https://www.faz.net/-gzg-6kky6

Frankfurter Christbaum : Nachhaltige Weihnachten: Bergen-Enkheim statt Zürich

Auserwählt für den Frankfurter Weihnachtsmarkt: eine 30 Meter hohe Fichte aus dem Bergen-Enkheimer Wald Bild: Cornelia Sick

Zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn - der Christbaum auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt wird sich auch dieses Jahr einiges anhören müssen. Nur eines kann man ihm nicht vorwerfen: eine schlechte Klimabilanz.

          3 Min.

          Zürich ist eine Stadt, die sich in Sachen Umweltschutz einiges vorgenommen hat. Schon jetzt fahren wenige Einwohner Auto und viele Straßenbahn, es wird ökologisch gebaut, Abfall reduziert, und das Wasser aus dem Zürichsee soll man angeblich bedenkenlos trinken können. Damit nicht genug: Per Volksabstimmung wurde das Ziel einer „2000-Watt-Gesellschaft“ in der Gemeindeordnung verankert. Das bedeutet, dass die energetische Dauerleistung von 5000 Watt je Einwohner um weit mehr als die Hälfte sinken soll.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Aber auch eine ökologische Stadt muss Einnahmen erzielen. Zum Beispiel aus dem Tourismus, einer international hart umkämpften Branche. Selbst die Schweizer mit ihren schönen Bergen müssen sich da anstrengen. Nun kann man, um ausländische Gäste zu locken, Prospekte drucken und Werbespots schalten. Oder, was viel sympathischer ist, man schenkt den Frankfurtern einen Christbaum.

          Ein Baum auf beschwerlicher Reise

          Seit vielen Jahren kommt der Baum vor dem Römer jeweils aus einer anderen Fremdenverkehrsregion, zuletzt aus Tirol. Als kleine Gegenleistung bekommt der Spender einen Stand in bester Lage, an dem er sich den Weihnachtsmarktbesuchern präsentieren kann. Alljährlich im November unternimmt also ein 20 bis 30 Meter langer, sechs bis acht Tonnen schwerer Baum eine beschwerliche Reise. Der Transport im Tieflader dauert Tage, Straßen werden gesperrt und Kräne aufgestellt.

          Roman Brunner von der Revierförsterei, der den Baum für den Frankfurter Weihnachtsmarkt entdeckt hat
          Roman Brunner von der Revierförsterei, der den Baum für den Frankfurter Weihnachtsmarkt entdeckt hat : Bild: Cornelia Sick

          So etwas hätte Zürich nicht mit seinem ökologischen Gewissen vereinbaren können, sagt Benno Seiler, Leiter der dortigen Wirtschaftsförderung. Sein Kollege Frank Bumann, Direktor von Zürich Tourismus, sieht es ähnlich. Der Stadt gehe es darum, den Umweltschutz „stärker in die Markenpositionierung einzubinden“. Man könne nicht klimaneutrale Stadtrundfahrten anbieten und gleichzeitig einen Christbaum durch halb Europa kutschieren.

          Sponsern statt kutschieren

          So kamen die Züricher auf eine ebenso geniale wie naheliegende Idee: Sie fragten in Frankfurt an, ob sie nicht einfach einen Baum aus dem dortigen Stadtwald sponsern könnten. Die gesparten Emissionen seien im Vergleich zum sonstigen Verkehrsaufkommen zwar gering, doch es könne ein Zeichen für Nachhaltigkeit gesetzt werden. Die Frankfurter Tourismus- und Congress GmbH, die den Weihnachtsmarkt organisiert, stimmte zu, und bei Umwelt- und Forstdezernentin Manuela Rottmann war ohnehin keine Überzeugungsarbeit nötig. „Ich finde es gut, dass die Züricher zu ihren Prinzipien stehen“, sagt die Grünen-Politikerin.

