orten arbeiten können, sollte dies nötig sein.“

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Niklas Zimmermann

          Was wohl bedeutet, dass Währungshüter von anderen Dependancen in Europa den Euro im Blick haben und bei Verwerfungen eingreifen können. Die Sorge, wichtige Kabelstränge in der Nähe der EZB seien in Gefahr, sollte die Bombe an Ort und Stelle gesprengt werden müssen, konnten ausgeräumt werden.

          „Im Osthafen dürfen sich keine Personen aufhalten“

          Die Menschen müssen weg, alles andere bleibt. Das gilt nicht nur für die EZB. „Im Osthafen dürfen sich keine Personen aufhalten“, sagt Harry Schnepf von den städtischen Hafen- und Marktbetrieben (HFM). Der Main sei gesperrt und die Reedereien seien durch das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt rechtzeitig informiert worden. Ohnehin müsse sich jedes Schiff vor dem Eintreffen im Osthafen anmelden. Trotzdem wird der Hafen auch am Sonntag nicht geschlossen sein. Schiffe können anlegen, sagt Schnepf. Es sei nicht nötig und logistisch auch nicht möglich, die Schiffe und die Container zu evakuieren. Die Besatzung der Schiffe werde aber persönlich und mit Flugzetteln informiert, dass sie sich von 8 bis voraussichtlich 18 Uhr nicht im Sperrgebiet aufhalten dürfe.

          Karte Evakuierungsgebiet um den Fundort der Weltkriegsbombe im Ostend
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          Früh aufstehen muss, wer seinen Mietwagen am Ostbahnhof zurückgeben will. Kunden des Autovermieters Buchbinder sollen ihre Autos bis Sonntag um 7 Uhr auf dem Hof an der Ferdinand-Happ-Straße abstellen. Eine entsprechende Kundeninformation mit drei Ausrufezeichen erhalten sie bei der Anmietung in die Hand gedrückt. Wer zu spät ist, muss nach Offenbach oder Sossenheim fahren.

          16.000 Bewohner in der Sperrzone

          Die Fahrzeuge werden aber auf dem Hof unmittelbar vor dem Bahndamm stehenbleiben. „Wir sind gut versichert“, sagt Matthias Zech, der die Buchbinder-Filiale im Ostend leitet. Und: „Wo sollen wir die Autos denn hinstellen?“

          Wohin mit den Autos? Diese Frage stellt auch Polizei-Pressesprecher Alexander Kießling. Eine Evakuierung der Autos würde in den anderen Stadtvierteln einen Riesenaufstand auslösen. „Ihr habt sie nicht mehr alle“, würden die Menschen im Frankfurter Norden sagen, wenn die 16.000 Bewohner der Sperrzone ihre Wagen weiter nördlich abstellen würden. Und das zu Recht, wie der Polizei-Pressesprecher meint.

          „Einen schicken Neuwagen würde ich wegstellen“

          „Den Autos machen die Druckwellen eigentlich nichts aus“, sagt Kießling. Es sei der Mensch, der für mögliche Explosionen nicht gemacht sei. Es drohten Gleichgewichtsstörungen bei geplatzten Trommelfellen. Trotzdem appelliert der Polizei-Pressesprecher an die Bewohner, sich gut zu überlegen, was sie in der Sperrzone zurücklassen. Die schöne Palme solle man vom Balkon in die Wohnung bringen. Und auch bei den Autos zeigt sich Kießling nicht so bedenkenlos wie der Buchbinder-Filialleiter. „Einen schicken Neuwagen würde ich wegstellen, wenn ich in der Nähe wohnen würde.“ Zumindest aus der unmittelbaren Luftlinie heraus. So könne eine „tragische Geschichte“ für den Besitzer verhindert werden. Grundsätzlich sei für den richtigen Versicherungsschutz aber jeder Autofahrer selbst verantwortlich.

          Teure Autos verkauft Udo Kandel. Er leitet die Volvo-Filiale an der Hanauer Landstraße, die auch als Frankfurts Automeile gilt. „Wir fahren die Autos auf den Hinterhof“. Kandel geht auf Nummer Sicher, obwohl sich das Autohaus nicht in Luftlinie zur Fundstelle der Weltkriegsbombe an der Kreuzung von Mayfahrtstraße und Eytelweinstraße befindet.

          Betont gelassen gibt sich das Gastgewerbe, das am Sonntag auf Einnahmen verzichten muss. „Was sollen wir machen?“, heißt es bei der Realwirtschaft Oosten, die nur etwa 100 Meter vom Fundort der 500-Kilo-Bombe entfernt liegt. Guido Weeder von der Main-Cocktail-Bar am Deutschherrnufer sagt, er habe sich auf die Zwangspause am Sonntag gut eingestellt. Er, der mit seiner mobilen Bar einfach wegfahren kann. gewinnt ihr sogar Positives ab: „Ein Tag frei ist auch ganz schön.“

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