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Frankfurter Gesichter : Annette Haschtmann schließt ihr Antiquariat im Nordend

Annette Haschtmann schließt nach 33 Jahren ihr Antiquariat im Nord­end. Bild: Zeichnung Oliver Sebel

Jahrzehntelang betrieb Annette Haschtmann ein Antiquariat in Frankfurt. Zum Monatsende wird sie es schließen, doch der Internethandel läuft weiter.

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          Über dem Buch „Die Heilige Familie“ von Marx/Engels hängt im Schaufenster ein Zettel: „Nachfolger dringend gesucht.“ Annette Haschtmann, Eigentümerin des Antiquariats am Bornwiesenweg, schließt nach 33 Jahren eine Institution im Nordend. Auch sehr zur Enttäuschung der Passanten, die stehen bleiben und in den Büchertischen auf dem Bürgersteig stöbern. Doch die Zweiundsiebzigjährige fühlt sich „alt genug, um aufzuhören“, wie sie sagt. „Mehr Sport machen, die Universität des dritten Lebensalters besuchen, Freunde treffen, Zeit für Kunst und Literatur haben“, darauf freut sie sich.

          Dieter Schwöbel
          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dass sie jemals ein Antiquariat führen würde, hat sie selbst nicht geglaubt, obwohl ihrem Vater ein Versandantiquariat gehörte. Doch die junge Frankfurterin hatte andere Pläne. Sie gehörte zur Achtundsechziger-Bewegung, demonstrierte gegen Notstandsgesetze, alte Nazis und die Ausbeutung der „Dritten Welt“. Sie studierte Soziologie, arbeitete in der Karl-Marx-Buchhandlung und gründete den ersten Frauenbuchladen mit.

          Gebrauchter Lesestoff zum kleinen Preis

          1979 war sie dabei, Deutschland zu verlassen. Mit ihrem Freund reiste sie nach Bolivien, wo eine demokratische Regierung gewählt worden war und „eine revolutionäre Situation“ herrschte, wie sie sagt. Das Paar trampte durch das Land und war vom Kampf der Landarbeiter gegen ihre Unterdrücker begeistert. „Wir konnten uns gut vorstellen, dort zu bleiben.“ Doch das Militär putschte, und die Träume platzten. Nach acht Monaten kehrten sie desillusioniert heim.

          Abschied: Annette Haschtmann in ihrem Antiquariat im Frankfurter Nordend
          Abschied: Annette Haschtmann in ihrem Antiquariat im Frankfurter Nordend : Bild: Wonge Bergmann

          Wieder in Frankfurt, arbeitete Haschtmann in einer Krabbelstube und in einem Kollektiv, das den linken „Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten“ herstellte, dort lernte sie drucken. Doch das war keine Perspektive. So kam es, dass sie mit dem Geschäftspartner Hans ter Wolbeek 1987 das ehemalige Versandantiquariat Rolf Kerst übernahm, das 1949 von ihrem Vater Werner mitgegründet und 1969 von ihm übernommen und nach ihm benannt worden war. Zwei Jahre später öffneten Haschtmann und ter Wolbeek, der 2005 wieder ausstieg, als zweites Standbein das Antiquariat am Bornwiesenweg mit den Schwerpunkten Philosophie, Politik, Geschichte, kritische Theorie und Frauenliteratur.

          Damals gab es nach Schätzung der verheirateten Mutter einer Tochter ein Dutzend Antiquariate in Frankfurt, heute sind es wohl weniger als die Hälfte. Mit gebrauchtem Lesestoff zum kleinen Preis konnten die Geschäfte auf Dauer nicht bestehen, auch Neubestellungen, wie Haschtmann sie anbot, füllten die Kasse kaum.

          Das Internet war die Rettung: „Mitte der Neunzigerjahre waren wir mit die Ersten, die es einführten und Bücher darüber verkauften. Das war ein Segen, sonst hätten wir nicht so lange durchgehalten“, sagt die Frau, die ein schön gemachtes Buch einem E-Lesegerät vorzieht. Erstaunlicherweise scheint das nach ihrer Erfahrung auch jungen Leuten so zu gehen. „Sie kommen in den Laden, weil es dort so etwas Altmodisches wie Bücher gibt“, sagt sie leicht ironisch. Andere Kunden nennt sie „echte Antiquariatsgänger“: Diese streifen regelmäßig durch die Läden auf der Suche nach seltenen Büchern, doch dieser Typ wird weniger.

          In wenigen Tagen ist das Antiquariat Vergangenheit. Haschtmann hat zum Monatsende gekündigt. Ein letzter Übernahmeinteressent, der Lesestoff und Wein verkaufen wollte, hat abgesagt. Der Ausverkauf läuft – alles zum halben Preis. Doch das weniger zeitraubende Versandantiquariat will Haschtmann unter dem Namen ihres Vaters andernorts weiterbetreiben und juristische, sozial- und geisteswissenschaftliche Literatur anbieten. Wer so viele Jahre mit Büchern gearbeitet hat, kann sich halt nicht ganz von ihnen trennen.

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