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Frankfurter Drogenszene : „Stadt soll Zahlen von Konsumenten nennen“

Die Polizei kontrolliert im Viertel rund um die Uhr, aber die Zustände bessern sich kaum. Bild: dpa

Die Zustände im Frankfurter Bahnhofsviertel stoßen verstärkt auf Unmut. Gastronomen und Gewerbetreibende haben nun einen offenen Brief verfasst. Unterdessen fordert der zuständige Ortsvorsteher für das Viertel härteres Durchgreifen.

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          Wegen der Missstände im Frankfurter Bahnhofsviertel fordert der zuständige Ortsvorsteher Oliver Strank (SPD) ein härteres Durchgreifen der Stadt. „Inzwischen haben der offene Drogenkonsum, der Rauschgifthandel, die Vermüllung und die unsäglichen Hinterlassenschaften in Form von Urin und Fäkalien ein unerträgliches Maß angenommen. Verbessern lässt sich die Situation leider nicht mehr nur mit mehr Prävention, sondern eben auch mit mehr Konsequenz bei der Repression. Es darf nicht sein, dass der offene Konsum im Bahnhofsviertel wieder an der Tagesordnung ist“, sagte Strank.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sicherlich habe der Corona-Lockdown die Probleme „wie mit einem Brennglas für alle sichtbar herangezoomt“. Die Zustände würden von den Dezernenten für Drogenpolitik, Sicherheit und Ordnung aber schon seit Jahren toleriert. „Mir scheint es, sie haben das Viertel inzwischen aufgegeben.“

          Strank sagte weiter, die Stadt solle Zahlen darüber vorlegen, wie viele auswärtige Konsumenten in den Druckräumen registriert seien und sich den Erkenntnissen zufolge darüber hinaus in Frankfurt mit Rauschgift versorgten. „Sollte der Anteil tatsächlich eine gewisse Zahl überschreiten, muss überlegt werden, ob diese Abhängigen die Hilfsstrukturen, die mit dem Frankfurter Weg geschaffen wurden, weiter nutzen können oder ob nicht vielmehr die ,Heimat-Kommunen‘ der Konsumenten eigene Strukturen schaffen müssen.“ Ähnliches hatte vor etwa einem halben Jahr Sicherheitsdezernent Markus Frank (CDU) vorgeschlagen.

          Kein separates „Crack-Areal“

          Strank bedauert, dass die Stadt seinen Vorschlag, ein separates „Crack-Areal“ am Rande des Bahnhofsviertels auszuweisen, seinerzeit verworfen hat. Das hätte den Anwohnern, Geschäftstreibenden und Hoteliers die Möglichkeit gegeben, in dem Quartier ohne die täglichen Begleiterscheinungen der Sucht zu leben und zu arbeiten.

          Zwar sei das Nachtcafé für Abhängige, das vor etwa einem Jahr eingerichtet worden sei, eine gute Lösung, es reiche aber längst nicht aus, um den offenen Drogenkonsum einzudämmen. Es gebe schon jetzt viele Möglichkeiten, stärker gegen Missstände wie offenen Konsum und Vermüllung vorzugehen. „Dafür muss die Stadt aber Personal bereitstellen und letztlich Geld in die Hand nehmen. Das muss es ihr wert sein.“

          Druck auf die Stadt wächst

          Unterdessen wächst der Druck auf die Stadt auch von Seiten der Gastronomen und Geschäftstreibenden. In einer Petition, die unter anderen an Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) und Ordnungsdezernent Frank geschickt worden ist, beklagen rund 40 Betriebe die Zustände vor Läden und Lokalen. Drogenkonsumenten und Obdachlose, die sich zuvor in den Hilfseinrichtungen aufgehalten hätten, seien immer öfter an der Kaiserstraße anzutreffen. Zudem habe sich mit Beginn der Corona-Pandemie die Zahl organisierter Bettlerbanden erhöht. „Bedingt durch rivalisierende Gruppen untereinander ist auch hier das Aggressionspotential hoch.“

          Überdies kontrolliere die Polizei nicht mehr so häufig. „Die Sicherheit im Bahnhofsviertel ist nicht mehr gewährleistet.“ So habe es Fälle gegeben, in denen Autos zerkratzt und gegen die Fahrzeuge von Beschäftigten uriniert worden sei. „Das buntgemischte Bild des Bahnhofsviertels befindet sich im Wandel, und die Gettoisierung nimmt stark zu.“

          Rund 30 Kilogramm Drogen sichergestellt

          Die Polizei teilte am Donnerstag mit, sie kontrolliere weiterhin intensiv in dem Viertel. Allein seit Anfang des Jahres seien rund 19.470 Personen kontrolliert worden. 2763 Strafverfahren wurden eingeleitet. Zudem wurden rund 30 Kilogramm Rauschgift sichergestellt. Das Frankfurter Bahnhofsviertel sei „der am intensivsten polizeilich betreute Stadtteil Frankfurts“. Gleichzeitig betonte die Polizei, dass sie zwar für die Bekämpfung der Rauschgiftkriminalität zuständig sei. Die in dem offenen Brief der Gewerbetreibenden angesprochenen Probleme wie Müll, aggressives Betteln und der Drogenkonsum im öffentlichen Raum fielen jedoch in die Zuständigkeit der Stadt. Am Montag wollen sich Polizeipräsident Gerhard Bereswill und Sicherheitsdezernent Markus Frank mit den Verfassern des Beschwerdebriefs zum Austausch treffen.

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