          Nun lag der Schwarze Peter bei Roman Brunner. Der Revierförster im Stadtwald wurde mit einer Mission impossible betraut: einen Baum zu finden, der allen Frankfurtern gefällt. Denn die vorweihnachtliche Mäkelei ist in der Stadt tief verwurzelt. Kaum steht der Baum, geht es los, von „Krüppelfichte“ bis „Symbol des Waldsterbens“ reichen die Beschimpfungen. Angeblich soll Oberbürgermeister Andreas von Schoeler einst persönlich verfügt haben, keine Fichten aus Norwegen mehr zu nehmen, weil diese so hässlich seien.

          „Die muss sehr lange frei gestanden haben“

          Förster Brunner nahm sich also Zeit, um die Frankfurter Wäldereien zu durchstreifen. Entgegen landläufiger Meinung bezeichnet der Begriff „Stadtwald“ nicht nur das Gebiet südlich des Mains, sondern umfasst Flächen bis hin in den Taunus. Fündig wurde Brunner allerdings im Bergen-Enkheimer Wald. Inmitten von kleinwüchsigen Buchen, Birken und ein paar leichtgewichtigen Nadelbäumen steht dort eine 30 Meter hohe, 105 Jahre alte Fichte.

          „Die muss sehr lange frei gestanden haben“, sagt Brunner. Wären rundherum andere Nadelbäume gewachsen, dann hätte sie bis zur Höhe von 20 Metern keine Äste. Dieses Exemplar aber sei „bis unten beastet“, gleichmäßig und gerade gewachsen, tauge also hervorragend als Weihnachtsbaum.

          Rund zwei Monate im Stadtwald bleiben der stattlichen Fichte noch, dann wird sie gefällt, zum Römerberg transportiert und von einem 80-Tonnen-Autokran in die Vertikale gebracht. Bis zur Eröffnung des Weihnachtsmarkts am 25. November wird sie mit 5000 Stromsparlichtern und roten Schleifen geschmückt. Dass die Diskussion über kahle Stellen und hängende Äste bis dahin längst im Gange sein wird, daran hat Förster Brunner keinen Zweifel: „Irgendjemand nörgelt immer.“ Wenn es noch ein paar Jahre so weitergeht, wird die Weihnachtsbaum-Mäkelei vielleicht zu einer Tradition, mit der das sonst so brauchtumsarme Frankfurt sogar um Touristen wirbt. Womöglich lernt die Mainmetropole aber auch vom Schweizer Vorbild - nicht nur ökologische Konsequenz, sondern auch die Kunst, den Einwohnern ihren Christbaum sympathisch zu machen. In Zürich gibt es einen Weihnachtsmarkt mit einem Baum, der dem Frankfurter zwar nur bis zur ersten Astgabelung reicht, dafür aber mit Schokolade geschmückt ist. Die Besucher dürfen ihn leer essen, und wie man hört, beschränken sich die Beschwerden auf gelegentliche Magenverstimmungen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ist da noch jemand? Einblick in einen Büroturm in Frankfurt

          Corona und Homeoffice : So teuer kann Büro-Zwang werden

          Die Politik bringt durch neue Corona-Regeln die Wirtschaft gegen sich auf. Wer Homeoffice verweigert, riskiert Strafzahlungen. Entscheiden bald Ämter, wer wo arbeiten darf?
          Polizisten stehen am 19. Januar vor der Moskauer Haftanstalt Matrosskaya Tishina, in der Alexej Nawalnyj gefangen gehalten wird.

          Festnahme Nawalnyjs : Nicht hinnehmbar für Europa

          Der EU-Außenbeauftragte Borrell fordert die Freilassung des russischen Oppositionellen Nawalnyj. Sollte Moskau nicht einlenken, wären für den EVP-Fraktionsvorsitzenden Weber auch Sanktionen gegen Nordstream 2 eine Option.
          Schon drin?

          Clubhouse-App : Willkommen im Vereinshaus

          Die Berliner Blase hat ein neues Spielzeug: Die Plauder-App Clubhouse verspricht Zerstreuung in schwierigen Zeiten. Ist der Hype von Dauer?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.