https://www.faz.net/-gzg-9yjya

Online-Bibliothek zu Osteuropa : Digitales Fenster nach Osten

In 24 Stunden 400 neue Nutzer: Bea und Wolfgang Klotz haben Erfolg mit ihrer Online-Bibliothek. Bild: privat

Seit 20 Jahren betreibt ein Frankfurter Ehepaar eine Online-Bibliothek zu Osteuropa. Jetzt gibt es mehr Besucher.

          3 Min.

          Sie kommen aus New York, Berlin und Tel Aviv. „Es ist die halbe Welt“, sagt Bea Klotz über die neuen Besucher der Central and Eastern European Online Library (CEEOL). Sie alle dürfen in Zeiten der Grenzschließungen wegen des Coronavirus nicht in den Osten Europas reisen. Also nähern sie sich ihm virtuell. „In 24 Stunden hatten wir 400 neue Nutzer“, berichtet die Geschäftsführerin der Online-Bibliothek über einen besonders erfolgreichen Tag.

          Das große Interesse findet auch sie bemerkenswert. Denn die CEEOL informiert mit knapp 2300 Zeitschriftentiteln nicht etwa über die Corona-Erkrankungen in Skopje, Tallinn, Warschau und Kiew, sondern über Themen wie die Predigtsprache der evangelischen Kirche in Siebenbürgen oder die Frauenemanzipation in der serbischen Politik.

          „Hoffentlich nicht“, sagt die Bibliotheksleiterin zu Spekulationen, wonach die Grenzen zwischen Ost und West über das laufende Jahr hinaus gesperrt bleiben könnten. Auch wenn es mit der Pandemie eine nachvollziehbare Begründung gibt, kommen Erinnerungen an den Eisernen Vorhang auf, der Europa bis vor 30 Jahren in zwei Hälften teilte. Die CEEOL möchte mit dazu beitragen, dass wenigstens Wissen frei zirkuliert. Bücherregale oder einen Lesesaal hatte sie ohnehin nie.

          Was bei der Gründung im Jahr 2000 revolutionär war, ist in Zeiten des Social Distancing das Gebot der Stunde. Es vergeht kein Tag, an dem nicht eine Bibliothek ein neues digitales Angebot bewirbt. Pilgerten Forscher bis vor kurzem an die hochkant gestellten Bildschirme in die Prager Nationalbibliothek, um alte tschechoslowakische Zeitungen zu lesen, können sie das nun von zu Hause aus tun.

          Online-Bibliothek füllt das Leben des Paares vollständig aus

          Frühe Erfahrungen hat Bea Klotz auch mit dem mobilen Arbeiten gemacht. Ihr Ehemann Wolfgang leitete von 2009 bis 2012 das Belgrader Büro der Heinrich-Böll-Stiftung. Also steuerte sie den Server der CEEOL, der in der Wohnung im Frankfurter Stadtteil Bockenheim steht, aus der Ferne. Die Online-Bibliothek füllt das Leben des Paares vollständig aus. „Wir haben seit 1999 keinen wirklichen Urlaub mehr gemacht“, sagt Wolfgang Klotz, der aus dem bayerischen Odenwald stammt. Immer seien die Reisen damit verbunden gewesen, Verlage und Autoren zu besuchen. „Dadurch sind viele Freundschaften entstanden“, sagt Klotz, Philosoph und Theologe. Die CEEOL wolle gerade jene Wissenschaftler in Mittel,- Ost- und Südosteuropa sichtbar machen, die nicht in den englischsprachigen Vorzeigezeitschriften publizieren können.

          Die Arbeitsteilung des Paares ist klar. „Ich bin ein obsessiver, archaischer Jäger und Sammler“, sagt Wolfgang Klotz. Er habe noch mindestens 200 Bücher auf der Festplatte, die er neu editieren und als E-Book veröffentlichen will. Früher leitete Klotz das mit Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit gegründete „Palais Jalta“. Das Kulturzentrum brachte von 1989 bis 2003 Intellektuelle wie Lew Kopelew oder Adam Michnik nach Frankfurt. Anlässlich einer Veranstaltung lernte sich auch das spätere Ehepaar Klotz kennen. Die Idee der Ost-West-Verständigung führen sie mit der CEEOL fort. Bea Klotz, die in Ungarn Außenhandel studiert hat, ist die Organisatorin. Sie sei mit all den Plattformen und Verlagen so viel besser vertraut, sagt ihr Ehemann. „Ganz zentral“ seien auch die Landeskoordinatoren und der „ziemlich perfekte rumänische Programmierer“ aus der Anfangszeit. Damit dieser eine Aufenthaltsbewilligung erhielt, gründete sich die Bibliothek als GmbH.

