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Stadtteil-Blogger : Weil jeder etwas zu sagen hat

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Stadtteil-Blogger: Esther Zeschky und Malte Rauch aus dem Nordend porträtieren im Internet gemeinsam ihre Nachbarn. Bild: Max Kesberger

Die Geschichten vor der Haustür suchen: Esther Zeschky und Malte Rauch aus dem Nordend porträtieren für ihren Blog „Telefon Trottoir“ ihre Nachbarn.

          Der Name, den sich Esther Zeschky und Malte Rauch für ihren Videoblog ausgesucht haben, nimmt Bezug auf den mündlichen Austausch von Neuigkeiten in diktatorisch regierten Ländern Afrikas. Die unzensierte Kommunikation findet dort auf dem Bürgersteig, dem Trottoir, statt. Zwar leben die zwei Urheber der Seite www.telefon-trottoir.de nicht in Afrika, sondern im Nordend - Erfahrungen damit, sich in ihrer Arbeit einschränken zu müssen, haben der Dokumentarfilmer und die ehemalige Produktionsassistentin allerdings schon.

          „Beim Fernsehen muss immer etwas Bombastisches oder Neues passieren“, sagt Rauch. Die Bereitschaft, jemandem mehrere Minuten zuzuhören, sei heutzutage gering. „Auch die neuen Videos im Internet dauern wenige Sekunden, irgendetwas fliegt durch die Luft, und es ist ein super Soundeffekt dabei“, sagt er.

          Interviewpartner müssen Frankfurt-Bezug haben

          Zu überladenen Videoportalen stellt der Blog „Telefon Trottoir - Fernsehen aus dem Nordend“ schon optisch ein Gegenprogramm dar. Die Seite ist auf das Wesentliche reduziert, Werbung ist nicht zu sehen. Die Aufmerksamkeit richtet sich sofort auf die Filme. Auf der Startseite sind Standbilder mit freundlichen Gesichtern zu sehen, die nicht unbedingt bekannten oder einflussreichen Personen gehören müssen. Sie verlinken direkt zu den entsprechenden Videos.

          „Wir interessieren uns nicht für den Bauer mit der dicksten Tomate“, sagt Rauch. Viel spannender seien die Menschen um sie herum, ihr Leben in Frankfurt und was sie dazu zu sagen hätten. Sie ließen ihre Interviewpartner einfach mal zu Wort kommen. „Die Leute müssen auf irgendeine Art interessant sein“, fügt Zeschky hinzu. Und natürlich müssten sie einen Bezug zu Frankfurt haben.

          Kein Quotendruck

          Ein Gespür für interessante Personen haben die zwei Blogger schon allein durch ihre Arbeit beim Fernsehen. Kennengelernt haben sie sich bei der Produktion von Rauchs letztem Dokumentarfilm vor fünf Jahren. Die Idee für den Blog hatten sie, als Zeschky dem Filmgeschäft bereits den Rücken gekehrt hatte. „Einen Film zu machen ist aber immer noch ein Traum von mir“, sagt sie. Allerdings habe sie gesehen, wie schwer das Geschäft sei und mit wie viel Zurückweisung Rauch zu kämpfen gehabt habe. Deswegen beschränke sie sich lieber auf das Hobby Telefon Trottoir. Die Anzahl der Klicks sei nebensächlich.

          Für Rauch ist der Videoblog eine willkommene Abwechslung. „Es ist sehr entspannend, nicht für eine Einschaltquote produzieren zu müssen“, fügt er an. Die Arbeit für den Blog ist für den Filmemacher jedoch nichts Neues. Er hat bereits in den sechziger Jahren, ähnlich wie bei Telefon Trottoir, kurze Porträts aus Paris für ein Kulturmagazin des WDR produziert. „Aber ich muss sagen - die Leute hier in Frankfurt sind interessanter“, sagt er nach kurzer Überlegung.

          Das mag was heißen, denn immerhin hat ihm der Künstler Salvador Dalí vor laufender Kamera Malunterricht gegeben. „Es ging immer darum, sich zu verkaufen, um die Publicity. So etwas ist aber immer entsprechend phony“, sagt er. Weniger „unecht“ seien die Leute, mit denen er für den Blog arbeite, sagt er und fügt hinzu, dass die besten Videos vor allem dann entstünden, wenn sich seine Interviewpartner selbst für uninteressant hielten.

          Wenn er dann versucht, die Videos zu beschreiben, macht Rauch Aussagen wie „Das ist ein uriger Typ“ oder „Das ist ein richtiges Original“ und lacht. Jeder Protagonist habe etwas zu sagen - das gelte für die Jungen und Mädchen aus dem Kinderhaus in Bornheim genauso wie für eine senegalesische Aktivistin, die gegen die Beschneidung von Frauen kämpft. „Oft wundere ich mich darüber, was die Leute alles so erzählen“, sagt Rauch. In den Gesprächen entpuppten sich dann zum Beispiel die Café-Besitzerin als „kleine Philosophin“ und der Verwalter der jüdischen Friedhöfe als „selbstironisch“. „Wir versuchen einfach in unseren Videos den Leuten gerecht zu werden und uns in kein Schema zu zwängen“, sagt Zeschky dann, und Rauch nickt wieder. „Da ist es dann schon schade, dass uns noch nicht so viele Leute zuschauen.“

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