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„Deutschsommer“ : Fühlt sich gar nicht wie Schule an

  • -Aktualisiert am

Kinder spielen auf einem Frankfurter Schulhof. Bild: Frank Rumpenhorst

Mit Theater und gemeinsamer Buchlektüre will der „Deutschsommer“ Schülern bessere Sprachkenntnisse vermitteln. Zum Beispiel an einer Grundschule in Frankfurt.

          3 Min.

          Elif und Eduard stehen sich auf dem Schulspielplatz in Bornheim mit erhobenen Fäusten gegenüber. „Boxen“, ruft ein Junge aus dem Publikum. „Nein, wir suchen doch ein Adjektiv“, antwortet die Betreuerin und Spielleiterin der Pantomime. „Mutig?“, fragt ein Mädchen schüchtern. Richtige Antwort, Applaus.

          Die 15 Kinder, die in der Kirchnerschule in Bornheim Wörter raten, sind Teilnehmer des drei Wochen langen „Deutschsommers“, eines Sprachförderprojekts in den Sommerferien. Mit einem Programm aus Unterricht, Theater und Freizeitaktivitäten sollen vor allem Drittklässler ihr Deutsch verbessern und dadurch die Chancen für ihren Bildungsweg erhöhen. Die jüngste PISA-Studie 2018 hatte abermals gezeigt, dass es anderen Ländern besser gelingt als Deutschland, Kindern von Migranten und aus einkommensschwachen Familien Sprachkompetenz zu vermitteln.

          In Hessen nehmen in diesem Jahr 570 Grundschüler in 14 Städten am „Deutschsommer“ teil, der seit 2007 von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft veranstaltet und vom Hessischen Kultusministerium unterstützt wird. In Frankfurt sind 146 Kinder dabei, verteilt auf neun Schulen im gesamten Stadtgebiet. Ihre Familien kommen aus 40 verschiedenen Ländern, mehr als die Hälfte der Kinder wurden aber in Deutschland geboren. „Eigentlich hatte ich gar keine Lust darauf“, erzählt die zehn Jahre alte Mai Nhi an der Kirchnerschule. „Aber am ersten Tag habe ich gemerkt, dass es cool ist. Es macht mehr Spaß als Schule.“ Der „Deutschsommer“ soll sich für die Kinder nicht wie Unterricht anfühlen. Zwar steht jeden Tag um 8.15 Uhr eine Doppelstunde Deutsch auf dem Plan. Die wird aber durch Spiele wie die Pantomime aufgelockert. „Wir versuchen, das Programm nicht schulisch zu gestalten“, sagt die Theaterpädagogin Ann-Kathrin Auditor. „Die Kinder sollen auch Lust haben, dabei zu sein.“ Zusammen mit einer Deutschlehrerin und einem Sozialpädagogen betreut sie die Schüler von Montag bis Freitag. Ihre Hauptarbeit beginnt nach dem Deutschunterricht, wenn eine Doppelstunde Theater auf dem Plan steht. Dabei sollen die Kinder Sprache aktiv erleben und so besser lernen.

          Jedes Kind darf teilnehmen

          Um Deutschunterricht und Theater zu verbinden, lesen die Kinder gemeinsam ein Buch. In der Bornheimer Gruppe ist es „Ronja Räubertocher“ von Astrid Lindgren. „Das ist zwar sprachlich anspruchsvoll, aber enthält auch viele tolle Wörter zum Lernen“, sagt Oliver Beddies von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Die Kinder spielen Szenen aus dem Buch nach und behandeln Themen wie Freundschaft. Laut Beddies erinnern sich die meisten Teilnehmer rückblickend am liebsten an diesen Teil des Programms.

          Auch der neun Jahre alte Ahmed findet: „Das Theaterspiel macht am meisten Spaß. Aber auch die Freizeit!“ Die beginnt nach dem gemeinsamen Mittagessen. Dann wird gespielt, es gibt aber auch Workshops, Ausflüge auf den Wochenmarkt und in Museen. Hauptsache, die Schüler sprechen – und erleben gemeinsam etwas. „Ich habe schon viele Freunde hier gefunden“, sagt Ahmed.

          Prinzipiell kann am „Deutschsommer“ jedes Kind teilnehmen. Grundschullehrer können Kinder, bei denen sie Förderbedarf sehen, gezielt vorschlagen. Allerdings seien vor allem Kinder aus Familien, in denen zu Hause kein Deutsch gesprochen wird, auf das Programm angewiesen, sagt Christopher Textor, Leiter des Referats für die Bildungssprache Deutsch im Kultusministerium. Gerade beim Erlernen der Sprache sei persönlicher Kontakt wichtig. Das sei über PC und Webcam wie im Lockdown nicht möglich. Roland Kaehlbrandt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, teilt diese Ansicht. Es bestehe die Gefahr, dass Kinder wegen mangelnder Sprachpraxis in der Schule weiter zurückfielen. Der „Deutschsommer“ solle die Defizite ausgleichen, indem der Wortschatz erweitert und der Satzbau verbessert werde. Laut einer Studie der Stiftung erfülle das Programm die Erwartungen. Demnach fielen Sprachtests bei einem Großteil der Schüler nach der Teilnahme besser aus. Auch hätten sich bei drei Vierteln der Teilnehmer vergangener Jahre die Schulnoten verbessert.

          Diese Beobachtungen bestätigt Sara Galab. Die Achtzehnjährige betreut die Kinder an der Kirchnerschule als Praktikantin und hat 2012 selbst an dem Programm teilgenommen. „Das waren die besten Ferien, die ich jemals hatte“, sagt sie. „Man hat nicht gemerkt, dass man gelernt hat.“ Danach habe sie immer wieder einen Vorteil im Unterricht gehabt. „Ich habe hier Dinge gelernt, die ich erst später in der Schule hatte.“ Mit einigen Leuten aus ihrer damaligen Gruppe habe sie noch heute Kontakt. Im nächsten Jahr stehen ihre Abiturprüfungen an.

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