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Frankfurter Festhalle wird 100 : Erhebende Momente unter der Kuppel

  • -Aktualisiert am

Auch nach 100 Jahren zieht sie die Besucher an: die Festhalle in Frankfurt. Bild: Wolfgang Eilmes

Die „Gudd Stubb“ wird hundert: Stadt und Messe feiern das Jubiläum der Festhalle mit einem Tag der offenen Tür. Unzählige Veranstaltungen hat sie schon beherbergt, doch vor ihren Türen fand auch Schreckliches statt: von dort aus starteten die Deportationen während des Nationalsozialismus.

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          Einmal schweben. Zu ihrem hundertjährigen Bestehen erfüllt die Festhalle vielen Besuchern des Jubiläumsfestes diesen Traum. 27 Meter weit und 18 Meter über dem Hallenboden konnte sich, wer schwindelfrei war, an einer Seilwinde von einer Hallenseite zur anderen gleiten lassen. Noch höher hinaus ging es auf dem „Scherensteiger“: Mit der Hebebühne lässt sich die Decke erreichen. Wie ein Fahrstuhl ohne Wände und ohne Dach steigt die Plattform nach oben. Vom Rund der Arena unten sind es bis zum höchsten Punkt mehr als 38 Meter. Da wirken die plakatgroßen Fotografien mit Motiven der vergangenen hundert Jahre, die am Boden ausgestellt sind, plötzlich nur noch wie Briefmarken.

          Einige Mitfahrer halten sich am Geländer des Arbeitspodestes fest, als sie den Blick nach unten wagen sollen, und vergessen fast, die Handykamera rechtzeitig nach unten zu richten. Die blauen Strahlen der Spots über der Bühne tauchen das Rund mit den beiden Rängen in ein futuristisches, von Trockeneisnebel durchwabertes Licht. Kaum ist die Hebebühne unten angekommen, wollen schon die nächsten hinauf: An den Ständen der „Rigger“, der Leute, die unter der Hallendecke Scheinwerfer und Lautsprecher anbringen, bilden sich während des Tags der offenen Tür die längsten Schlangen.

          Die Rotunde im Zentrum des Bauwerks zieht den Besucher an

          Das mit der offenen Tür hat die Messegesellschaft an diesem Sonntag wörtlich genommen: Verschwunden ist der Zaun, der den direkten Zugang vom Vorplatz sonst versperrt. Immer noch funktioniert die Architektur Friedrich von Thierschs: Die Rotunde im Zentrum des Bauwerks zieht den Besucher an. Davor startet am Vormittag ein Jubiläumslauf rund um die „Gudd Stubb“, eine Bühne und ein Kinderkarussell sorgen für Unterhaltung.

          Mercedes-Benz hat auch schon seit vielen Jahren Gefallen an der Festhalle gefunden und zeigt hier seine neuesten Modelle auf der IAA.

          Drinnen gibt es den Tag über Führungen, Vorträge und Filme: Mit vielen der Angebote feiert die Messe auch ein wenig sich selbst, beispielsweise mit der Video-Endlosschleife in einem der Kinozelte, in der sich Stars und Sternchen, die in den vergangenen Jahrzehnten unter der Kuppel aufgetreten waren, sich für die Atmosphäre bei ihren Auftritten bedanken. Führungen zur Architektur und Geschichte der Halle bieten dagegen Einblicke, die der Konzert- oder Messebesucher nicht bekommt. Eine Treppe neben der Bühne führt in die „Katakomben“, in denen auch die Kantine für die Bühnencrews liegt: Hier wird fensterlos gespeist. Udo Lindenberg und Amy Winehouse empfangen geduldig Fans in ihren Garderoben – die Doppelgänger der Bühnenberühmtheiten setzen sich immer wieder für Erinnerungsfotos in Pose. Vor den anderen Zimmern, bei der fast faltenfreien Tina Turner, Kaiser Wilhelm II. und Sissi sind die Schlangen deutlich kürzer. Die Doubles erscheinen auch auf der Bühne: Sie begleiten die Gratulanten, darunter Albert Speer, dessen Architekturbüro die als letztes abgeschlossene Rekonstruktion der Fassade übernommen hatte. Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) bedankt sich bei Speer mit dem ersten Stück einer Riesentorte in der Form der Festhalle – und schneidet noch eine Reihe weiterer Stücke aus dem Zuckergebäude, die das Publikum schnell verzehrt.

          Von der Festhalle aus sind die Deportationen ausgegangen

          Die Oberbürgermeisterin erinnert auch an dunkle Zeiten in der Geschichte des Gebäudes, wie an die Rolle der Festhalle während des Novemberpogroms von 1938: „Von hier aus sind Deportationen in die Konzentrationslager ausgegangen. Es gehört dazu, dass man dies an einem Tag wie diesem erwähnt“, sagte Roth.

          Solche nachdenklichen Töne bleiben aber die Ausnahme. Ein Fleischerchor singt gemeinsam mit den Star-Doppelgängern und Honoratioren auf der Bühne dem Gebäude ein Geburtstagsständchen. Die „Turnerlegende“ Eberhard Gienger landet mit dem Fallschirm auf dem Platz vor der Festhalle. Ohne den Zaun wirkt der Vorhof der „Gudd Stubb“ richtig einladend. Leider wird er in den nächsten Tagen wieder abgesperrt.

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