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Frankfurter Buchhändler : Einer Legende droht das Ende

Existenzgefährdet: Das Zweitausendeins-Geschäft am Kornmarkt ist die letzte verbliebene Filiale des Buchdiscounters. Bild: Wolfgang Eilmes

Der Frankfurter Buchhändler Zweitausendeins kämpft gegen seinen Untergang – und für 2017 sehen die Aussichten für die Institution am Kornmarkt mehr als schlecht aus.

          Wenn jedes Todesgerücht zum Ableben führte, wäre der Buchhändler Zweitausendeins schon lange nur noch eine Erinnerung. Kaum ein Jahr vergeht, in dem nicht das Aus für das Geschäft am Kornmarkt prophezeit wurde und dann doch noch abgewendet werden konnte. Nun jedoch könnte der Laden den Existenzkampf tatsächlich verlieren.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung und bei dem Wirtschaftsmagazin Metropol.

          „Das letzte Jahr war katastrophal“, sagt Geschäftsführer Robert Egelhofer. Noch sei die Entscheidung, zu schließen, nicht gefallen. „Aber die Tendenz geht dahin.“ In dieser Woche will er sich mit seinem Vermieter beraten, bis Mitte des Monats soll die Bilanz für das Jahr 2016 vorliegen. Dann muss er sich entscheiden.

          In den neunziger Jahren, auf dem Höhepunkt: 200 Mitarbeiter

          Zweitausendeins, 1969 gegründet in einer Frankfurter Kellerwohnung und benannt nach dem Filmklassiker von Stanley Kubrick, war der intellektuelle Versorger einer ganzen Generation. Fast jeder, der sich für einen Achtundsechziger hielt, stapelte die Wohnung mit den Werkausgaben der großen Theoretiker oder Jazz-Platten zu, die er bei den Frankfurtern erworben hatte. Warum auch nicht, so billig wie bei Zweitausendeins gab es sie schließlich nirgendwo sonst. „Ausgewählte Kultur zu günstigen Preisen“, das sei nach wie vor das Konzept, sagt Geschäftsführer Egelhofer. Schon seit 40 Jahren arbeitet der Achtundfünfzigjährige bei Zweitausendeins, erlebte den Aufstieg ebenso mit wie den Niedergang.

          Der alternative Buchdiscounter setzte zunächst nur auf den Versandhandel und erstellte monatlich das begehrte „Merkheft“, einen witzig geschriebenen Mini-Katalog auf dünnstem Papier. Nach und nach wurden in großen Studentenstädten auch Filialen eröffnet, die erste in Frankfurt 1974. In den neunziger Jahren, auf dem Höhepunkt, hatte Zweitausendeins 200 Mitarbeiter. Sie verkauften Restbestände und preiswerte Lizenzdrucke, später gab es eigene Buch- und Filmeditionen. Namhafte Verleger wie Rogner&Bernhard und Gerd Haffmans nutzten Zweitausendeins als zentralen Vertriebspartner. Wichtigste wirtschaftliche Standbeine wurden aber CDs und DVDs.

          Doch die Achtundsechziger-Generation alterte, und das Unternehmen schaffte es nicht, deren Kinder und Enkel als Kunden zu gewinnen. Die laden Musik und Filme lieber aus dem Internet herunter. Neuerdings vor allem bei Streaming-Anbietern wie Spotify oder Netflix, wo man für eine kleine Monatsgebühr sofort und überall Zugriff auf Millionen Titel hat. Seit 2005 ist der Umsatz mit CDs und DVDs in Deutschland von mehr als 1,6 Milliarden Euro auf knapp eine Milliarde Euro eingebrochen.

          Eine nach der anderen musste schließen

          „Der Trend zum Streaming hat uns einiges gekostet“, sagt Egelhofer. Zwar werden Schallplatten beliebter. Doch erstens auf geringem Niveau – bundesweit liegt der Jahresumsatz mit Vinyl bei nur 50 Millionen Euro. Und zweitens kaufen die Liebhaber ihre Platten nicht bei Zweitausendeins. „Die hohen Preise von mehr als 20 Euro verbindet man eben nicht mit unserem Günstig-Image.“ 2006 verkauften die Gründer wegen wirtschaftlicher Probleme das Unternehmen an Investoren aus Leipzig. Die setzten auf Expansion, stellten etwa Zweitausendeins-Regale in „Partner-Shops“ auf und verlagerten den Firmensitz nach Leipzig. Es nutzte nichts. Das Unternehmen hat sich inzwischen auf den Online-Handel konzentriert und alle Filialen abgestoßen. Eine nach der anderen musste schließen – bis auf die Frankfurter. Sie wurde 2013 von Egelhofer und seinem Partner Konny Künkel übernommen.

          Inzwischen betreibt Egelhofer das Geschäft allein und als eigenständigen Buch- und Musikladen, der hauptsächlich Produkte aus dem Zweitausendeins-Katalog vertreibt. Selbst das wird aber nun schwierig: Vor drei Wochen verkauften die Leipziger den Katalog an einen anderen Verlag. „An eine Firma, die mit uns nichts zu tun hat.“ Für seine Kunden heiße das, dass sie bald wohl nicht einmal mehr alle Produkte aus dem Merkheft im Laden bekommen könnten.

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