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Aus für Frankfurter Firma : Fünf Jahre lang ohne Arbeit das volle Gehalt

Aus: Für die Fabrik von Günther & Co. in Frankfurt-Rödelheim und ihre Mitarbeiter ist Ende März 2021 Schluss Bild: Helmut Fricke

Am 31. März endet nach gut 130 Jahren die Geschichte der Frankfurter Werkzeugfabrik Günther & Co. 210 Beschäftigte verlieren ihre Arbeit. Der Sozialplan kann sich sehen lassen. Es hakt aber noch an Details. Und dann ist da noch das Betriebsgelände.

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          Im Grunde ist seit Anfang Juli alles geklärt. Zum 31. März des nächsten Jahres endet der Betrieb von Günther & Co. in Frankfurt-Rödelheim. Gut 130 Jahre nach der Gründung durch Ludwig Günther macht die Konzernmutter Walter AG, die wiederum zur schwedischen Sandik-Gruppe gehört, die Fabrik dicht. Ein Sozialplan steht. Allerdings wissen die Beschäftigten immer noch nicht um Einzelheiten, etwa zu den Abfindungen, wie es bei der IG Metall heißt.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ludwig Günther hat ehedem Spiralbohrer gefertigt, am ersten Standort im Nordend. Mittlerweile stellt das Unternehmen große Werkzeuge für Auto- und Flugzeugbauer her. Also für zwei besonders gebeutelte Branchen. Die Flugzeughersteller leiden an den Folgen der Corona-Krise, in der erheblich weniger geflogen wird als zuvor. Bei den Autobauern kommt noch der Wandel hin zur Elektromobilität hinzu. Nicht von Ungefähr will etwa der Zulieferer Continental auch in Rhein-Main einige Tausend Stellen abbauen.

          Vorgaben zu Abfindungen und Qualifizierung

          Walter-Personalchefin Anette Skau-Fischer hatte Ende Mai hervorgehoben: „Ende März nächsten Jahres ist hier Schluss.“ Gesprächsangebote der IG Metall und der Stadt Frankfurt über eine Fortführung der Fabrik am Standort Frankfurt schlug Sandvik laut IG Metall aus. Nach Monaten des Widerstands durch die Arbeitnehmer und die an ihrer Seite stehende IG Metall einigten sich Walter und die Gewerkschaft im Juli auf Vorgaben zu Abfindungen und Qualifizierung.

          So hat Walter laut Gewerkschaft zugesagt, das Einkommen der Mitarbeiter, die 2021 das 57. Lebensjahr vollendet haben werden, bis zum 63. Lebensjahr abzusichern. Und zwar zu 100 Prozent. Dies reflektiere die schlechten Chancen älterer Leute auf dem Arbeitsmarkt, hieß es schon im Juli. 6,5 Millionen Euro sind für 47 ältere Beschäftigte eingeplant, wie es heißt. Obwohl schon beinahe ein Vierteljahr seitdem vergangen ist, sind noch nicht alle Details geklärt.

          Die IG Metall möchte nach den Worten ihres Frankfurter Geschäftsführers Michael Erhardt die Abfindungen steueroptimiert geregelt wissen. Demnach sollen die Abfindungen an die Rentenversicherung fließen. In der Folge würden sie erst mit Beginn des Rentenflusses besteuert und nicht schon vorher. Als Vorbild diene ein von der Industriegewerkschaft Bergbau-Chemie-Energie eingeführtes Modell. Dies sehe vor, dass für die jeweiligen Personen nach dem Auslaufen des Arbeitslosengeldes bei der Rentenversicherung ein Beschäftigungsverhältnis fingiert werde und dann das Geld aus den Abfindungen fließe.

          Streit um Betriebsgelände

          Dadurch würde die Lücke zu Hartz IV geschlossen. Auch solle das Verfahren 45 Beitragsjahre zur Rentenversicherung ermöglichen. Denn: Wer entsprechend lang Beiträge zur Rentenversicherung eingezahlt hat, der kann seit dem 1. Juli 2014 von Vollendung des 63. Lebensjahres ohne Abzüge die Altersrente für besonders langjährig Versicherte beziehen. Der Firma sei dieses Verfahren aber zu kompliziert, sagt Erhardt. Die Walter AG will sich zu Details des Sozialplans nicht äußern.

          Die Arbeitnehmervertreter treibt aber noch etwas anderes um: Dem Vernehmen nach will die Walter AG das Gelände in Rödelheim an den Betreiber eines Rechenzentrums verkaufen und dadurch vergolden. Denn solche Unternehmen suchen gerade in Frankfurt, dem Sitz des größten Internetknotens der Welt, händeringend Liegenschaften und zahlen sehr hohe Preise, wie es heißt. Nachbar von Günther & Co. ist ein Rechenzentrum. Die IG Metall hofft nun, dass die Stadt Frankfurt einem solchen Verkauf einen Riegel vorschiebt, um die Betriebsschließung nicht indirekt zu belohnen. Hier sei Planungsdezernent Mike Josef gefragt und solle Farbe bekennen, sagt Erhardt.

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