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Frankfurter Fernsehturm : Leerstand auf höchstem Niveau

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Gelichteter Antennenwald: Der Frankfurter Fernmeldeturm ist nicht mehr so gut bestückt wie vor 30 Jahren. Bild: Florian Manz

Der Frankfurter Fernmeldeturm ist nur noch ein unbemannter Antennenträger. Viele Funktionen hat er verloren: Richtfunk spielt keine so große Rolle mehr wie vor 30 Jahren. Restaurant und Diskothek sind seit langem geschlossen.

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          Leer. Ausgeräumt. Wo einst in 227 Metern Höhe über Frankfurt Funk und Fernsehen überwacht wurden, wo die Gäste im Drehrestaurant einen grandiosen Blick auf die Stadt genossen, wo die Tänzer in der Diskothek ihren Durst mit teuren Cocktails löschten, herrscht heute das Nichts. Die Kanzel des Fernmeldeturms ist ausgehöhlt, im Inneren bis zum Rohbau demontiert. Menschen haben hier nichts mehr zu melden.

          Dabei war der Frankfurter Fernmeldeturm einmal ein Prestigeobjekt. In seiner jetzigen Form hatte ihn schon damals eigentlich niemand gebraucht – ein schnödes Stahlgerüst hätte es auch getan. Doch die Oberpostdirektion, eine der größten in der alten Bundesrepublik, wollte den spektakulären Turm. Sie bekam ihn 1979. Damals war er mit 331 Metern das höchste freistehende Bauwerk der Bundesrepublik. Das ist er auch heute noch, wenngleich ihn der Berliner Fernmeldeturm am Alexanderplatz um 30 Meter übertrifft, dies aber nur wegen seiner wesentlich längeren Antenne. Auch die Kanzel in Berlin hängt 20 Meter tiefer.

          Seine Hochzeit ist schon lange vorbei

          Die Bundespost war gezwungen, in Frankfurt für die Richtfunkstrecken ein Gebäude zu errichten, denn das Fernmeldehochhaus in der Innenstadt war zu niedrig geworden. Wegen der nötigen freien Sicht über weite Strecken entschied man sich für einen Ort außerhalb der City. Der Turm steht zwar auf Bockenheimer Gemarkung, heißt aber „Ginnheimer Spargel“, weil das Gebiet nördlich der Autobahn gedanklich diesem Stadtteil zugeschlagen wird. Irgendwann bekam der Spargel dann den Namen „Europaturm“, den aber niemand verwendet.

          Für die Deutsche Funkturm GmbH, eine Tochtergesellschaft der Telekom, die sich mit ihren 600 Mitarbeitern um alle Funktürme Deutschlands kümmert, ist der Frankfurter Turm ein Zweckbau, der seine Hochzeit hinter sich hat. Der Richtfunk verlor seine Bedeutung an die Satellitentechnik, und die unter der Erde verlegten Glasfaserkabel sind effektiver. Deshalb ist manche der sechs Antennenplattformen unter und über der Kanzel leer.

          Ein Notbehelf

          Innen erledigten früher Techniker in den beiden oberen Stockwerken ihre Arbeit, die unteren beiden waren für Besucher eingerichtet. Doch Restaurant und Diskothek liefen nicht besonders gut, und seit 1999 sind diese Etagen geschlossen. Vorausgegangen waren die Privatisierung der Deutschen Bundespost und ihre Aufteilung. Nun schaute auch die Frankfurter Feuerwehr nach dem Brandschutz, um den sich zuvor bundeseigene Behörden gekümmert hatten. Zu Zeiten des Feuerwehrchefs Ernst Achilles definierten die Brandschützer den „Ginnheimer Spargel“ als Hochhaus und fanden einiges auszusetzen. Sie vermissten vor allem den zweiten Fluchtweg neben dem engen Treppenhaus. Diese Auflagen waren nicht zu vernünftigen Investitionskosten zu erfüllen. So entschloss sich die Deutsche Funkturm zum Entkernen ihres Schmuckstücks. Man habe alles herausreißen lassen, was irgendwie hätte brennen können, erläutert Reiner Ullrich, technischer Leiter bei der Deutschen Funkturm.

          Der Turm wird heute mit seinen Antennen zur Übertragung von Mobilfunk über große Strecken genutzt, auch von den Sicherheitsbehörden. Er dient mit den Richtfunkanlagen als Notbehelf, falls Glasfaserverbindungen ausfallen sollten, bringt Richtfunk in Gegenden, die mit Glasfaser nicht versorgt sind, und verbreitet Hörfunk. Fernsehprogramme strahlt der Turm erst seit 2004 aus, seit DVBT, das sogenannte Überall-Fernsehen, die terrestrische Verbreitung analoger Signale abgelöst hat. Heute ist der Turm auch Empfangsstation für Satellitensignale, die er terrestrisch oder via Kabel über Frankfurt und Südhessen verteilen kann.

          Aus dem schönen Spargel wurde ein reines Technikgebäude

          140 Parabolantennen verstellten in den neunziger Jahren den Blick von den Plattformen. Damals herrschte in 227 Metern Höhe große Betriebsamkeit. Techniker wachten von dort aus über alle unbemannten Sendeeinrichtungen in Hessen und in Mannheim, kontrollierten in der Funkleitstelle Störungen auf den Richtfunkstrecken, lotsten Fernsehsignale von Bonn nach Paris, von Prag nach Tokio, verbanden die ARD-Anstalten untereinander und ermöglichten Direktübertragungen. Selbst Beschwerden über Störungen im Kabelnetz irgendwo in Hessen liefen hier auf. Heute ist der Fernmeldeturm menschenleer. Wer dort eine Antenne hat, sorgt selbst für Installation und Wartung, „anlassbezogen“, wie es heißt.

          So wird es auch bleiben. Die Deutsche Funkturm will ihre Einrichtungen wirtschaftlich führen. Aber „als Kaffeehausbetreiber verstehen wir uns nicht“, sagt Ullrich. Tourismus sei nicht das Geschäft der Telekom, außerdem habe Frankfurt mit dem Main-Tower einen guten Aussichtspunkt, der überdies in der Stadtmitte liege. Der Technikchef fügt aber auch an, dass sein Unternehmen jedem Investor einen roten Teppich ausrolle, der sich in der Kanzel des Turmes engagieren möchte. Daran glauben mag allerdings niemand, denn allein die Kosten für die Einrichtung wären siebenstellig. Ullrich zählt auf, was in enger Zusammenarbeit mit dem Brandschutz fällig wäre: Anschlüsse für Wasser und Abluft, Kühltechnik, Räume für Personal, Kücheneinrichtungen. Hinzu käme dann noch der Einbau eines Fluchtweges, was kaum möglich wäre. Berlin habe es da einfacher: Dort gelte ein möglicher Abgang außerhalb der Kanzel über Leitern oder Seile als Fluchtweg. In diesem Turm müssten nachts aus dem Restaurant alle Spirituosen entfernt werden – sie könnten ja in Brand geraten.

          So ist denn in Frankfurt aus dem schönen Spargel ein pures Technikgebäude geworden. Oder, wie es Ullrich ohne jede Romantik ausdrückt, ein unbemannter Antennenträger.

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