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Frankfurter Künstler : Jeder Tag ist Fashion Week

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Malt Köpfe der Corona-Zeit: Xue Liu, Städelschulabsolvent aus dem Jahr 2010 Bild: Wonge Bergmann

Er lässt Kunst auf Mode treffen: Der chinesische Maler Xue Liu arbeitet seit zwei Jahren nicht mehr auf Leinwand, sondern auf T-Shirts, Taschen und Jacken.

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          Diese Gesichter wird man später einmal vielleicht mit dem Jahr 2020 verbinden. Der chinesische Olympiaschwimmer Sun Yang, der im Februar wegen Dopings für acht Jahre gesperrt wurde, ist ebenso dabei wie der Basketballer Kobe Bryant, der Ende Januar bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben kam. Auf den bisweilen zerknitterten weißen T-Shirts, die der Frankfurter Künstler Xue Liu seit Beginn dieses Jahres bemalt hat, finden sich folgerichtig auch Köpfe, die das Nachrichtengeschehen rund um die Corona-Krise bestimmen.

          Das Antlitz von Königin Elisabeth II., die im April eine denkwürdige Rede an die britische Nation hielt, hat Liu ebenso gekonnt auf Stoff gebannt wie das Gesicht des Augenarztes Li Wenliang aus der chinesischen Stadt Wuhan, der schon früh vor den Gefahren des Virus warnte und an der von ihm ausgelösten Lungenkrankheit starb. Die aktuelle Lage habe ihn motiviert, sagt Liu, der sich als aufmerksamer Zeitgenosse zeigt. Die neue Werkserie geht er indes auch spielerisch und experimentell an. So ziert sein eigenes Konterfei eines der Oberteile, während einige andere großflächig mit Naturmotiven bemalt sind.

          Als ein Glücksfall erwiesen

          Die Idee zur Serie sei ihm gekommen, als er im Internet zufällig ein T-Shirt mit einer bekannten Filmfigur gesehen habe, erzählt Liu. Es sei ausgesprochen teuer gewesen. „Bloß ein Kopf auf einem weißen T-Shirt“, sagt er und wundert sich. Daraufhin habe er beschlossen, so etwas selbst herzustellen. Er kaufte günstige T-Shirts, besorgte sich Stofffarben und legte los. Und als sich Mitte März der Lockdown abzeichnete, räumte er noch schnell die Stofffarbenabteilung eines großen Frankfurter Händlers für Künstlermaterialien leer.

          Das hat sich als Glücksfall erwiesen, denn Xue Liu ist ein souveräner Maler. Er beherrscht das zügig Hingeworfene ebenso wie das fein Ausformulierte. „Ich kann nicht schlecht malen“, sagt der 1981 im chinesischen Chongqing geborene Künstler. Es klingt, als müsse er sich für sein Können rechtfertigen. Liu studierte zunächst an der Kunstakademie von Sichuan in China, anschließend wechselte er in die Bühnenbildklasse der Offenbacher Hochschule für Gestaltung. Zudem verbrachte er einige Jahre an der Frankfurter Städelschule, die er als Meisterschüler der Malerin Christa Näher abschloss. Die Liste seiner Einzel- und Gruppenausstellungen ist beeindruckend lang, in der Frankfurter Kunstszene ist er eine feste Größe.

          „Zu sehr Bahnhofsviertel“

          Im persönlichen Umgang kann er zurückhaltend wirken, seine Sätze kommen eher lakonisch daher. Im Gesprächsverlauf aber blüht er auf und offenbart einen zuweilen bissigen Humor. Der Mittelpunkt seines malerisches Universums ist ein Raum im städtischen Atelierhaus an der Ostparkstraße. Das verschattete, nur wenig Sonnenlicht hineinlassende Atelier hat Liu 2018 bezogen. Am besten gefalle ihm die ruhige Lage des Ateliers unweit des Ostparks, sagt er. Das Atelierhaus Basis, in dem er zuvor gearbeitet hatte, sei ihm „zu sehr Bahnhofsviertel“ gewesen. Lius Atelier wirkt liebevoll eingerichtet. Es erinnert, anders als die Studios vieler zeitgenössischer Künstler, weder an ein Labor noch an ein Büro. Bei aller Behaglichkeit, die das Atelier ausstrahlt, zeigt es sich als Raum, in dem künstlerisch gearbeitet wird. Es beherbergt viele Materialien, Bücher und Werke.

          Ein Blickfang ist das an einer der Wände hängende Porträt Karl Lagerfelds. Mit flottem Pinselstrich porträtiert Liu den im vergangenen Jahr gestorbenen Modeschöpfer. Die schon 2012 entstandene Papierarbeit zeige er nicht bewusst, sondern zufällig, beteuert Liu. Seine Affinität zur Modewelt ist aber nicht von der Hand zu weisen. Davon zeugen auch bemalte Handtaschen, die an einer Wand neben der Ateliertür hängen. Als Maluntergrund nutze er meist gebrauchte Taschen, sagt der Künstler. Er schätze das Kaputte. Eine Zeitlang hat er auf gebrauchter Pappe gemalt, bisweilen hatte er sie vorgefunden. Klassische Untergründe nutzt er hingegen kaum. Die letzten Leinwandarbeiten sind 2018 entstanden. „Ich probiere gern neue Materialien aus“, betont er.

          Liu hat keine Scheu vor der Arbeit mit eher unüblichen Materialien: „Leder ist eine sehr gute Oberfläche zum Malen.“ Er deutet auf Lederjacken, die er unlängst mit Figuren einer Traumwelt, wie etwa Mensch-Tier-Mischwesen, verziert hat. Auch die mit Acrylfarben bemalten Taschen zeigen gegenständliche, oftmals surreal wirkende Motive. Hier wächst aus einem Teller mit Spaghetti ein Hipsterbartträger hervor, dort reiten Menschen auf überdimensionalen Echsen. Ein muskulöser Mann, der aus einem Laptopbildschirm heraus klettert, ziert ein weiteres Exemplar. Einige der Handtaschen hat Liu schon in der Frankfurter Galerie Hübner und Hübner ausgestellt. Die Taschen, wie auch die T-Shirts und Jacken, sieht er als Kunstwerke, nicht bloß als bemaltes Textil und Leder.

          Sie sollen, so Liu, auch nicht kommerziell aussehen: „Ich möchte etwas malen, das nicht wie zum Verkauf wirkt.“ Xue Lius Arbeiten sind zugänglich und vielschichtig zugleich. Sie provozieren zum Nachdenken, ohne verkopft zu sein. Wie kostbar ist ein bemaltes Stück Pappe, wenn es in einer Galerie hängt? Wie schnell wird das vermeintlich Kaputte und Schäbige chic? Auf eine faszinierende Art und Weise oszilliert Lius Kunst zwischen der Welt von Luxus und Glamour und deren Mimikry und Abgründen.

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