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Frankfurter Dom : Der Unglücksbringer aus Berlin

Feuer vom Wasser aus gesehen: In der Nacht vom 14. auf den 15. August 1867 stand der Dom in Flammen. Bild: action press

Vor 150 Jahren zerstörte ein Brand den Dom. König Wilhelm I. nutzte die Gelegenheit, eine Wende im Verhältnis zwischen Preußen und Frankfurt einzuleiten.

          Ein Stück vom alten Frankfurter Dom gibt es bei einem Baseler Händler im Sonderangebot. 99,99 Euro sind zu zahlen für eine matte, unscheinbare Medaille. Auf der einen Seite ist der Frankfurter Adler zu sehen, auf der anderen steht „Aus dem Dombrand 15. August 1867.“ Die historische Plakette kündet von einer der großen Katastrophen der Stadtgeschichte und zugleich vom Pragmatismus der Bürgerschaft. Die Bronze der Medaille stammt von den Glocken, die während des Brands in St. Bartholomäus in der Nacht auf den 15. August 1867 zu Boden stürzten und barsten: Ihre Trümmer wurden eingeschmolzen und zu Münzen geprägt, deren Verkauf zur Finanzierung des Wiederaufbaus beitrug.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Die Ursache des Brandes ließ sich minutiös rekonstruieren. Kurz nach Mitternacht fingen die Kleider von zwei Frauen, die in einer Dachwohnung über der Gastwirtschaft von Joseph Müller an der Ecke von Fahrgasse und Garküchenplatz wohnten, an Kerzen Feuer. Schnell stand das Mobiliar in Flammen, und bald auch der Dachboden. Dort lag Hopfen, denn der Wirt war auch Brauer. Brennende Hopfenbündel flogen auf das Dach des Doms, und das Verhängnis nahm seinen Lauf. Der starke Wind trieb das Feuer in dieser heißen Sommernacht auf den Turm zu, in dem der Glockenstuhl in Brand geriet.

          Brand gut ein Jahr nach der Okkupation Frankfurts

          Am nächsten Morgen bot sich den Frankfurtern ein Schreckensbild. Der Dom war eine Ruine ohne Dach, die Orgel war zerstört, und auch die gläserne Überdachung der Kuppel, die Reichslaterne, war zerborsten. „Da steht err jetz so leichehaft – so stumm, es dhut ääm schauern!“ schrieb Friedrich Stoltze über das Bild, das sich ihm bot.

          Immerhin hatten die Bürger unter großen Mühen ein großflächiges Übergreifen der Flammen auf die Häuser in der Altstadt verhindern können, obwohl Funken weit geflogen waren. Sogar am Dach der Börse neben der Paulskirche wurde ein Schaden entdeckt. Der Brand ereignete sich gut ein Jahr nach der Okkupation Frankfurts durch die Preußen und einen Tag bevor König Wilhelm I. in der Stadt erwartet wurde. Diese Koinzidenz legte eine symbolische Aufladung des tragischen Ereignisses nahe: Die Preußen waren aufgrund ihres rüden Auftretens und der hohen Kontributionen, die sie den Bürgern auferlegt hatten, denkbar unpopulär. Dass sie Unglücksbringer waren, bewies der Brand.

          Als der König in der Stadt ankam, erkannte er offenbar die Chance, die sich ihm bot. Dass er von seinen neuen Untertanen schweigend empfangen wurde, musste er nicht als Unbotmäßigkeit deuten, vielmehr ließ es sich als Ausdruck der Erschütterung interpretieren. Wilhelm sprach von Irrungen und Missverständnissen, die eingetreten seien. Er fand tröstende Worte, und er spendete für den Wiederaufbau des Doms, der schon bald in Angriff genommen wurde.

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          Von da an ging es bergauf zwischen Preußen und Frankfurt. Spätestens mit dem Deutsch-Französischen Krieg, der im Mai 1871 mit dem Frankfurter Frieden beendet wurde, waren die Bürger der Stadt von der allgemeinen nationalen Begeisterung erfasst. Als 1880 die Oper eröffnet wurde, durfte sich Wilhelm I. über einen herzlichen Empfang freuen.

          Der Dom war da schon wiederhergestellt. Sein unvollendet gebliebener Turm hatte die ursprünglich vorgesehene Spitze erhalten, wie sie Dombaumeister Madern Gerthener einst entworfen hatte, und im Inneren war die neugotische Umgestaltung, mit der vor dem Brand begonnen worden war, konsequent zu Ende gebracht worden. Aus heutiger Sicht war diese Art der Rekonstruktion kunsthistorisch zweifelhaft, doch für die Frankfurter damals war die Wiedergewinnung ihres Doms vorrangig.

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