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Karstadt bleibt vorerst : Von der Zeil zur Rambla

Theater statt Karstadt: Stadtplaner und Architekten halten diese Idee nicht für abwegig. Bild: Aders, Hannah

Auch wenn Karstadt in Frankfurt noch eine Gnadenfrist erhält: Der stationäre Einzelhandel hat es schwer. Längst stellt sich die Frage: Was kommt danach?

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          Michael Guntersdorf hat eine geschickte Art, Diskussionen abzuwürgen, die er für unpassend oder überflüssig hält. Der Leiter der Stabsstelle für die Zukunft der Städtischen Bühnen redet dann noch schneller als sonst. Eine Sparte der Städtischen Bühnen auf dem Karstadt-Areal? „Das Thema haben wir schon überprüft. Wenn überhaupt, dann würde nur das Schauspielhaus dahin passen.“ Aber das Grundstück sei nur „ganz bedingt geeignet“, wendet Guntersdorf ein, und, wenn überhaupt, nur die „zweitbeste Lösung“. Kurz: Die Diskussion, nach dem perspektivischen Abriss des Kaufhauses ein Theater an der Zeil zu bauen, sei ja „ganz nett“, aber „nicht relevant“.

          Rainer Schulze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wirklich? Stadtplaner und Architekten sehen das ganz anders. Die Zeil steckt in einer Krise, die Pandemie und der Online-Handel setzen dem stationären Einzelhandel zu, nicht nur an der wichtigsten Fußgängerzone der Stadt. Außer der Karstadt-Filiale, die noch eine vierjährige Gnadenfrist erhält, stehen auch Appelrath Cüpper, Esprit und die Sport-Arena zur Disposition. Mittelfristig könnten weitere Einzelhandelsflächen folgen, denn kaum jemand glaubt, dass große Kaufhäuser noch eine Zukunft haben. Stadtplaner halten eine vielfältigere Mischung an der Zeil für dringend geboten, um die Innenstadt auch künftig zu beleben.

          Theater als Impulsgeber

          Axel Bienhaus, Geschäftsführer des Architektur- und Stadtplanungsbüros AS+P Albert Speer + Partner, appelliert an die Politik, die kulturelle Entwicklung und die Stadtplanung stärker vernetzt zu denken. „Wir müssen uns grundsätzlich fragen, wo wir mit unserer Innenstadt hinwollen“, sagt der Architekt. „Ein neues Theater ist ein Impulsgeber. Man kann damit eine Entwicklung anstoßen und sollte sich genau überlegen, wo man diese Wirkung erzielen will.“

          Bienhaus wünscht sich einen Plan, „wie man mit dem Handel in den Städten umgeht“. Er bezweifelt, dass die Zeil mittelfristig noch als Haupteinkaufsmeile funktionieren wird. In diesem Kontext sei auch die Frage interessant, ob sich das Karstadt-Grundstück für eine kulturelle Nutzung anbietet. Ein neues Theater auf dem Karstadt-Areal hält Bienhaus für einen plausiblen Vorschlag auf dem Weg zu einem gemischt genutzten Stadtquartier. Aufgrund der Größe und der Lage sei die Fläche für ein Theater durchaus geeignet: „Innovative Theatermacher können mit solchen Orten umgehen.“ Das innerstädtische Areal eigne sich eher für ein Schauspielhaus als für eine Oper, denn das Theaterpublikum sei „stadtaktiver“ und weniger konservativ. Für die Andienung seien Strukturen vorhanden, denn auch ein Kaufhaus verursacht Lieferverkehr. Im Erdgeschoss wäre ein Kulturbau idealerweise aber mit anderen Nutzungen zu kombinieren, um auch tagsüber für eine Belebung zu sorgen. Auf dem Sparkassen-Areal an der Neuen Mainzer Straße, das bislang vom Kulturdezernat für einen Neubau der Oper favorisiert wird, sieht Bienhaus „deutlich mehr Fragezeichen“. Das publizierte Gebäude wirke „ziemlich eng eingeparkt“, ein baulicher Eingriff in die Wallanlagen sei schwierig. „Das ist eine schöne, räumliche Erinnerung an die alte Stadtform und sollte den Bürgern erhalten bleiben.“

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          Auch Stefan Forster hält eine Weiterentwicklung der Zeil für dringend geboten. Der Architekt würde die „unerträgliche Straße“ zu einem großzügigen Boulevard weiterentwickeln. Das Vorbild dazu stammt aus Barcelona. „Man flaniert wie auf der Rambla hin und her und sitzt auf der Straße.“ Auch die Freßgass nennt Forster als Beispiel. Wie dort sei es auch an der Zeil wichtig, dass Restaurants und Cafés in die Erdgeschosse der Häuser am Rand der Fußgängerzone einziehen. Die Gastronomiepavillons in deren Mitte würde Forster abreißen, denn „diese Kisten“ stünden im Weg.

          Zeit zum Nachdenken

          Ein Theater auf dem Karstadt-Areal hielte Forster für „eine Riesenchance“, um mit dieser Entwicklung zu beginnen. „Ein Theater ist ein erster Schritt, um in diese Richtung zu gehen. Es wird automatisch Gastronomie und anderes Publikum anziehen und die Straße auch abends beleben. Wenn man sich für einen Neubau entscheidet, dann wäre dies der mit Abstand am besten geeignete Ort.“

          Der Architekt Ernst-Ulrich Scheffler hängt an der Doppelanlage der Städtischen Bühnen am Willy-Brandt-Platz und hofft, dass sich das Gebäude doch noch sanieren lässt. Daher würde er anders auf den „gravierenden Strukturwandel im Einzelhandel“ reagieren, den auch er diagnostiziert. Er würde auf dem Karstadt-Areal nach dem Auszug des Warenhauses Wohnungsbau realisieren. „Ein ganz normales Stadthaus mit Einzelhandel und Gastronomie im Erdgeschoss, dann eine Schicht Zahnärzte und Anwälte und dann Wohnungen bis unter das Dach.“

          Wie auch immer es mit dem Karstadt-Areal weitergeht: Der hohe Grundstückswert macht eine Nutzung für kulturelle Zwecke nicht leicht. Der Eigentümer, das Unternehmen Sahle, hat bislang ohnehin andere Pläne. Es will anstelle des Warenhauses ein Gebäude mit Geschäften in den ersten beiden Etagen und Büros und Hotelzimmern darüber errichten. Mit dem Gedanken, das Grundstück für den Bau eines Theaters zu erwerben, sei die Stadt bisher nicht an sie herangetreten, sagt Geschäftsführerin Sybille Jeschonek. „Wir denken über alles nach, was uns angeboten wird. Wir reden über Fakten, nicht über Spekulationen.“ Nun, da Karstadt noch für vier Jahre als Mieter erhalten bleibt, gewinnen die Stadt und der Eigentümer Zeit, um in aller Ruhe eine sinnvolle Folgenutzung des Grundstücks vorzubereiten.

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