          Auch Harvard und Princeton griffen auf ihre Dienste zurück

          Ein wenig wurde die CEEOL Opfer des eigenen Erfolgs. Mittlerweile unterhält die Bayerische Staatsbibliothek nicht nur einen „Ostlesesaal“, sondern auch eine digitale Plattform zum östlichen Europa. „Am Anfang haben wir viele Inhalte geliefert“, sagt Bea Klotz, die von einer „phantastischen Kooperation“ mit München schwärmt. Auch Spitzenuniversitäten wie Harvard und Princeton griffen auf die Dienste der Frankfurter Online-Bibliothek zurück. Deutlich weniger gut zu sprechen ist die Geschäftsführerin allerdings auf kommerzielle Verlage wie De Gruyter und Elsevier. Sie hätten aggressiv Bezahlzeitschriften im Osten Europas aufgekauft. Da könne man finanziell nicht mithalten. Das von der Europäischen Union propagierte „Open Access“ habe alles verschlimmert. „Es hat uns den Boden unter den Füßen weggezogen“, sagt Wolfgang Klotz. Die CEEOL habe wertvolle Zeitschriftentitel verloren.

          Das Betreiberehepaar hat jedoch weiter große Pläne. Nachdem Ungarns Regierungschef Viktor Orbán die liberale Central European University aus dem Land vertrieb, stieß jüngst Krisztina Kós, langjährige Leiterin der Central European University Press, zur CEEOL. Sie baut die neue Verlagsabteilung CEEOL Press auf. Ein mögliches Projekt, sagt Bea Klotz, sei eine Buchreihe über Sinti und Roma im östlichen Europa. Denn sie und ihr Ehemann sind beunruhigt angesichts Minderheitenfeindlichkeit und illiberaler Tendenzen. Wenn Klotz über ihr Herkunftsland Ungarn spricht, wird sie emotional: „Wenn Orbán morgen das Internet sperrt, bleiben die Texte bei uns weiter abrufbar.“ Die Sorge ist nicht unbegründet, denn der ungarische Ministerpräsident nimmt die Corona-Pandemie als Vorwand, um drakonische Strafen auf tatsächliche und vermeintliche Falschnachrichten zu verhängen.

          „Natürlich wollen wir den neuen Verlag bewerben“, sagt die Geschäftsführerin, die sich mit CEEOL Press eine neue, weniger akademische Zielgruppe verspricht. Doch ein Auftritt wie vor eineinhalb Jahren an der Frankfurter Buchmesse rückt in der gegenwärtigen Krise in weite Ferne. Weit mehr als jegliche Feierveranstaltungen vermisst Bea Klotz jedoch das Reisen: „Ich möchte sehr gerne wieder Zeit in all den Ländern verbringen.“ Auch für seine Erfinder kann ein digitales Fenster nach Osten nicht dauerhaft die menschlichen Beziehungen und die tatsächlichen Erfahrungen und Begegnungen ersetzen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Götterdämmerung? Markus Söder verlässt nach der letzten Sitzung des bayerischen Kabinetts vor der Sommerpause am 28. Juli die Staatskanzlei.

          Söders Höhenflug : Auf dem richtigen Kurs

          Noch vor einem Jahr war der bayerische Ministerpräsident Markus Söder vielen unheimlich. Jetzt sieht es ganz anders aus. Er hat einige richtige Entscheidungen getroffen.
          Am Donnerstag befasste sich der hessische Landtag mit der mutmaßlichen Korruptionsaffäre bei der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt. (Archivbild)

          Oberstaatsanwalt im Verdacht : War der Korruptionsjäger selbst korrupt?

          Hessens Justizministerin reagiert auf die Korruptionsaffäre bei der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft. Der Leiter jener Stelle, die gegen Korruption im Gesundheitswesen kämpfte, soll „die Seiten gewechselt“ haben. Jetzt wird die Einheit aufgelöst.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.