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Junge auf Gleis gestoßen : Erschütterung über Verbrechen am Hauptbahnhof

Trauer: Bereits kurz nach dem Verbrechen werden Blumen für den getöteten Jungen am Frankfurter Hauptbahnhof niedergelegt. Bild: dpa

Am Frankfurter Hauptbahnhof wurden ein Junge und seine Mutter von einem Mann aus Eritrea auf die Gleise gestoßen. Der Junge starb, die Mutter überlebte knapp. Die Stadt steht unter Schock.

          Es war gegen 9.50 Uhr, als der ICE 529 in den Frankfurter Hauptbahnhof fuhr. Am Bahnsteig standen Dutzende Fahrgäste, unter ihnen auch ein acht Jahre alter Junge und seine Mutter. Sie standen, wie Augenzeugen berichteten, nicht direkt an der Bahnsteigkante, sondern mit einer „gewissen Distanz“. Dennoch konnten sie sich gegen den Angriff, der sich so heftig und unvermittelt gegen sie richtete, nicht wehren. Ein 40 Jahre alter Eritreer packte sie und schubste sie in Richtung der Gleise, bis sie schließlich ins Gleisbett fielen, während der Zug immer näher kam. Die Mutter konnte sich in letzter Sekunde retten. Sie habe noch versucht, nach ihrem Sohn zu greifen, berichtet ein Mann, der das Geschehen beobachtet hat. Doch sie kam nicht an ihn heran. Dann erfasste der Zug den Jungen. Er starb noch am Unglücksort.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Tat erschütterte am Montag nicht nur jene, die das Geschehen miterlebt hatten, sondern am Vormittag schien der gesamte Hauptbahnhof unter Schock zu stehen. Polizisten standen stumm und mit gesenkten Kopf an der Absperrung, Servicehelfer der Bahn gaben freundlich, aber fast mechanisch Auskunft über die Verbindungen. Vor dem Hauptbahnhof standen Rettungswagen, die sich um jene Fahrgäste kümmerten, die die schrecklichen Szenen erleben mussten und weinend zusammengebrochen waren. Entlang der Absperrungen wurden erste Blumen niedergelegt. Die Deutsche Bahn twitterte, sie sei „tief schockiert vom furchtbaren Geschehen“. Die Gedanken seien bei den Angehörigen, es sei eine Betreuungshotline geschaltet worden. Bis zum Nachmittag äußerten sich nahezu alle Parteien zu der Tat. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) teilte mit, die Tat mache ihn fassungslos. Er spreche der Familie „mein tief empfundenes Mitgefühl“ aus. Der Frankfurter Sicherheitsdezernent Markus Frank (CDU) sagte, der Fall gehe „an die Substanz. Er ist für uns alle eine Tragödie.“

          Bedrückte Stimmung: Die Einsatzkräfte nach dem Verbrechen am Frankfurter Hauptbahnhof

          Am Nachmittag erreichte die Tat auch die Bundespolitik. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) kündigte an, seinen Urlaub zu unterbrechen und sich heute näher informieren zu wollen. Er sei „tief bestürzt“ und „verurteile diese entsetzliche Tat auf das Schärfste“, äußerte er. Es sei nun die Aufgabe der Ermittlungsbehörden, die Tat rasch und umfassend aufzuklären. Soweit notwendig, stelle er dem Land Hessen „jede Unterstützung“ zur Verfügung, beispielsweise der Bundespolizei und des Bundeskriminalamts. Für heute habe er Sicherheitsgespräche angekündigt. Der Täter werde „mit allen rechtsstaatlichen Mitteln zu Verantwortung gezogen werden“. Seehofer sagte weiter, er nehme zur Kenntnis, dass in Teilen der Öffentlichkeit „bereits jetzt eine Bewertung des Sachverhalts vorgenommen wird. Dies ist seriös aber erst möglich, wenn die Hintergründe aufgeklärt sind.“

          Hinweise per Telefon und Email einreichbar

          Offenbar wird aber gerade das noch einige Zeit dauern. Denn zum Motiv hat sich der Verdächtige dem Vernehmen nach am Montag nicht geäußert. Denkbar sei weiterhin alles, wie es aus Sicherheitskreisen hieß – von einem Einzeltäter, der kurz vor der Abschiebung stand oder sich im Drogenrausch befunden hatte, bis hin zu einem islamistisch motivierten Anschlag.

          Die Mutter und ihr Sohn hatten dem Vernehmen nach die deutsche Staatsangehörigkeit. Fest steht bisher, dass der Täter gezielt gehandelt hat, die Polizei bezeichnete die Tat deshalb schon früh als Tötungsdelikt. Ein Mensch wollte anderen das Leben nehmen. In einem Fall ist ihm das gelungen. Dass es ein Kind getroffen hat, zumal vor den Augen seiner Mutter, war offenbar das, was viele Augenzeugen am meisten mitgenommen hat. Mehr als ein Dutzend Personen wurden von Rettungsdiensten versorgt, sie erlitten einen Schock und wurden ins Krankenhaus gebracht.

          Über den Gesundheitszustand der Mutter machte die Polizei keine weiteren Angaben. Sie sei ebenfalls in einem Krankenhaus untergebracht und werde betreut. Einige Fahrgäste berichteten, wie sie die Szene erlebt haben. Jene, die selbst nichts gesehen haben, erinnerten sich an Schreie und an erstarrte Gesichter. Der Täter hatte, wie die Polizei mitteilte, nicht nur die Mutter und ihren Sohn angegriffen, sondern noch einen weiteren Fahrgast, der sich ihm aber entziehen konnte. Dass der Täter wenig später festgenommen werden konnte, war offenbar nur einigen Zeugen zu verdanken, die den Mann bis zur Festnahme verfolgten.

          Die Polizei richtete ein Hinweistelefon ein, unter der Telefonnummer 069/75551199 können sich Zeugen melden. Auch unter der E-Mail-Adresse hinweise-hauptbahnhof@polizei-hinweise.de werden Informationen zum Hergang entgegengenommen.

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