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Frankfurter Hauptwache : „Für den Moment ein guter Kompromiss“

Winterlager: Zu den Obdachlosen, die jedes Jahr während der kalten Jahreszeit in der B-Ebene übernachten können, kommen in diesem Jahr die Roma hinzu. Bild: Helmut Fricke

Die vor der Weißfrauenkirche campenden Roma sollen in die B-Ebene der Hauptwache umziehen. Ein erprobtes Verfahren oder eine bloße Verlagerung des Problems?

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          Michael Frase ist zufrieden. Der Leiter der Diakonie hatte wochenlang Gespräche mit der Stadt geführt, um endlich eine Lösung zu finden für die Roma, die seit Monaten vor der Weißfrauenkirche lagerten. Anfangs wurden die Familien toleriert, Frase hätte sie auch jetzt noch länger dort verweilen lassen. Aber die Beschwerden der Anwohner nahmen immer weiter zu. Deshalb sei er froh, sagt Frase, dass man nun eine andere Unterkunft für die Familien gefunden habe.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Martin Ochmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wie berichtet, soll die B-Ebene der Hauptwache von Montag an jeweils nachts als Schlafstätte dienen. Ein Angebot, das die Stadt selbst unterbreitet hatte. Ordnungsdezernent Markus Frank und Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (beide CDU) wollten eine schnelle Lösung finden. Die mittlere Ebene der Hauptwache habe sich angeboten, wie sie sagen, weil dort schon in den vergangenen Jahren im Winter Obdachlose untergebracht worden seien.

          Leiter der Diakonie schließt Konflikte aus

          Nach den Worten Frases ist damit zwar nur eine „temporäre Lösung“ gefunden worden, da im Frühjahr die Suche abermals beginnen werde. „Aber für den Moment ist das ein guter Kompromiss.“ Am nächsten Montag soll die Gruppe, die vor seiner Kirche nächtigte, in die B-Ebene „einziehen“. Er habe keine Ahnung, ob der Clan das Angebot auch annehme, „aber da es draußen immer kälter wird, rechne ich stark damit“.

          Einen Vorteil der B-Ebene sieht Frase vor allem darin, dass die Roma „in Ruhe Quartier beziehen können“, weil sie die ersten Obdachlosen dort sein werden. Normalerweise wird die B-Ebene als Schlafplatz nämlich erst im November geöffnet. Allerdings würden andere Wohnsitzlose wahrscheinlich bald nachziehen, erst vor kurzem seien an der Zeil rund 50 Personen gezählt worden, die regelmäßig draußen nächtigten. Und auch die Roma, die sich bisher am Wiesenhüttenplatz aufgehalten haben, könnten dann in die B-Ebene kommen. „Es könnte dann eng werden“, meint Frase. Dass es zwischen den einzelnen Gruppen zu Konflikten kommt, glaubt er aber nicht.

          Auch die Sprecherin des Sozialdezernats lobt die jetzt gefundene Lösung. „Das Verfahren ist bereits erprobt, und es funktioniert gut“, sagt sie. Bereits in den vergangenen Jahren sei die B-Ebene für die Obdachlosen in der Stadt geöffnet worden. Dies sei in der Vergangenheit am 1. November geschehen. Man habe sich aber entschlossen, den Termin auf den 17. Oktober vorzuziehen, um eine schnelle Lösung des Problems und eine Entlastung der Anwohner an der Weißfrauenkirche gewährleisten zu können. Darüber hinaus habe man sicherstellen wollen, dass auch die Betroffenen, die in der Vergangenheit sogar mit Eiern beworfen worden seien, keiner „Gefährdung“ ausgesetzt seien.

          Ehemaliger Ordnungsdezernent kritisiert die Pläne

          Der Frankfurter Verein für soziale Heimstätten soll künftig die Menschen in der B-Ebene mit Sozialarbeitern betreuen, die Mitarbeiter sollen nachts dort sein. Außerdem soll ein Sicherheitsdienst präsent sein. „Beide Posten sind durch den Koalitionsvertrag gesichert“, fügte die Sprecherin hinzu. Zudem sollen in der Nacht die Toiletten geöffnet sein und auch regelmäßig gereinigt werden.

          Der frühere Ordnungsdezernent Volker Stein (FDP) kritisierte die Pläne gestern. Mit der Umsiedlung der „aggressiven“ Sinti und Roma sei der Konflikt zwischen den dort jetzt schon nächtigenden und den dann neu hinzukommenden Osteuropäern programmiert. Die Weißfrauengemeinde sei mitverantwortlich für die jetzige Situation, sie habe „durch ihre Haltung den unhaltbaren Zuständen vor Ort Vorschub geleistet“ und mache sich jetzt einen „schlanken Fuß“. Aus sozialpolitischen sowie ordnungspolitischen Gründen sei das Wegducken vor der Verantwortung und die Verlagerung des Problems an den zentralen Verkehrsknotenpunkt Hauptwache ein Schildbürgerstreich, den die Bürger noch teuer zu bezahlen hätten, so Stein.

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