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Frankfurter Drogenpolitik : Stadt will Crack-Konsumenten nachts besser betreuen

  • -Aktualisiert am

Dunkelmänner: Auf der Elbestraße ist die Crack-Szene so präsent wie keine andere im Frankfurter Bahnhofsviertel Bild: Helmut Fricke

Die Crack-Szene stellt die Frankfurter Drogenpolitik schon lange vor Herausforderungen. Nun will die Stadt mit einem Drei-Punkte-Plan reagieren.

          Mit einem neuen Konzept will der für die Drogenpolitik zuständige Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Die Grünen) die von Crack-Konsumenten verursachten, zunehmenden Probleme im Bahnhofsviertel in den Griff bekommen. Wie er gestern gemeinsam mit der Leiterin des Drogenreferats, Regina Ernst, sowie der Geschäftsführerin der Integrativen Drogenhilfe, Gabi Becker, ausführte, werden künftig zwei Sozialarbeiter in den Nachtstunden eingesetzt, um „problematische Klientel“ aufzusuchen und sie bei Bedarf mit einem Shuttle-Bus in die Hilfseinrichtung Eastside an die Schielestraße ins Ostend zu bringen. Zudem soll eine Studie erstellt werden, die sich „mit den speziellen Bedürfnissen der Erkrankten“ befasst, um daraus langfristig neue Angebote für die Süchtigen zu entwickeln. Auch die Zahl der Tagesruhebetten in den Drogenhilfseinrichtungen soll aufgestockt werden; von derzeit elf auf 17.

          Diese Weiterentwicklung des Frankfurters Wegs sei das Ergebnis „einer immer wiederkehrenden Diskussion“, sagte Majer. Er betonte, dass die städtische Drogenpolitik an ihrem Grundsatz festhalten werde, „für jeden einzelnen Erkrankten eine individuelle Lösung zu finden“. Er halte „nichts davon, die Szene einfach pauschal an einen anderen Ort zu verschieben“. Insofern lehne er das Hamburger Modell Drob Inn ab. Frankfurt werde die Szene „immer im Bahnhofsviertel haben“. Das Ziel sei, die Zahl der Drogentoten möglichst gering zu halten.

          Eine Gruppe, die keinen Tag-Nacht-Rhythmus hat

          Im Zuge der Bekämpfung der Dealerszene im Bahnhofsviertel waren auch die Crack-Konsumenten zunehmend in den Fokus geraten, nachdem es vermehrt Beschwerden von Anwohnern und Gewerbetreibenden über deren Aggressivität gegeben hatte. Polizeipräsident Gerhard Bereswill, der gestern ebenfalls an der Pressekonferenz teilnahm, hatte wiederholt eine Überarbeitung des Frankfurter Wegs gefordert.

          Die jetzt geplante Studie ist zunächst auf drei Monate angelegt. Danach soll eine Zwischenbilanz gezogen werden. In dieser Zeit versuchen die Sozialarbeiter herauszufinden, warum einige Crack-Konsumenten sich vor allem nachts im Bahnhofsviertel aufhalten, andere wiederum nicht; und auch, ob die Szene für Hilfsangebote überhaupt zugänglich sei. Zudem erhoffe man sich „vertiefte Einblicke darüber, warum die Erkrankten ausgerechnet Crack konsumieren und warum diese Droge in Frankfurt eine so große Rolle spielt“, sagte Ernst. Ihren Angaben zufolge handelt es sich um eine Gruppe zwischen 20 und 40 Personen, „die keinen Tag-Nacht-Rhythmus haben“ und die im Viertel auffielen, wobei diese Gruppe aus immer anderen Personen bestehe.

          Gabi Becker von der Integrativen Drogenhilfe erhofft sich von der Studie vor allem Erkenntnisse darüber, welche Angebote für diese Konsumenten langfristig sinnvoll sind. Derzeit habe man kaum Daten über diese Personen, sagte sie. Die Drogenhilfseinrichtungen einfach über Nacht geöffnet zu lassen, lehnten alle Beteiligten ab. Becker befürchtet, dass es dann auch nachts zu einem großen Zulauf kommen würde. „Indem die Einrichtungen geschlossen bleiben, hoffen wir darauf, dass die Konsumenten wenigstens nachts zur Ruhe kommen“, so Becker. Aus Sicht der Polizei ist diese Weiterentwicklung des Frankfurter Wegs weitgehend überzeugend. Polizeipräsident Bereswill sagte: „Wir sollten der Stadt nun einen Vertrauensvorschuss geben. Ob das Konzept greift, wird man dann in drei Monaten sehen. Wenn von den 20 bis 40 problematischen Konsumenten nur ein Teil nachts ins Eastside gebracht wird, wäre der Polizei schon geholfen.“

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          Bereswill lobte Majer dafür, dass er gemeinsam mit dem Drogenreferat die Polizei unterstütze. „Das lässt sich längst nicht für alle Behörden und Institutionen sagen. Es wäre schön, wenn andere auch deutlicher nach vorne gehen würden. Bei dem einen oder anderen wäre noch Luft nach oben.“ An wen genau sich die Kritik richtete, wollte Bereswill nicht sagen. Aus der Polizei ist aber schon seit Monaten zu hören, dass sie sich eine stärkere Einbindung der Stadtpolizei und der Deutschen Bahn wünsche im Kampf gegen den Drogenhandel. Majer griff die Kritik auf und sagte, aus seiner Zeit als Verkehrsdezernent wisse er, „dass der Umbau des Hauptbahnhofs eigentlich heute beginnen sollte“. Es sei „schon sehr komplex“, wie die Bahn ihre Bauvorhaben angehe.

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