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Digital statt auf Papier : Das bisschen Haushalt

Frankfurts Kämmerer Uwe Becker stellt den derzeitigen Etat vor - in gedruckter Form. Der Papierberg liegt vor ihm. Bild: Wolfgang Eilmes

Kurz vor der Abwahl landet der Frankfurter CDU-Kämmerer Uwe Becker einen Coup: Den nächsten Vier-Milliarden-Haushaltsplan soll es nur noch digital geben.

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          Die Taktzahl der Pressemitteilungen aus der Frankfurter Stadtkämmerer nimmt in diesen Tagen bedenkliche Züge an. Offenbar will Kämmerer Uwe Becker vor seiner Abwahl im Juli noch einmal kräftig durchregieren. Der neueste Coup: Der nächste Vier-Milliarden-Haushaltsplan, der vielleicht Ende des Jahres in den Magistrat eingebracht werden könnte, soll nicht mehr gedruckt und auf Papier erscheinen, sondern auf Digitalformat umgestellt werden. Das spare Rohstoffe und „macht das Arbeiten mit unserem Etat auch deutlich einfacher“. Letzteres mag anzweifeln, wer will, denn die Arbeit am Etat dürfte in Anbetracht der coronageschädigten Kommunalfinanzen alles andere als einfach sein.

          Martin Benninghoff
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Aber Papier ist geduldig, Digitales auch, da kann die Revolution ruhig weitergehen: Auch die künftigen Jahresabschlüsse, die Beteiligungsberichte und Broschüren jedweder Art soll es nicht mehr in gedruckter Form geben. Der papierlose Haushalt greift weiter um sich, passt ja auch bestens in die endlich verabschiedete Digitalstrategie, die Frankfurt natürlich alsbald auf den weltweiten Topplatz der Smart Cities – Rhein-Main-Gebiet wäre schon mal gut – aufsteigen lässt. Frankfurt hat zwar im vergangenen Jahr 453 Millionen Euro weniger Schulden als geplant verbucht, wer sich aber die Aussichten anschaut, ist über jeden Sparvorschlag froh, der keine Menschen, Wirtschaftszweige (mit Ausnahme der Papierindustrie), soziale Träger oder die freie Kulturszene ins Mark trifft.

          Etatwerk folgt dem Otto-Katalog

          Zeitungsständer im Wohnzimmer gehören der Vergangenheit an, weil Zeitungen immer seltener auf Papier gekauft werden. Die Digitalauflagen steigen hingegen, zumal sich Smartphones und Tablets viel besser stapeln lassen. Dass künftig jeder den Haushalt der Stadt Frankfurt an einem verregneten Sonntagnachmittag auf seinem Smartphone lesen kann, ist da eine besondere Verheißung. Andererseits hat die Pandemie gezeigt, dass Papier und Haushalt unbedingt zusammengehören. Weder in der Küche noch der Gästetoilette wird der Digitalisierung getraut, hier geht es noch erstaunlich traditionell zu.

          Wobei Traditionen natürlich auch nur ehemalige Innovationen sind. Wie dem Frankfurter Haushaltsplan ist es vor drei Jahren schon dem Otto-Katalog an den papiernen Kragen gegangen, der Brockhaus wird nicht mehr gedruckt, und statt in Omas Kochkladde zu blättern, scrollt man lieber bei Chefkoch.de. Wer kann einem Teenager schlüssig erklären, dass sich die Menschheit noch vor wenigen Jahren durch Bücher dünnen, engbeschrifteten Papiers gequält hat, um eine Telefonnummer herauszubekommen? Gerade in den verrauchten Telefonzellen, noch so ein Relikt aus dem gefühlten Tertiär, geriet das durchaus zur ernstzunehmenden Gesundheitsgefahr.

          Kulturpessimisten behaupten, dass vertieftes Lesen digital nur schwer möglich sei. Dem mag der Verfasser aus anekdotischer Evidenz widersprechen, aber natürlich gilt: sicher ist sicher. Vielleicht sollte der Kämmerer deshalb der nächsten Koalition seine Warnung vor einer zu freigiebigen Ausgabenpolitik ausdrucken und auf den Nachttisch legen. Wenigstens noch einmal.

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