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Frankfurter Judengasse 1711 : Inferno am Rande der Stadt

Es war ein großes Glück für Frankfurt, dass der Brand von 1711 nicht auf die gesamte Stadt überprüft Bild: Historisches Museum

Vor 300 Jahren brannte die Frankfurter Judengasse vollständig nieder. Die Gemeinde musste hart um die Erlaubnis zum Wiederaufbau kämpfen.

          3 Min.

          „Mittwoch, den 14. Januar 1711, gegen 8 Uhr abends, brach in der Eckkammer des Oberrabbiners Naphtali Cohen ein Brand aus.“ Mit diesen Worten beginnt der Frankfurter Historiker Isidor Kracauer seinen Bericht über den Brand der Judengasse vor 300 Jahren, der als „Der große Judenbrand“ in die Frankfurter Geschichte eingegangen ist. Die Enge der Gassen, die zahlreichen Überhänge an den Häusern, der heftige Wind, der Mangel an Wasser und nicht zuletzt die Kopflosigkeit der Bewohner führten zu dieser Katastrophe, welche die Frankfurter Judenschaft ihrer Wohnstätte und ihres Besitzes beraubte und sie für einige Zeit vollständig verarmen ließ.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Rabbi Naphtali Cohen, ein berühmter Gelehrter aus Lublin in Polen, mag als Beispiel dafür gelten, wie verstört die Juden auf das Feuer reagierten. Man sah den Mann Gottes, wie er, Gebete murmelnd, lange Zeit unbeweglich dastand, das Gesicht der Synagoge zugewandt. Aus der christlichen Bevölkerung jenseits der Mauer der Judengasse kamen Helfer zum Löschen gelaufen. Doch die Juden hielten aus Furcht vor Plünderungen und Totschlag die Tore verschlossen und bedrohten jene, die sie öffnen wollten. Die Erinnerung an den Fettmilch-Aufstand ein Jahrhundert zuvor, als des Lebkuchenbäckers Spießgesellen die Juden durch der Stadt gehetzt hatten, war offenbar immer noch lebendig.

          Mieter bei Christen in der Stadt

          Als schließlich Zimmerleute mit Äxten ein Tor aufschlugen, war es bereits zu spät. Die Flammen hatten rasend schnell um sich gegriffen. Den Helfern blieb nur noch übrig, so viel wie möglich an Hab und Gut aus dem Inferno zu retten, und am Abend des 15. Januar war die Judengasse dann nur noch ein qualmender Trümmerhaufen. Bis auf ein Hinterhaus unweit des Wollgrabens waren alle Gebäude niedergebrannt. Ein großer Teil der Gemeinde hatte sich wie weiland beim Fettmilch-Aufstand auf den Friedhof an der heutigen Battonstraße geflüchtet. Erstaunlicherweise waren nur vier Personen im Feuer umgekommen.

          Auf die Zeitgenossen machte der Brand der Judengasse großen Eindruck. Als „ein klein in Brand stehendes Troja oder Rom“ bezeichnete ein Chronist den Brand, ein anderer klagte, dass eine solche Zerstörung seit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem nicht gewesen sei. Rabbi Naphtali interpretierte das Inferno gar als eine den Juden auferlegte Strafe, die auszutragen sei. Er wurde von der Obrigkeit in Haft genommen und erst vier Monate später gegen eine Kaution von 1550 Gulden und zwei Uhren wieder entlassen. Von der nun obdachlosen jüdischen Bevölkerung wurden jene, die keine Stättigkeit besaßen - eine Art Bürgerrecht für Juden - ausgewiesen. Die Wohlhabenderen kamen dagegen als Mieter bei Christen in der Stadt unter, die Armen zogen in die Dörfer und Flecken in der Umgebung.

          In den folgenden Jahren gerieten die Juden in den seit dem Fettmilch-Aufstand andauernden Frankfurter Verfassungskampf zwischen dem Rat und den Vertretern der Bürgerschaft. Den Rat erreichten zahlreiche Eingaben etwa von bürgerlichen Offizieren, in denen ein Wiederaufbau der Judengasse abgelehnt und Klage über die drückende Konkurrenz der Juden geführt wurde. Der Rat indes nahm solche Forderungen sehr ungnädig auf. Die Bürger hätten nicht das Recht, sich in die Verwaltung des Gemeinwesens einzumischen, beschied die Stadtregierung.

          Wiederaufbau der Judengasse

          Für die Juden kam die Rettung dann aber vom Kaiser, ihrem traditionellen Schutzherrn. Bei Trommelschlag wurde am 18. März 1711 ein Erlass Josephs I. veröffentlicht, in welchem der Kaiser Sicherheit für die Juden verlangte und einen Wiederaufbau der Judengasse. Zunächst gestattete der Rat daraufhin die Wiedererrichtung der Synagoge. Nach Ostern erreichte die Gemeinde dann der Bescheid, sie dürfte die gesamte Gasse wieder aufbauen. Allerdings mussten sie die Straße durch das Getto aus Gründen des Feuerschutzes breiter gestalten, Brandmauern hochziehen und weitere Sicherheitsbestimmungen befolgen.

          Anfangs ging der Bau der neuen Judengasse nur schleppend voran. Denn die Frankfurter Judengemeinde war derart verarmt, dass sie das erste und einzige Mal in ihrer Geschichte die Gemeinden nah und fern um Unterstützung angehen musste. Schließlich lebten in der Judengasse mit ihren 200 Häusern und vielen Hinterhäusern wieder um die 3000 Menschen. Noch fast ein Jahrhundert lang galt für die Frankfurter Juden der Gettozwang. Dann beschossen 1796 französische Revolutionstruppen Frankfurt und lösten einen - nun erlösenden - Brand in der Judengasse aus. Von nun an durften Juden überall in der Stadt wohnen.

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