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Rathauschefs und Regionalbewusstsein : Chauffeurdienste für die Amtskollegen

„Kurmainzer Achse“: Die Oberbürgermeister - von links - Michael Ebling (Mainz), Peter Feldmann (Frankfurt) und Klaus Herzog (Aschaffenburg, alle SPD) wollen künftig mehr zusammenarbeiten. Bild: dpa

Der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) wirbt unter Nachbarkommunen für ein neues Regionalbewusstsein. Um das zu stärken, holt er Kollegen sogar mit dem Auto ab.

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          Peter Feldmann setzt auf Emotionen. Auch in der von vielen Beobachtern als spröde und unwichtig geschmähten Regionalpolitik. Am 1. November vergangenen Jahres hat sich der Frankfurter Oberbürgermeister offiziell zum Regionaldezernenten gekürt und ist seitdem auch formal für die Außenbeziehungen der Stadt verantwortlich.

          Mechthild Harting
          (mch.), Rhein-Main-Zeitung

          Dieses Ressort führt der Sozialdemokrat Feldmann in einem Stil, der sich schon im Wahlkampf vor gut zwei Jahren bewährt hat. Damals war sein Rezept, möglichst viele Hausbesuche bei Bürgern zu machen, die nur selten einen Römerpolitiker zu sehen bekommen. Es war das klassische Klinkenputzen. Jetzt besucht er Landräte und Stadtoberhäupter im Umland in dichter Folge. Allerdings kündigt er seinen Besuch an, und die Visite selbst wird öffentlichkeitswirksam inszeniert.

          Parteibuch spiele keine Rolle

          An Phantasie mangelt es Feldmann dabei nicht. An diesem Montag etwa hat er gemeinsam mit den Oberbürgermeistern von Mainz und Aschaffenburg tief in die Geschichtskiste gegriffen und die „Wiederbelebung“ einer „Kurmainzer Achse“ verkündet. Zuvor hatte er den Mainzer Kollege Michael Ebling persönlich mit dem Auto abgeholt, um mit ihm zum Aschaffenburger Oberbürgermeister Klaus Herzog zu fahren. Von da an waren die Oberbürgermeister den größten Teil des Tages zusammen in den drei Städten unterwegs.

          Dass es sich um ein sozialdemokratisches Triumvirat handelte, tut Feldmann als Zufall ab. Das Parteibuch spiele bei seinen Kennenlern-Reisen, die stets zu Genossen führen, keine Rolle. In der Region gebe es mittlerweile einfach viele SPD-Stadtoberhäupter, und die CDU-Landräte treffe er ohnehin in den regionalen Gremien, wie im Regionalvorstand, in den Aufsichtsräten des Rhein-Main-Verkehrsverbundes und des regionalen Standortmarketings, der Frankfurt/Rhein-Main GmbH, deren Vorsitz Feldmann mit strategischem Geschick in den vergangenen Monaten für sich reklamiert hat.

          „Ich will Frankfurt stärken“

          Doch warum interessiert sich plötzlich ein Frankfurter Stadtoberhaupt für die Region, staunt wie ein Kind über Verflechtungen, die die Großstadt seit Jahrhunderten mit Umlandkommunen hat? Als letzter seiner Vorgänger hatte Oberbürgermeister Rudi Arndt (SPD) in den siebziger Jahren die Nachbarn in ähnlichem Maß beachtet. „Ich will Frankfurt stärken“, sagt Feldmann, die flächenmäßig kleine Stadt „ist auf dieses Umland angewiesen“.

          Derzeit platze Frankfurt aus allen Nähten, sagt Feldmann. Um den „Druck“ auf dem Wohnungsmarkt zu reduzieren, müsse an allen Stellschrauben gedreht werden. Dazu gehöre es, die Flächen in der Region, Baugebiete, die in 45 Minuten mit öffentlichem Nahverkehr von der Frankfurter Innenstadt zu erreichen sei, mit einzubeziehen, „um den Markt zu vergrößern“.

          Wenn einige der neu erwarteten Mitarbeiter der Europäischen Zentralbank sich im Umland ansiedelten, sei das für Frankfurt nicht schädlich, sagt Feldmann: „Ich bin froh, wenn wir die Fachkräfte, die Talente halten können.“ Dass die städtische Frankfurter Wohnungsgesellschaft, die ABG Holding (auch dort ist Feldmann Aufsichtsratschef), in Offenbach und Friedberg baut, ist für den Oberbürgermeister nur folgerichtig.

          Für den gemeinsamen internationalen Auftritt der Region setzt sich Feldmann seit mehr als einem Jahr ein. Er hat mit Unterstützung der Wirtschaft das ins Trudeln geratene regionale Standortmarketing stabilisiert und viele Austritte von Städten und Kreisen rückgängig machen können. Feldmann könnte sich weitere gemeinsame Themen vorstellen, die Reduzierung des Fluglärms ist eines davon, der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs ein anderes.

          Entscheidend sei, dass Frankfurt nicht „vom hohen Ross“ herab mit dem Umland rede. „Ich will das Gefühl vermitteln, dass ich ein ehrlicher Mensch mit Grundüberzeugungen bin“, sagt Feldmann, „dass ich es ernst meine.“ Niemand solle mehr Angst vor Frankfurter Machtansprüchen haben. Zumindest nicht in den Kommunen. Dass sich aus dem neuen regionalen Miteinander ein neues politisches Kraftfeld bildet und dass die Region gemeinsame Forderungen an die Landesregierung stellen könnte, hält Feldmann für realistisch. Noch sei es nicht so weit. Dennoch gibt er sich siegessicher: Die Grundüberzeugung, dass man in der Region nur zusammen stark sei, könne Allgemeingut werden.

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